1
Zu Hersfeld im Kloster der Prior sprach:
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„der Bruder Medardus ward alt und schwach.
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Ich glaube, sein Stündlein ist heute gekommen —
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Geh, Bruder Beicht’ger, hinein zu dem Frommen,
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Vernimm das Geständniß von seinen Sünden:
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Zwar weiß ich, Du wirst nicht viele finden.
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Er dienet dem Kloster heut fünfzig Jahr’,
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Im Klosterschatten verbleichte sein Haar,
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Er hat gefastet, er hat sich kasteit,
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Wohl vorbereitet zur Seligkeit,
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Er ist der heiligste von uns Allen
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Und wird dem Allmächtigen wohlgefallen.“
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Der Beichtiger schlug an Medardus’ Thor —
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Von innen tönte kein Ruf hervor,
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Der Beichtiger trat wohl über die Schwelle
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Und schritt hinein in Medardus’ Zelle —
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Und Stunde auf Stunde nach Stunde verrann,
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Die Mönche schauten sich staunend an:
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„er, der unsträflich in Worten und Thaten,
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Was kann Medardus für Sünden verrathen?“
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Die Vesperglocke mit dumpfen Schall,
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Sie rief zur Kapelle die Mönche all’,
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Sie beugten die Häupter, sie knieten im Kreise,
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Für Bruder Medardus sie beteten leise. —
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Da horch, da von ferne herüberklang
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Mit klagender Stimme ein düster Gesang.
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Der Prior hob sich vom Boden empor,
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Die Mönche lauschten und neigten das Ohr:
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„aus Medardus’ Zelle der Sang erklingt,
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Das ist Medardus, der also singt.“
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Sie lauschten und horchten: „Was mag es sein?
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Das sind nicht Gebete und Litanei’n,
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Das klingt wie sündige, weltliche Worte?“
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Und siehe, und siehe, herein in die Pforte
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Der Beichtiger kam voll Schrecken und Hast:
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„wir haben den Teufel im Kloster zu Gast!
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Medardus ist dem Versucher verfallen,
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Medardus ringt in des Satans Krallen!“
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Der Prior setzte die Kerze in Brand,
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Die heilig geweihte, und nahm sie zur Hand,
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Die Mönche thaten alle, wie er,
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Und hinter dem Prior schritten sie her,
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Von Wand und Gewölbe scholl dröhnend wieder
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Die Klagestimme der singenden Brüder:
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„vor Sündenfrevel, vor Satans Spott,
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Bewahr’ uns in Gnaden, allmächtiger Gott“. —
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Die Zelle war offen — bleich, hager und mager
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Lag Bruder Medardus auf kärglichem Lager,
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Die Hände gefaltet in betender Wuth,
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Die starrenden Augen voll sehnender Gluth,
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Und von den stammelnden Lippen sprang
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Rastlos und ohn’ Ende der wilde Gesang.
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Das Lied das hatte so seltsamen Ton,
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Wie sehnende Liebe, wie lästernder Hohn,
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Als trüge von ferne herüber die Luft
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Fremdländischer Blumen bestrickenden Duft.
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Die Mönche sie schwangen die heiligen Kerzen:
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„fleuch’, Satan, entweiche aus seinem Herzen.“
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Sie schwangen die Kreuze, die heiligen Bilder,
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Medardus’ Gesang ward wilder und wilder,
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Und tief in die schauernden Seelen drang
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Das sündige Lied, das Medardus sang.
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Die Mönche beschlich es wie sehnender Schauer,
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Verlorenen Lebens tief nagende Trauer,
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Sie dachten an Dinge, die einst sie besessen,
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An Tage der Jugend, die lange vergessen.
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Und mählich, allmählich verstummte der Chor,
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Sie schwiegen und lauschten und neigten das Ohr. —
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Der Prior, ein frommer, ein eifriger Greis,
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Er stand voller Schrecken und blickte im Kreis,
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Zu Bruder Medardus erhob er die Stimme
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Und sprach in frommem, in eiferndem Grimme:
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„darfst Du mir verführen die heiligen Brüder?
