Meine Nachbarschaft. 1884.

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N. N.: Meine Nachbarschaft. 1884. (1885)

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Mein Fenster schaut auf einen düstern Hof,
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Auf schmutzge Dächer und auf rußge Mauern,
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Doch wer wie ich ein Stückchen Philosoph,
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Läßt darum sich noch lange nicht bedauern.
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Ein wenig Luft, ein wenig Sonnenlicht
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Dringt schließlich auch durch
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Zu hungern und zu frieren brauch ich nicht,
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Und all mein Thun ist nur ein wenig Schreiben.

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Ein wenig Schreiben, wenn ich stundenlang
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Mich einlas in die Wunderwelt der Alten,
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Bis endlich, endlich es auch mir gelang,
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Was ich gefühlt, zum Wohllaut zu gestalten.
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Dann fließt es um mich wie ein Heilgenschein
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Und mir im Herzen bauen sich Altäre,
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So könnt’ ich glücklich und zufrieden sein,
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Wenn ach, nur meine Nachbarschaft nicht wäre!

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Kein Schwärmer ist es, der die Flöte liebt
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Und auf ihr nur „des Sommers letzte Rose“,
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Kein Tanzgenie, das ewig Stunden giebt,
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Auch kein klavierverrückter Virtuose:
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Ein armer Schuster nur, der nächtens flickt,
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Wenn längst aufs Dach herab die Sterne scheinen,
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Indeß sein Weib daneben sitzt und strickt
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Und seine Kinderchen vor Hunger weinen.

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O Gott, wie oft nicht schon hat dieser Laut
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Mich mitten aus dem tiefsten Schlaf gerüttelt,
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Und wenn ich halbwach dann mich umgeschaut,
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Hat wild es wie ein Fieber mich geschüttelt.
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Des Mädchens Schluchzen und des Knabens Schrei
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Und ganz zuletzt des Säuglings leises Wimmern —
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Mir war’s als hörte ich dann nebenbei
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Drei kleine, kleine schwarze Bettlein zimmern.

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Mir war’s, als rollte dumpf dann vor das Haus
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Der nur zu wohlbekannte Armenwagen,
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Und jene Bettlein trugen sie hinaus
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Und luden sie in seinen düstern Schragen.
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Der Kutscher aber nahm noch einen Schluck
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Und peitschte fluchend seine magren Schinder
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Und übers Pflaster dann gings Ruck auf Ruck,
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Doch ach, noch immer wimmerten die Kinder!

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Und immer, immer noch klang’s mir im Ohr,
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Wenn schon der Morgen durch das Fenster blickte,
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Und mir ums Auge hing ein Thränenflor,
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Wenn ich dann stumm mein Tagewerk beschickte.
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Was half mir nun mein „Stückchen Philosoph?“
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In Trümmer fiel, was ich so luftig baute!
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Doch that’s das Haus nicht, nicht der düstre Hof,
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Nein, nur die abgebrochnen Kindeslaute.

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Die Armuth bettelt um ein Stückchen Brot,
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Doch herzlos läßt der Reichthum sie verhungern;
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Millionen tritt die Goldgier in den Koth
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Und einen einzigen nur läßt sie lungern.
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In seidne Betten wühlt sie ihn hinein,
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Wenn er beim Sekt sich ausgeplappert,
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Indeß beim flackernden Laternenschein
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Das bleiche Elend mit den Zähnen klappert.

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O Gott, warum dies alles, warum?
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Wie Zentnerlast drückt mich die Frage nieder;
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In meinen Reimen geht sie heimlich um
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Und ächzt und stöhnt durch meine armen Lieder.
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Was bleibt mir noch auf diesem Erdenball?
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Denn auch die Kunst, längst stieg sie vom Kothurne:
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Doch ach, nun gleicht es einer Thränenurne!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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