Von Ewigkeit zu Ewigkeit

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N. N.: Von Ewigkeit zu Ewigkeit (1885)

1
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
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Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken,
3
Und doch ist ihre goldne Blüthezeit
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Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken.
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Denn jene Welt der Sagenpoesie
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Ist nicht nur Traum, ist Wirklichkeit gewesen,
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Und wem das Schicksal Seherkraft verlieh,
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Kann das noch heute aus den Sternen lesen.

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Wer zählt die Sprossen, die zertrümmert sind,
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Aus jener gotterbauten Himmelsleiter?
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Die Sonne glüht und kühlend weht der Wind
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Und unaufhaltsam rollt das Rad sich weiter.
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Die leuchtend kreisen durch das dunkle All,
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Erhaben groß ist noch die Zahl der Welten;
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Und kommt allnächtlich eine auch zu Fall,
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Was kann dem Meere wohl ein Tropfen gelten?

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Doch wem sich das Geheimniß der Natur
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Nicht unterm Sternenzelt mag offenbaren,
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Der wandle mit mir durch die Erdenflur,
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So wie sie war vor hunderttausend Jahren.
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Noch stritt kein Jason um das goldne Vließ,
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Die Menschheit knechtete kein Triumphator,
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Doch endlos dehnte sich ein Paradies
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Vom Nordpol bis hinunter zum Aequator.

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Wo heute sich durch eisumstarrten Belt
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Die Walfischfahrer ihre Straße bahnen,
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Erhub sich ehmals eine Inselwelt
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Beblüht von üppig wuchernden Bananen.
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Und lächelnd kränzte sich die Meeresfee
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Mit bunten Perlenmuscheln und Korallen,
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Wo längst verweht vom Wüstenkörnerschnee
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Die Isistempel in sich selbst zerfallen.

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Nicht trübte schon den funkelnden Azur
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Der Riesenschlote schmutzigfeuchter Brodem,
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Denn unentweiht noch träumte die Natur
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Und jeder Windhauch war ein Gottesodem.
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Kein Erdgeborner fühlte sich entbrannt
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Nach fremden Wundern einer fremden Zone
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Und brach mit seiner frevlen Menschenhand
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Sich Stein auf Stein aus Gottes Schöpfungskrone.

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Doch jede Zeit singt sich ihr eignes Lied,
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Und jenes Lied ist lange schon verklungen,
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Die Melodie die heut die Welt durchzieht,
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Verhöhnt die alten Ueberlieferungen.
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Die Menschheit hat sich zum Titanenkampf
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Mit ihrer Mutter, der Natur gerüstet,
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Und denkt nur noch mit Eisen, Blut und Dampf,
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Weil sie’s dem Schöpfer gleich zu thun gelüstet.

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Erloschen ist der kindlich fromme Zug
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Aus ihres Angesichts versteinten Mienen
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Und unbekümmert um den alten Fluch
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Zwingt sie die Elemente ihr zu
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Im Bergschooß gräbt nach Schätzen sie umher
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Und macht den Feuergeist sich zum Vertrauten,
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Die Weltumsegler schickt sie übers Meer
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Und in die Luft die kühnen Aeronauten.

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Ja, bis gen Himmel, den der Herr sich schuf,
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Auf daß er würdig seine Schöpfung kröne,
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Erhebt sich schon der schicksalsschwangre Ruf
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Der staubentsprossenen Gigantensöhne.
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Denn hier auf diesem engen Erdenkreis
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Ist kaum ein Fels noch für sie zu verschieben,
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Der Steppensand nur und das Gletschereis
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Ist unentweiht vor ihrer Wuth geblieben.

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Doch drückt sie auch das auferlegte Joch,
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Und seufzt sie auch um Tage, die verwehten,
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Ein Prachtjuwel blieb unsre Erde doch
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Im Kronendiademe der Planeten.
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Denn
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Läßt sie die tausendfältgen Kräfte sprühen
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Und nach dem heilgen Rathschluß der Natur
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Die Quellen springen und die Blumen blühen.

73
Wie herrlich steigt der erste Frühlingstag
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Doch immer noch vom Himmel zu ihr nieder!
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Und schreitet erst der Sommer durch den Hag,
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Dann fühlt sie ihre ganze Jugend wieder.
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Und stehst Du dann, umwallt von all dem Duft,
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Dann lacht die Flur und ihre Ströme blitzen
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Und fernher schimmern durch die blaue Luft
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Die ewig eisgezackten Gletscherspitzen.

81
Da horch! Ein leiser Hauch im Blätterdach,
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Und durch die Wipfel geht ein seltsam Rauschen;
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Wie Stimmen flüstert’s durch das Laubgemach,
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Und andachtsvoll mußt Du den Tönen lauschen.
85
Das ist der Wind, der ruhlos durch die Welt
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Dahinrollt auf den nie erschauten Gleisen,
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Der nun im Bergwald seinen Einzug hält
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Und Dir erzählt von seinen weiten Reisen.

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Erst ist, vergleichbar einem wilden Schwan,
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Er majestätisch durch die Luft gezogen
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Und stieg dann nieder in den Ocean
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Und spielte mit den grüngewellten Wogen.
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Doch bald verlockte ihn der nahe Strand
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Und hinter sich ließ er das Meergebrause
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Und ging mit Riesenschritten übers Land
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Und hielt dann Rast in einer Felsenklause.

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Da lag denn nun tief unter ihm die Welt
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Idyllisch da im Sommersonnengolde
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Und athmete gen Himmel, duftgeschwellt,
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Wie eine farbenprächtge Blüthendolde.
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Und Meereswellenschaum und Gottesluft,
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Dazu die paradiesischen Gefilde
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Verwoben lieblich sich im Sonnenduft
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Zu einem nie geschauten Wunderbilde.

105
Dir aber schwillt das Herz vor hoher Lust
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Bei solcher windgetragnen Himmelskunde,
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Und das Gefühl der übervollen Brust
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Gestaltet sich zum Wort in Deinem Munde.
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Du preist Natur und ihre Herrlichkeit,
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Die Gott in seinen eignen Werken loben,
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Und lächelst über den Pygmäenstreit,
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Den wider ihn die Sterblichen erhoben.

113
Die eitle Selbstsucht menschlicher Kultur
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Vermag nur eben das, was ihr von Nöthen,
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Sie weiß die Herrlichkeit der Gottnatur
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Zu untergraben wohl, doch nie zu tödten.
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Und ist auch ihre goldne Blüthezeit
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Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken,
119
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
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Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken.

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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