Der Emir und sein Roß

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N. N.: Der Emir und sein Roß (1885)

1
Blutbeströmt und voller Wunden,
2
Die ihm Christen-Schwerter schlugen,
3
Trugen Mauren ihren Emir,
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Der da kämpfte, der da siegte
5
Hundertmal in hundert Schlachten,
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Heimwärts von des Ebro Strand.

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Tief gesenkt das Haupt, das edle,
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Zu der Blutspur des Gebieters,
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Selbst aus tiefer Wunde blutend,
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Kam das Roß, das ihn getragen,
11
Hundertmal in hundert Schlachten,
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El Mahran, der weiße Hengst.

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Von dem Burgthor, dem gewölbten,
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Schritt herab das Weib des Helden,
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Gülnahar, die vielgeliebte,
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Schlang um ihn die weißen Arme,
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Dunkel, flossen ihre Locken,
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„rettet,“ rief sie, „meinen Herrn!“

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Und es sprach Medschnun der alte,
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Der der Heilkunst wohl erfahrne:
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„schwer und tief sind seine Wunden,
22
Nie zum Kampf mehr wird er reiten,
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Aber willst Du, daß er lebe,
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Leben wird er, folge mir:

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Von den Pfeilern, von den Wänden,
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Nimm die Waffen, die ihn schmückten,
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Die Gefährten alter Tage,
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Daß sein Blick sie nie mehr finde,
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Nie sein Auge ihn erinn’re
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An den Glanz ruhmvoller Zeit.

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Banne ferne vom Palaste
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Die Posaunen, die Drommeten,
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Die Verkünder einst’ger Thaten,
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Daß sie nie mehr ihn erwecken,
35
Nie sein Ohr ihn mehr erinn’re
36
An den Glanz ruhmvoller Zeit.

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Mische dann in seinen Becher
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Diese tief geheimen Tropfen,
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Deren Kraft ist, daß sie löschen
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Alles, was uns je betrübte,
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Alles, was uns je erfreute,
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Tödtend die Erinnerung.“

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Und sie mischte ihm die Tropfen —
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Wo am schattigsten die Bäume,
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Wo am duftigsten die Blumen,
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Dort im stillen Gartenhause,
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Fern der Welt und fern den Menschen,
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Pflegte sie den wunden Herrn.

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Mählich schlossen sich die Wunden —
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Zweimal ging der lichte Frühling
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Durch das Thal von Barcelona;
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Als er kam zum drittenmale,
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Fand er, unter Blumen wandelnd,
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Friedlich lächelnd einen Greis.

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Und das war der kühne Emir —
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Jene Hand, die einst am Ebro
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Wie den Blitz das Schwert regierte,
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Spielte jetzt mit Frühlingsblumen,
59
Und das Schlacht-gewalt’ge Auge
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Blickte träumend in das Grün. —

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Gülnahar an seiner Seite,
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„bist Du ganz mir nun gesundet?“
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Sprach sie liebend. — „Ganz gesundet.“ —
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„fühlst Du Schmerzen?“ — „Keine Schmerzen.“
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„doch Dein Auge blickt so trübe?“
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„etwas,“ sprach er, fehlet mir.“

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„und dies etwas — sprich, was ist es?“
68
„nimmer weiß ich es zu sagen;
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Wie ich sinne, wie ich denke,
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Nimmer weiß ich es zu finden,
71
Doch es war in meinem Herzen
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Und im Herzen ist’s nicht mehr.“

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Also saß er eines Tages
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Unter’m Schattendach der Bäume,
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Gülnahar an seiner Seite —
76
Da vom Traume fuhr empor er,
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Da vom Sitze sprang empor er —
78
Was war das, was dort erklang?

79
Aus der Ferne scholl’s herüber,
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Gleich der Windsbraut, die die Meerfluth
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Die erstarrte, weckt zum Sturme,
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Gleich dem Erzklang der Drommete,
83
Gleich dem Rasseln der Geschwader,
84
Wie ein Ruf zu Schlacht und Streit.

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Und es scholl zum zweitenmale —
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Und zum drittenmal ertönt’ es —
87
„bringt mein Schwert mir,“ rief der Emir,
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„sattelt meinen weißen Hengst mir,
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Denn ich kenne diese Stimme,
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Das ist El Mahran’s Gewieh’r!“

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Da am Herzen brachen strömend
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Auf die Wunden, sterbend sank er,
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In den Armen hielt ihn klagend
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Gülnahar, doch er mit Lächeln
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Sprach: nun fand ich das Verlor’ne —
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Weine nicht, — ich bin gesund.“

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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