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So fahre, Verdammter, zur Hölle hernieder!“
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Und siehe, vom Lager Medardus sich hob,
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Ein leuchtender Glanz sein Antlitz umwob,
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Sein starrendes Aug’ in die Ferne blickte,
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Als säh’ er ein Bild, das tief ihn entzückte,
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Er reckte die Arme, er streckte sie weit:
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„ich höre Dich,“ rief er, „ich bin bereit:
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Du reines Weib, das sie Hexe genannt,
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Du süßer Leib, den sie schändend verbrannt,
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Ihr schwellenden Lippen, ihr Augen voll Güte,
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Du, spielender Glieder süß quellende Blüthe,
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Du liebende Wonne, die einst sich mir bot
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Und die ich verachtend verstieß in den Tod,
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Nach fünfzig Jahren voll Buße und Pein,
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Ich komme, um ewiglich bei Dir zu sein!“
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Er reckte die Arme, er streckte die Glieder —
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„medardus ist todt,“ dumpf sprachen’s die Brüder. —
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Drei Tage und Nächte mit Buße-Gesang
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Die Mönche zogen das Kloster entlang,
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Sie lagen drei Nächte auf ihren Knien
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Und riefen zu Gott um Gnade für ihn:
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„ihm, welcher dahinging in Sünde und Schuld,
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Erlösender Heiland, vergieb ihm in Huld.“ —
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Im einsamen Zimmer, beim Kerzenschein
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Der Prior saß mit dem Beicht’ger allein.
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„nun sage mir an, was Medardus gesprochen,
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Die Thaten verkünde, die er verbrochen.“
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Ein großes Kreuz der Beichtiger schlug:
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„sein heiliges Leben war Lug und Trug;
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Du sahest ihn oft, wenn am grauenden Tag
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Er betend auf steinernen Fliesen lag,
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Du sagtest uns: ‚Werdet ihm gleich, meine Kinder,‘ —
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Erfahre, Du segnetest einen Sünder.
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Du sahst ihn, wie er in brünstiger Wonne
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Die Augen erhob zu Gottes Madonne,
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Nicht war es Maria, der all’ das galt,
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Seinen Busen erfüllt’ eine andre Gestalt.
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Sein Antlitz sahst Du, das träumende, milde,
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Du sahst nicht sein Herz, das gährende, wilde,
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Sein Haupt war kalt und sein Haar war weiß,
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Sein Herz von sündigen Gluthen heiß. —
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Ich war ein Priester, so sprach er zu mir,
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Voll Andacht las ich das heil’ge Brevier,
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Ich las es in Aengsten, ich las es in Gluth,
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Denn jung war mein Leib und heiß mein Blut.
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Die blonden Locken vom Haupt mir flossen
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Wie strömendes Gold, das darüber gegossen,
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Und als man hineinschnitt die erste Tonsur,
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Da war es, als mähte man Frühlingsflur.
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Es war zur Zeit, als im deutschen Land
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Der böse Teufel zur Macht entstand,
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Als er die Weiber zur Buhlschaft verführte,
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Und als man Hexen zum Brandpfahl schnürte.
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Damals geschah’s, ich saß allein,
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In tiefer Nacht, bei der Lampe Schein,
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Da schlug es klopfend an meine Thür:
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‚komm, Priester, heraus, man verlangt nach Dir.‘
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Die Nacht war schwarz, dumpf heulte der Sturm,
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Man führete mich hinaus an den Thurm,
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Tief unter die Erde, auf gleitenden Stufen —
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Mir was es, als würd’ ich zur Hölle gerufen.
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Man gab eine Fackel in meine Hand
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Und wies mir ein Loch in der steinernen Wand:
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‚zur Hexe, die morgen in Feuers Pein
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Ihre Sünden büßt, da geh’ Du hinein,
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Bereite sie betend zu seligem Sterben,
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Entreiß’ ihre Seele dem ew’gen Verderben.‘
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Ich schritt hinein in der Erde Bauch,
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In meiner Kehle stockte der Hauch,
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Da kam von drüben ein Rascheln her,
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Geklirr von Ketten und Seufzen schwer,
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Und sieh, in der Mauer finsterster Ecke,
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Wie ein Thier des Waldes in seinem Verstecke,
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Da sah ich ein Weib, gebeugt und gebückt,
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Das Haupt an die tiefenden Steine gedrückt. —
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Die Fackel heftet’ ich in den Ring,
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Der schwebend herab von der Wölbung hing,
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Ich sagte: ‚Wende zu mir Dein Gesicht,
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Komm her, meine Schwester, und fürchte Dich nicht.‘
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Ich sah, wie ihr Ohr meine Worte trank,
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Wie Hand nach Hand ihr vom Antlitz sank,
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Sie wandte das Haupt, sie schaute mich an,
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Auf ihren Knieen kroch sie heran.
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Ihr nackter Arm meine Knie’ umfing,
158
An meinem Antlitz ihr Auge hing,
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Ich schaute herab, der Fackel Licht
160
Umspielte ihr liebliches Angesicht;
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Da fühlt’ ich das Herz so süß mir erwarmen,
162
Da quoll in die Augen mir heißes Erbarmen,
163
Meine Lippen verstummten in lautlosem Leide,
164
In schweigendem Jammer weinten wir beide.
