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Ich sang und wanderte im Wasgauwalde,
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Bis ich im Wurzelwerk den Pfad verlor,
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Da trat mir just auf einer Lichtung Halde
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Ein grünumranktes, freundlich Haus hervor.
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Gar lockend winkte aus dem Laubgewinde
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Die weiße Wand, der hellen Fenster Fach,
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Und über allem baute Eich’ und Linde
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Ein duftig schattenreiches Blätterdach.
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Hoch durch das Laub sah ich den Giebel ragen,
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Gekrönt von einem stattlichen Geweih,
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Das schien dem Wandrer schon von fern zu sagen,
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Daß dies des Waidmanns lustig Schlößchen sei.
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Hier stieg ich keck die moosumkränzten Stufen
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Zur braunen Thür und pochte wacker an. —
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Der liebe Gott hat’s ja schon längst gerufen:
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„wer anklopft, dem wird sicher aufgethan.“ —
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Ich that’s zwei-, dreimal, doch es blieb geschlossen.
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Ein Zeisig nur sang drin sein Schelmenlied;
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Es war das erste, das mich schier verdrossen,
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Denn neckisch klang es mir wie: „Flieht nur, flieht!“
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Da hört ich plötzlich durch’s Gezweig erklingen
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Gar heller Stimme fröhlichen Gesang,
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Und gleich darauf sah ich durch’s Buschwerk springen
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Ein blühend Mädchen, schlehenäugig, schlank.
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Als sie den Fremden sah am Haus sich regen,
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Entfuhr ihr wie im Schreck ein leiser Schrei;
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Ich grüßte reuig, schalt mich keck, verwegen
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Und bald war ihre Mädchenangst vorbei.
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Erst schmählte sie mit hellem Silberlachen
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Sich selber aus und zürnte schelmisch dann;
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„wie konntet ihr mich auch nur schrecken machen,
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Am offnen Tag, ihr böser, junger Mann!
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Ich war das Thal hinab in’s Dorf gegangen
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Um Salz und Brot für unser kleines Haus,
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Der Vater zog schon bei dem ersten Prangen
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Des Frühroths auf sein Tagewerk hinaus.
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Doch tretet ein, gönnt euch ein Ruhestündchen,
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Ihr seid gewiß recht müd’ und wandermatt!
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Kommt, nehmt vorlieb mit dem, was unser Spindchen
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An Speis’ und Trank für euren Gaumen hat!“ —
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In ihren Wangen lachten kleine Grübchen,
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Als sie mich herzlich in den Hausflur lud;
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Drauf öffnete sie mir das Försterstübchen,
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Daß mir ganz still und sonderbar zu Muth.
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Gebohnt war dort die glatte Diele drinnen
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Und holzgetäfelt rings die braune Wand,
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Die Fenster zierten schmuck schneeweiße Linnen
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Aus ihrer eig’nen, fleiß’gen Mädchenhand.
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Ein Eichentisch stand gastlich in der Mitte,
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Zu dem des Vaters Art den Stamm gefällt,
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Und Flechtwerkstühle nach des Waidmanns Sitte
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Aus Birkenästen kunstvoll hergestellt.
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Behaglich bis zu künft’gen Wintertagen
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Der Kachelofen in der Ecke stand
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Und auf gescheuerten Gesimsen lagen
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Viel blanke Teller mit gemaltem Rand.
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Am Wandgetäfel sah ich aufgehangen
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Ein schlichtes Kreuz und unsres Kaisers Bild.
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Und rings im Kreise vielgestaltig prangen
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Manch stolz Geweih von dem erlegten Wild.
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Doch immer warf ich heimlich beim Beschauen
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Mein Auge auf das Försterkind zurück
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Und haschte diebisch aus den dunkelblauen
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Und sanften Augen manchen raschen Blick.
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Sie hatte bald mit flink gewandten Griffen
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Den Eichentisch für unser zwei bestellt
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Und grüne Gläser bilderreich geschliffen
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Und schwarzes Brot und Wildpret drauf gestellt.
