Im Himmel

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N. N.: Im Himmel (1885)

1
Gen Himmel fühlt' ich meine Seele schweben
2
Und in das Reich der Engel ging ich ein.
3
Geblendet wagt’ ich kaum den Blick zu heben —
4
O Glanz! O Glück! Das Alles war nun mein!
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Und unwillkürlich kam mir ein Gedanke,
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Der ach! so schön, so gut, so menschlich war —
7
Mir kam der Liebe seliger Gedanke — —
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O Du, o meiner Mutter Augenpaar!

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Von Ferne schien sie lächelnd mich zu grüßen,
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Die meiner Jugend erste Freuden sah;
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Und auch den Vater fand ich Gott zu Füßen:
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Verklärten Angesichtes stand er da.
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„so soll ich hier Euch wirklich alle finden,
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Die mich in Lieb’ an ihre Brust gepreßt?
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Ich hört’ es in der Jugend mir verkünden,
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Und zweifelnd hielt ich an der Hoffnung fest!“

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Ich trat heran — ich wollte sie umarmen.
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„mein Vater! Meine Mutter!“ rief ich laut —
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O laßt an Eurer Brust mich hold erwarmen,
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Selig das Kind, das Euch nun wiederschaut!
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Wie? War es möglich? Ihres einzigen Sohnes
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Erinnert eine Mutter sich nicht mehr? —
23
Ich fuhr empor: unwillig dumpfen Tones
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Lief ein Gemurmel durch der Engel Heer.

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Ich sah bestürzt umher im weiten Raume:
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Versunken war in Andacht Jedermann.
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Plötzlich erwachten wie aus tiefem Traume
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Alle und blickten mich erschrocken an.
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„o meine Freunde! Meine süßen Schwestern!
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Euch drück’ ich liebend wieder an mein Herz!“ —
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„„Hör’ endlich auf, den großen
32
Durch meinen Busen zog ein tiefer Schmerz.

33
„nein, noch ist alle Hoffnung nicht geschwunden,
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Ich sahe
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An deren Brust ich Paradieses-Stunden
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In weicher, warmer Sommernacht geruht.“
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Und durch allmächtiges Gefühl getrieben,
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Eilt’ ich auf ihre süßen Reize zu.
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„du,“ rief ich aus,“ Du mußt mich ewig lieben —
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Denn meines Lebens Liebe warst ja Du!“

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Sie sah mich an. Ihr Haupt erhob sich freier —
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Sie war so schön, so keusch, so engelrein!
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Gehüllt in einen leichten, weißen Schleier
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Lud ihres Busens holde Pracht mich ein.
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„o blicke dorthin! Beuge Deine Glieder!
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Und bete Gott, den Allerbarmer an!“
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Ich sah mich um, ich sank zu Boden nieder,
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Ein Schauder stieg mir kalt das Herz hinan.

49
Den Gott der Liebe sah ich vor mir stehen,
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Und zitternd schaut’ ich ihm in’s Angesicht:
51
Ach, meinen ganzen Stolz fühlt’ ich vergehen:
52
Die Liebe Gottes war die meine nicht. — —
53
Und wollt’ ich kühn mich abzuwenden wagen,
54
Gleich hört’ ich dumpfe Stimmen rechts und links —
55
Ich fühlte mich von heißer Angst geschlagen,
56
Und „Ewig! Ewig! Ewig!“ scholl es rings! —

57
O welch ein Traum! Ich starb in dumpfen Banden!
58
Schwer lag es wie gewitterschwüle Nacht
59
Auf meiner Brust, und alle Sinne schwanden …
60
Auf Erden bin ich wieder, bin erwacht!
61
Die Vögel schlagen fröhlich ihr Gefieder,
62
Die Sonne lugt in mein Versteck herein,
63
Auf meine
64
Noch ist die Welt, noch ist das Leben mein!

65
Noch fühl’ ich Kraft, zu wirken und zu streben
66
Noch pulst in meinen Adern frisch das Blut.
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Nicht soll der Geist gen Himmel bang entschweben:
68
Auf Erden ist der Menschheit schönstes Gut!
69
Ich kann und mag an einen Gott nicht glauben,
70
Der mich erschaffen aus dem dunklen Nichts —
71
Nicht lasse ich den hohen Stolz mir rauben,
72
Ein Mensch zu sein, ein Sohn des Sonnenlichts!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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