Daniel in der Löwengrube

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N. N.: Daniel in der Löwengrube (1885)

1
Wende Dein Antlitz mir zu, o Herr,
2
Denn mich dürstet nach seinem Lichte!
3
Mich umnachtet Entsetzen und Grau’n.
4
Schick’ Deinen Odem mir zu, o Herr,
5
Denn mich verlangt nach seinem Wehen,
6
In mir ringet Leben und Tod!
7
Du hörst mein Rufen, ich weiß es!
8
Ob ich stehe in Wolken des Himmels
9
Weit entrückt den Gefilden der Flur,
10
Auf des Gebirges zackigem Haupt —
11
Oder liege, umgähnt von Schlünden,
12
In der Erde gräßlichem Bauche,
13
Du vernimmst meine Stimme, o Herr!
14
Dein Blick ist auf mir, ich weiß es!
15
Ob Deine Sonne den Himmel durchwandelt,
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Tränkend die Welten mit Licht,
17
Oder Orion die Nacht durchflammet
18
Und des Wagens siebenstirnige Pracht, —
19
Du siehst meine Nöthe, o Herr! —
20
Schrecken waffnen sich wider mich!
21
Brüllend lechzet nach mir der Tod!
22
Schaudernde Aengste, ein eisiger Strom,
23
Wälzen sich über den sterblichen Leib!
24
Recke die Hand, o Herr und rühre an meine Seele!
25
Daß sie auf himmlischen Schwingen sich hebe
26
Aus des Entsetzens erstarrender Fluth.
27
Haß und Verhöhnung umtoben mein Ohr —
28
Zagend verstummet die Stimme der Hoffnung —
29
Oeffne den Mund, o Herr und rede zu meiner Seele,
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Daß sie erwache aus todtem Verstummen!
31
Gedenk’ o meine Seele
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Daß Du entstammst von Gott,
33
Sei muthig drum im Unheil
34
Und trage stolz den Spott!
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Streb’ auf, o meine Seele,
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Sei würdig deines Herrn,
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Er harret, daß du kommest
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Und er empfängt dich gern!
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Soll er herab sich neigen
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So ringe du empor,
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Dann kommt er dir entgegen
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Und neiget dir sein Ohr;
43
Dann sei bereit, o Seele,
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Dein Gott zieht in dich ein,
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Groß wird und schwer dein Leiden
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Doch du wirst größer sein!
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Ich halt’ es in Händen und lasse es nicht
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Das Band, das, o Herr, mit Dir mich verbindet:
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Glauben und brünstig Vertrau’n!
50
Ich wandle in Nacht, doch am Ziele ist Licht,
51
Da lodert die Leuchte, die Du mir entzündet,
52
Dahin denn, zum Ziel will ich schau’n!
53
Nicht gehört meine Seele der Erde
54
Keine Erdengewalt zerreißt dieses Band!
55
Dir, o Herr, gehört meine Seele,
56
Nichts entreißt sie aus Deinem Schooß!
57
Ihr Wüstenlöwen mit rollendem Schweif,
58
Die die Flanken ihr peitscht, die Tatzen spannt,
59
Ist’s seine Kraft nicht, die in euch tost?
60
Ihr, deren Rachen wider mich schäumt,
61
Deren Auge mir glüht, deren Stimme mir schallt,
62
Ist’s nicht sein Donner, der aus euch grollt?
63
Seid ihr nicht Kraft seiner Kraft? Zorn seines Zornes?
64
Beugt euch vor mir, der ich Geist seines Geistes!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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