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Doch auf der gastfreundlichen Tafel Mitte
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Trug sie im irdnen Kruge goldnen Wein,
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Und lud mich dann mit liebevoller Bitte
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Zum frohen Vespermahle freundlich ein.
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Sie bat so herzlich mich, so unbefangen,
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Bediente mich, kredenzte den Pokal,
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Daß unbewußt in meine jungen Wangen
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Ein seltsam Glühen sich verrathend stahl.
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Durch’s Fenster lugten von dem Buchenaste
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Zwei weiße Täubchen auf den stillen Schmaus,
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Verwundert girrend ob dem seltnen Gaste
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In ihrer Herrin trautem Försterhaus. — —
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Schon sah ich Alpenglühn auf Gletscherriffen,
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Und schaute auch des Meers Unendlichkeit,
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Doch hat mich nichts so innerlich ergriffen
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Als dieses Mädchens sanfte Kindlichkeit.
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Ihr frisches Plaudern klang wie einer Quelle
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Melodischer und weicher Waldgesang;
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Von Wiese, Waidwerk und des Wildes Schnelle
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Erzählte sie und von dem Drosselfang.
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Dann mußt ich ihr auf tausend liebe Fragen
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Berichten von den fernen Schweizerhöhn,
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Wie silberkuppig dort die Gletscher ragen
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Und die Lawine löst der grause Föhn;
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Und wie ich südwärts dann hinabgezogen
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In’s schöne Land, wo die Orange glänzt,
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Und wo die Adria mit ihren Wogen
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Venedigs schimmernde Paläste kränzt.
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Der deutsche Wein lieh meinen Worten Flügel,
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Mein Auge glühte, meine Rede floß
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Und leicht getragen ohne Zaum und Zügel
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Sprang sie dahin wie ein beschwingtes Roß.
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„und doch,“ so rief ich, und die Gläser klangen,
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„wie reich die Welt da draußen auch, wie schön
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Neapels Golf, der ewgen Roma Prangen,
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Das blaue Meer und Tiburs Myrthenhöhn,
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Ich sehnte mich aus all des Südens Düften
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Nach meines deutschen Eichwalds grünem Dom,
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Und von Siciliens wunderbaren Triften
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An meinen Rhein, an meinen deutschen Strom.
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Und eines Tags — der Lenz ging schon zur Rüste
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Mit Stab und Ränzel mich Palermo sah,
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Dort nahm ich Abschied von Messinas Küste
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Und fuhr zu Schiffe hin nach Genua.
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Hier zog ich nordwärts, jauchzte meine Lieder
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Zum zweiten Mal im Berner Oberland,
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Bis heut ich meine deutschen Wälder wieder
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Und — dich, du liebe, junge Wirthin, fand!“ —
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Ich war zu Ende und die Zeit verflogen,
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Schon dunkelte das trauliche Gemach
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Und schimmernd flutheten die goldenen Wogen
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Der Dämmerstunde durch das Blätterdach;
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Und glühend küßte meiner Wirthin Wangen
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Des Abends rosiger Madonnenschein
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Und hüllte wunderbar in goldnes Prangen
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Ihr wallend Haar, ihr blühend Antlitz ein.
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Doch wie die Strahlen mählig weiter wichen,
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Rief mich die Wanderpflicht gebietend fort,
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Ich wollte noch, eh mich die Nacht beschlichen,
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Zu Thale pilgern in den nächsten Ort.
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Mich rief mein Ziel von dieser trauten Stätte,
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Die Liebe mir geboten, Trank und Schmaus,
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Und dennoch war’s, als schlöss’ mich eine Kette
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An dieses waldesstille Försterhaus.
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Stumm sann ich nach. — Ich wußte nichts zu sagen,
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Stand auf vom Tisch und von dem lieben Mahl,
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Als mich, wie mit geheimnißvollem Fragen,
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Aus ihren Augen traf ein lichter Strahl.
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Und zögernd frug sie: „Wollt Ihr wirklich gehen?
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Im Haus ist Platz genug, ich bitt’ Euch, weilt,
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Und wandert morgen erst von unsern Höhen
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Mit meinem Vater, wenn die Zeit Euch eilt!“
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Nun rang ich mit mir selbst und wurde irre,
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Ob’s recht, daß man die Liebe so vergilt,
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Und immer trat aus meiner Pläne Wirre
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Des Försterkindes maienlichtes Bild.