165
Und als meine Thränen sie fließen sah,
166
Mit bebenden Armen umfing sie mich da,
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Ein Schluchzen tief aus dem Busen ihr quoll,
168
Von stammelnden Lippen ein Flüstern scholl:
169
‚du kannst noch weinen, Du weintest um mich,
170
Wie den gütigen Heiland, so liebe ich Dich!‘
171
Mich faßte der Schreck ob des sündigen Worts:
172
‚gedenke der Stunde, gedenke des Orts,
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In Flammen soll morgen der Leib Dir verderben,
174
Durch Buße entfliehe dem ewigen Sterben.‘
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Da sah sie mich an so bangen Gesicht’s:
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‚was soll ich büßen, verbrach ich doch nichts?
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Meine Eltern sind todt — im Walde allein,
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Großmutter und ich, wir wohnten zu Zwei’n.
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Großmutter kannte manch’ heilsames Kraut,
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Manch’ Tränklein hat sie für Kranke gebraut,
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Großmutter im Feuer verbrannten sie,
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Eine Teufelshexe sie nannten sie.
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Ein altes Lied Großmutter sang,
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Ich lernt’ es ihr ab, weil so süß es klang,
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Sie sagte, es käme aus fernen Landen,
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Wo Liebeszauber die Menschen verstanden,
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Ich sang’s und wußte nicht, was es bedeute,
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Da griffen sie mich, hartherzige Leute,
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Und sperrten mich in den finsteren Thurm;
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Sie sagen, es sei der höllische Wurm,
191
Der singe aus mir, zu der Menschen Verderben,
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Drum soll ich morgen im Feuer sterben.‘ —
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Ihre bebende Lippe berührte mein Ohr,
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Ihr Auge mich flehend in Aengsten beschwor,
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Ihr Busen drängte an meinen sich,
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‚errette, sprach sie, errette mich!
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So süß ist zu leben, so bitter der Tod,
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Und Feuers zu sterben, ist schreckliche Noth!
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Kein Wesen hab’ ich gekränkt und betrübt,
200
Keine Sünde gethan, keinen Zauber geübt,
201
Die Herzen der Menschen gleichen den Steinen,
202
Du aber bist gut, Du kannst noch weinen;
203
Der Wärter schläft, frei ist die Thür,
204
Komm, laß mich fliehen, entflieh’ mit mir!
205
Wir gehen leise, man hört uns nicht,
206
Die Fackel erlischt, uns verräth kein Licht,
207
Die Thurmespforte geht in das Feld,
208
Niemand uns sieht, Niemand uns hält;
209
Wenn morgen der Schrei der Hähne schallt,
210
Sind wir schon ferne, im fernen Wald;
211
Der Wald ist dunkel, der Wald ist dicht,
212
Ich weiß eine Stätte, sie finden uns nicht;
213
Ich weiß eine Stelle, ich weiß einen Platz,
214
Da liegt verborgen ein alter Schatz,
215
Wir werden suchen, Du wirst ihn heben,
216
Wir ziehen ferne, wir werden leben
217
Im fernen Lande, Du nur mit mir,
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Ewig und ewig ich nur mit Dir!
219
Du hast kein Weib an das Herz noch gedrückt,
220
Du weißt nicht, wie Weibes Liebe beglückt,
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Reicher an Liebe sollst Du werden,
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Als jemals Menschen waren auf Erden —
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Die Sterne wandeln, die Stunden zieh’n,
224
Es ist Zeit, es ist Zeit, komm, laß uns entflieh’n!‘
225
Ihr heißer Odem wie Sturmwind ging,
226
Ihr weißer Arm meinen Nacken umfing,
227
Ihr dunkles Haar, wie Fittig der Nacht,
228
Umfloß des Leibes herrliche Pracht —
229
In meinem Haupte, in meiner Brust
230
War schwindelnde Wonne, tödtliche Lust,
231
Ich beugte mich nieder, ich wollte sie küssen, —
232
Da fühlt’ ich mich schaudernd rückwärts gerissen:
233
‚du küssest die Hexe, Du segnest die Schuld,
234
Du hast keinen Theil mehr an göttlicher Huld!‘
235
Auf meinen Lippen starb das Wort,
236
Von meinem Herzen stieß ich sie fort,
237
Entsetzen jagte mich aus der Kammer —
238
Da schrie sie mir nach in Verzweiflung und Jammer,
239
Sie brach zur Erde, sie lag auf den Steinen,
240
Dumpf hinter mir hört’ ich sie schluchzen und weinen.‘ —
241
Medardus schwieg — seine Wange erblich —
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Mein Bruder, sagt’ ich, was ängstet Dich?
243
Du hast dem Versucher widerstanden
244
Und machtest des Teufels Künste zu schanden.
