Hymne an das Eisen

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Hymne an das Eisen (1802)

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Heil dir, Mark der Natur, der gabenspendenden Erde
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Stilles Erzeugniss, doch gross von Kraft und herrlich
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Nimmer rühmt' ich das Gold, und dein, jungfräuli-
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Dacht' ich nimmer im Liede. Dir aber, Preis der
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Will ich Ehre verleihn, und deine Tugenden singen.

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Heil dir, ältestes Kind der Gebürg'! und ihr edel-
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Erstgeborner im Reiche der vielgestalteten Erze.
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Schon in der Dinge Beginn, als die uranfänglichen
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Jegliches Stoffes trächtig die kraysende Erde noch
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Schwebtest du in dem unendlichen Meere, geselltest
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Zu dem Gesäme des Quarz, zu des Feldspath binden-
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Schwärztest den ernsten Schörl, durchblinktest die
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Härtetest, heilige Kraft, die Granitgerippe des

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Aber zu rasten vermochtest du nicht mit dem
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Nicht zu bändigen taugte den Trotz des Titanen der
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Noch der Sudeten Gewicht, das schwer auf die
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Tief aufstöhnend enthobst du der Last dich; aus
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Quollst du hervor, ein Feuerstrom, gerannst zum
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Pflastertest Riesenweg', und wölbetest Grotten des

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Rastlos gährt' es indess in des Meers arbeiten-
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Niederschlugen die Lager der Erden, des Thons und
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Wechselnde Schichten. Wer sprengte die Mächtigen?
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Höhlt' im gediegenen Flötz der Gäng' und Minen
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Labyrinthisch Geklüft? Du thatest es, Heros! Und
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Dich zu entwinden dem spähenden Blick helläugiger
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Wähltest du dir zum geheimeren Sitz das verborgne
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Lauschest dort in des Dunkels Schirm in mancher
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Bald gelüstet es dich, als Druse zu blinken. Be-
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Birgst du ein anderes Mal dich in unscheinbarer
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Tropfest itzt 'gar die Teufe herab ein nichtiges
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Blühest als Blume dann, und schossest ein ästiges

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Tausend sind deiner Launen und deiner Verlar-
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Dennoch fessl' ich dich, Proteus, mit mächtigem Zau-
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Dich ertapp' ich im wilden Gestein, in der bläulich-
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Dich in des Schmirgels zäherem Korn, im flüchtigen
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Freundschaft pflegst du mit jedem Genossen der wu-
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Willig gesellen sich dir die minder edleren
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Aber nur ungern gehorcht dir der Sol; die züchtige
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Wegert sich lang; es sträubt sich verschämt die keu-

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Kühner Ares, du steigst hinab in der schüchter-
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Heimliche Grotte. Verwegen umschlingst du die Blö-
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Sinket sie dir in den brünstigen Arm. Der Umar-
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Heilende Quellen. Des Heiltranks schlürft sehnsüch-
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Fühlt sich das Herz erfrischt und gestählt die erschläf-

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Heil, Dämonischer, dir
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Regenbogengewand und der Farben magische
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Gaukel.
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Dir verdanket die glühenden Tinten die schillern-
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Dir der Saphir den Lasur, der Amethyste den
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Dir der Smaragd sein spielendes Grün, sein Gold der
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Dir der Rubin die leuchtende Gluth, die wechseln-
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Danket dir der Opal, drinn des Aethers Launen sich

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Treflicher Künstler, wie mahlst, wie schattirst du
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die Schöpfung der Pflanzen!
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Dir nur danket der lachende Frühling sein duftiges
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Dir den brennenden Kranz die Feuerblume. Des
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Duftkelch glühet durch dich. Der chalcedonischen
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Lodernde Flammen zündest du an. Der züchtigen
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Leihst du den Incarnat, der Götter entzücket und

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Glanz und Heitre verleiht dein fröhlicher Pinsel
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Edleren Formen. Das Rad des Pfauen, des Schmet-
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Tauchst du in nimmer verblassende Tinten. Es dan-
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Dir den smaragdenen Hals, den schimmernden Fittig
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Jedes Kügelchen färbst du des lebennährenden
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Glühest herauf auf brauner Wange des rüstigen
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Hauchest die Jungfrau an mit des Frühroths leisesten

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Heil, Dämonischer, dir! Nicht bloss der schaf-
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Dienst du ein frommerer Sohn in ihrer geheimeren
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Auch der Cultur, der Lebenverschönernden, streben-
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Förderst du unverzagt, ein tausendrädriges Trieb-

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Heil dir, nutzendes Erz! Aus des Schachtes täu-
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Mühsam zu Tage gefördert, zerrieben im hammern-
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Reingeschmolzen durch Ofengluth von jeglicher
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Wer mag zählen die Formen, die nutzenden, schmük-
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Die durch der Esse Gewalt, durch des Hammers
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Nagenden Zahn aus dir die Hand des Fleisses her-

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Dein ist, friedliches Erz, die Pflugschaar, welche
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Lockert, den strengeren Kloss bereitet, dass er des
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Goldenen Regen empfang', und ihn getrenlich be-
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Dein die blinkende Sense, von deren Klinge getroffen
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Niederrauschet der Schwad des vollgekörneten
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Dein des Winzers Hippe, die leise vom blutenden
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Löset die glühende Traube, den Quell nektarischen
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Du, vom magnetischen Strom ergriffen, geleitest den
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Sicher durch Meere, die Cook nicht kannte, nicht
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Birgt gleich der Nordstern sich, und des Wagens

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Dein ist, schützendes Erz, das Schwert, das das
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Dein das donnernde Rohr, mit dessen Toden die Freyen
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Niederschmettern der Feigen Volk in brüllender
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Jedes Geräth' ist dein, des wundenkundigen
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Jegliches, welches die Plagen des Siechenden mildert;
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Welches die schwellende Ader erleichtert; der lüf-
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Welcher des Denkens Organ des Drucks entbürdet;
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Die in des Auges Tiefe den wölkenden Tropfen
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Dass dem entflorten Stern der Weltbau strahlend

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Heil dir, verschönerndes Erz, auch der Kunst,
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Welche den Stoffen Gestalt verleihet und Seele dem
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Auch der Lieblichen jüngrer, wiewohl tiefsinng'rer
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Auch der Wissenschaft dienst du, ein ewig ändern-

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Dein gehöret der Stahl, der Apollons göttliche
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Der Laokoons stöhnenden Schmerz aus dem Marmor
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Dein der Meissel, durch den aus rohem Blocke der
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Zierlich schlanke Gestalt mit krausem Schnirkel em-
104
Dein der Griffel, der dreist auf sprödem Kupfer
105
Weichesten Reiz nachahmt, und Guido's frischeste
106
Dein der Verfinsterer Schrecken, die tausendzüngige
107
Welche des Weisen Wort den lauschenden Völkern
108
Mächtig am Throne rüttelt des Despotism und der

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Heil dir, Kronions Geschenk, der Gesellschaft
110
Erstes der Erze und Letztes! Vor deinen strahlen-
111
Will ich singen dein Lob und deiner Preise gedenken!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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