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Doch eine Stimme, die mich sonst gemieden,
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Rief warnend mir: „Flieh, fliehe nur geschwind!
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Vergifte nicht des Waldes heilgen Frieden,
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Vergifte nicht dies schöne junge Kind!
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Fremd wie du kamst, zieh fremd auch rasch von hinnen
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Und kette hier nicht jählings dein Geschick;
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Was willst, was willst du hier? Bist du von Sinnen?
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Zieh fort und schaue wandernd nie zurück!“
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Und plötzlich war’s, als zög’ es mich von dannen,
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Rasch griff ich Wanderränzchen, Hut und Stab
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Und wandte mich — denn ein Paar Thränen rannen
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Ganz heimlich aus den Augen mir herab:
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„ich kann ja nicht und darf nicht länger bleiben,
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Muß morgen noch an meinen Heimathrhein,
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Vielleicht, wenn wieder Buch’ und Birke treiben,
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Kehr’ ich noch einmal hier im Forsthaus ein.
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Heut hast Du mich so liebreich aufgenommen,
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Als wär ich dir ein Bruder oder mehr,
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Drum wird, ich weiß wohl selbst nicht wie’s mag kommen,
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Von dir das Weiterwandern mir so schwer.
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Mach mirs nicht schwerer, Mädchen, laß mich ziehen,
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Nimm mir nicht ganz den jugendfrohen Sinn
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Und laß mich fremd aus deinem Walde fliehen,
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Fremd wie ichs war und wie ich jetzt noch bin!
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Dein Bild nur laß mich tief im Herzen tragen
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Als Kleinod, das die Wanderlust mir lieh,
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Mein Lied nur soll von deiner Liebe sagen,
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Verklären soll dich einst die Poesie.
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Hab Dank! — Was soll ich dir du Waldkind, schenken
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Als deiner Herzensgüte edlen Preis?
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Ich wüßte nichts, doch — willst du mein gedenken —
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So nimm dies kleine Sträußchen Edelweiß.
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Es welkt nicht hin wie eine Rosenblüthe,
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Frisch bleibt sein Schmelz und seine Lieblichkeit;
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Nimm es für deine Liebe, deine Güte
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Und nun leb wohl — du junge, deutsche Maid.“ —
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„so zieht mit Gott“ — rief sie mit Flammenwangen,
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„doch trinkt noch diesen letzten Becher Wein:
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‚auf Wiedersehn‘ —“ die hellen Gläser klangen —
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„so zieht mit Gott und denkt auch fürder mein!
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Seht ihr den Pfad, der durch den Wald sich windet,
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Den wandert fort, bis ihr vom Zaun umhegt
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Ein Christusbild an einem Hochweg findet,
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Der euch vor Nacht noch in den Thalgrund trägt!“
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So schied ich denn, ein Druck der lieben Hände,
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Ein heller Blick, ein Gruß, ein letztes Wort. — — —
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Dann stürmte ich mit Hast das Waldgelände
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Den Pfad entlang nach meinem Ziele fort. — —
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So schwer war ich noch nirgends fortgegangen
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Als von dem gastlich trauten Försterhaus,
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Da draußen trieb mich stets ein wild Verlangen
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Nach neuer Länder neue Pracht hinaus.
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Die Welt war fremd mir, ich an nichts gekettet,
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Und frei noch trieb ich meiner Pläne Spiel,
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Heut hatt’ ich hier mich, morgen dort gebettet,
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Wie’s grade meiner Wanderlust gefiel.
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Und nun schien mir des Wanderns schönes Leben
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Ein Gang vom Paradies ins Ungefähr,
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Ein planlos Irren und ein blindes Streben
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Und eine Fahrt auf ödem weitem Meer.
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Und wie ich schritt und wie des Waldes Bäume
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Aufrauschten in des Abends duftgem Wehn,
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Versank ich stumm in wunderbare Träume,
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Sah Bilder wie ich sie noch nie gesehn. —