245
Doch als ich tröstend ihm solches sprach,
246
Gelächter von seinen Lippen brach,
247
Ein Lachen, so wild und ungestüm,
248
Als lachte der Teufel selber aus ihm.
249
Mit rollenden Augen blickt’ er mich an,
250
Er schwieg. — Dann sprach er: ‚Der Tag begann —
251
Der Himmel brannte in Morgen-Flammen,
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Die Menschen rotteten sich zusammen,
253
Im Felde draußen, von Scheitern geschichtet,
254
Stand dunkel und düster der Holzstoß gerichtet,
255
Und aller Augen hingen am Pfahl —
256
Da stand sie und harrte ihrer Qual. —
257
Wie taumelnde Vögel, verflattert im Meer,
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So glitten voll Angst ihre Augen umher;
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Da trat ich heran mit dem Kruzifix,
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Und siehe, und siehe, verstohlener Weise
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Da neigte ihr Haupt sie, da nickte sie leise,
263
Und ein Lächeln erstand in dem süßen Gesicht,
264
Wie der scheidenden Sonne verlöschendes Licht. —
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Die loderne Fackel der Henker schwang,
266
Ihr lechzendes Aug’ in mein Auge sich trank,
267
Die Flamme griff in das dürre Geäst,
268
Ihre starrenden Augen hielten mich fest,
269
Die Funken stoben wie prasselnder Staub,
270
Ihre Lippen erbebten, wie sinkendes Laub,
271
Und plötzlich, und plötzlich vernahm ich ein Klingen,
272
Vom brennenden Holzstoß begann sie zu singen,
273
Wie Frühlingsregen, durchrauschend die Nacht,
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So ergriff mich des Liedes süß-selige Macht;
275
Mir war’s, als trüge herüber die Luft
276
Fremdländischer Blumen bestrickenden Duft,
277
Als spräch’ eine Stimme zu meinen Ohren
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Vom seligem Glück, das für ewig verloren.
279
Die Flamme ergriff ihren nackten Fuß,
280
Sie neigte sich scheidend, zum letzten Gruß,
281
Der schwarze Rauch sie wirbelnd umschwoll,
282
Ihr klagender Sang aus dem Rauche scholl,
283
Dumpf brausend die Flamme zum Himmel sprang,
284
Wie zitternde Glocken ertönt’ ihr Gesang —
285
Die Ohren bedeckt’ ich mit meinen Händen,
286
‚das Singen, das Singen, wann wird es enden?‘
287
Ich wandte mich schaudernd, ich floh von dem Ort —
288
Die klagende Stimme zog mit mir fort,
289
Wohin ich entfloh, wohin ich entwich,
290
Der Gesang, der Gesang, er begleitete mich.
291
Ob ich schlummernd lag, ob ich betend gewacht,
292
Zu jeglicher Stunde, bei Tage und Nacht,
293
Seit jenem Tage die fünfzig Jahr’,
294
Ich höre ihn immer und immerdar!‘ —
295
Medardus fuhr auf, wild war sein Gesicht,
296
‚ich höre sie wieder — vernimmst Du es nicht?
297
Den Gang herauf — es kommt durch die Thür —
298
Sie tritt auf die Schwelle — ist hier, ist hier!‘
299
Ich warf mich herab zu des Lagers Fuße,
300
‚mein Bruder,‘ rief ich, ‚thu’ Buße, thu’
301
Der Menschenverderber hält Dich gebunden,
302
Des Weibes Lied hat der Teufel erfunden!‘
303
Zum Lager zurück ich Medardus zwang,
304
Aus meinem Arme er los sich rang,
305
Von seinem Lager er fort mich stieß:
306
‚eine Stimme ist’s aus dem Paradies!
307
Sie ruft mich zum Heil, das ich frevelnd verlor,
308
Sie öffnet zur Seligkeit selbst mir das Thor.‘
309
Und plötzlich die strömende Thräne ihm rann
310
Und plötzlich Medardus zu singen begann —
311
Es war ein Lied, wie ich keines vernahm,
312
Das jemals aus menschlicher Kehle kam,
313
So in klagendem Leid, so in jauchzender Lust, —
314
Da faßte Entsetzen mir kalt in die Brust,
315
Mit flüchtendem Fuße schlug ich die Schwelle,
316
Da rief ich Euch Alle zu seiner Zelle.“ — —
317
Der Beichtiger schwieg — durch die Fenster brach
318
Der grauende Morgen — der Prior sprach:
319
„was Menschenaugen nicht fassen, noch sehn’,
320
Dort oben ist Einer, der wird es versteh’n,
321
Er hat gesprochen: ‚Mein ist das Gericht‘ —
322
Geh’ beten, mein Bruder, und richte nicht.“