So leb’ denn wohl, du Stätte —

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N. N.: So leb’ denn wohl, du Stätte — (1885)

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So leb’ denn wohl, du Stätte, die dem Müden,
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Dem Schmerzgeschüttelten noch Labung bot,
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Traumsüßer Ruhe frohbewegten Frieden
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Nach qualdurchstürmter, herzensbanger Noth!
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Ein Hirsch nach Wasser streif’ ich auf der Erde,
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Der durstgequält um kühle Letzung schreit,
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Verhöhnt, verstoßen von der Bruderheerde,
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Gehetzt durch grauenvolle Einsamkeit.
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Wo war ein Ort, da Balsam sich ergossen
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In meiner Wunden tausendfält’gen Brand?
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Wann schlug die Stunde je, da ich erschlossen
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Das stets umsonst gesuchte Eden fand?
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Der Wahrheit treu seit meinem ersten Fühlen
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Brach ich zusammen, oft ein irrend Kind,
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Was konnte mir die Flammenstirne kühlen,
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Dem tausend Formen tausend Sphinxe sind?
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Zum Fremdling dieser Erde ward erschaffen,
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Wen tiefstes Geistessehnen ganz erfüllt,
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Von Ort zu Ort muß er sich einsam raffen,
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Vom Trauerflor der Schweigsamkeit verhüllt.
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Vor Götzenbildern sieht er niedersinken
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Der Lichtgebor’nen wahnbethörte Schaar,
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Die Lüge sieht er durch die Menge hinken
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In schillerndem, vielfaltigem Talar.
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Er will ein Retter, will ein Heiland werden
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Und weist empor den Pfad aus Nacht zum Licht,
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Er trägt des Kreuzes heilige Beschwerden
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Und kämpft voran, bis Schwert und Leben bricht.
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So leb’ denn wohl! Wenn mit dem Flötenklange
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Des Flügels weichste Töne sich vermählt,
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Wenn leise, wehmuthvolle Lieder bange
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Und doch so süß mich träumerisch beseelt,
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Da hat ein selt’ner Gott sich eingefunden
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Und gnadenvoll sich über mich geneigt,
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Da hab’ auch ich das traute Glück empfunden,
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Das allzuschnell sonst meinem Blick entweicht.
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Ihr kennt es nicht, die ihr parfum-umfächelt
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So glatt wie hohl ein wenig „Leben“ spielt,
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Nur wem im Wettersturm die Sonne lächelt,
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Der Kämpfer nur hat einzig es gefühlt!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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