Samstagsidyll. 1884.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

N. N.: Samstagsidyll. 1884. (1885)

1
Es war ein Tag, wie’s ihrer viele giebt,
2
Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt;
3
Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen
4
Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen.
5
Nur ab und zu schwamm’s fernher durch die Luft
6
Noch weich wie ein verirrter Rosenduft
7
Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller,
8
Klang hie und da ein später Vogeltriller.
9
Auf lauen Windes Flügeln kam’s und schwand
10
Und reichte wiederkehrend sich die Hand,
11
Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen
12
Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen.

13
Doch also war’s nur draußen fern im Hag,
14
Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag.
15
Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden,
16
War er bemüht, die Woche zu beenden;
17
Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn
18
Und mehr als hundert Essen Funken sprühn,
19
Und, unbekümmert um den eignen Jammer,
20
Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer.
21
Hier war’s ein Schienenwagen, dort ein Schiff,
22
Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff,
23
Die Räder rollten ewig um im Kreise
24
Und alles drehte sich im alten Gleise.

25
Nur Du und ich, wir beide waren frei
26
Und wußten nichts von Werktagssclaverei;
27
Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend,
28
Und machten schon Nachmittags Feierabend.
29
Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft
30
Die Woche über pflichtgetreu geschafft?
31
Die Nähmaschine hattest
32
Und
33
Doch nun war ich „des trocknen Tones satt“
34
Und schrieb energisch: Punkt! aufs letzte Blatt
35
Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung,
36
In Deine zierliche Mansardenwohnung.
37
Ich klopfte an — ein neckisches: Herein!
38
Und durch das Fenster brach der Sonnenschein.
39
Ein Lichtmeer war’s, drin Welle schwamm auf Welle,
40
Ich aber stand geblendet auf der Schwelle.

41
O immer, trat ich in Dein trautes Heim,
42
Schrieb’s mir ins Herz sich wie ein neuer Reim;
43
Doch war’s mit seinen farbigen Gardinen
44
So hell und freundlich mir noch nie erschienen.

45
Zum Schmaus gedeckt stand schon Dein kleiner Tisch,
46
Grau hinterm Spiegel stack ein Flederwisch,
47
Doch unbekümmert um die neuste Mode
48
Stand dicht dabei die ältliche Kommode
49
Und unter einem Kreuz von Elfenbein
50
Das Bild von Deinem todten Mütterlein.

51
Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder
52
Auf ein zerles’nes Buch: „das Buch der Lieder“!
53
Vom Blumenbrett, das sich ums Fenster bog,
54
Um alles das ein süßes Duften flog.
55
Und dorther glänzten auch die beiden Schilder,
56
Verzeih! ich meine Deine Landschaftsbilder!
57
Denn Du hast recht: die reine Phantasie
58
Und farbenschillernd wie ein Kolibri!
59
Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel
60
Und zwischen beiden ein Kanarienvogel.
61
Du selber aber, häubchenüberdeckt,
62
Ein weißes Schürzchen vor die Brust gesteckt,
63
Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene
64
Den Spiritus in Deine Kochmaschine.
65
Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei,
66
Und eins und eins, wie immer, waren zwei!

67
Drauf, wie ich mich schon oft ließ unterjochen,
68
Sollt ich auch
69
Ich lärmte; doch was half mir mein Protest?
70
Ein kußersticktes Lachen war der Rest!
71
Und als ein vielgewandter junger Dichter
72
Hielt ich galant Dir nun den Kaffeetrichter.
73
Natürlich ging das „noch einmal so gut“,
74
— Sieh hier das Lied: „Was man aus Liebe thut!“
75
Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen
76
Und endlich war der große Wurf gelungen.
77
Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch,
78
Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch,
79
Und dampfend füllten nun die braunen Massen
80
Die goldumränderten Geburstagstassen.
81
Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht,
82
Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht:
83
Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen!
84
Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen!

85
Du schwärmtest von dem neusten Ausverkauf
86
Ich aber schlug ein kleines Büchlein auf
87
Und las Dir Lieder vor von Schack und Kellen
88
Und übersah auch nicht den Kuchenteller.

89
So saßen wir — zwei große Kinder — da,
90
Bis roth der Abend durch die Scheiben sah,
91
Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen,
92
Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen.

93
Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht,
94
Lag bunt der Park im letzten Abendlicht
95
Und ließ die Wipfel sich mit Purpur tränken
96
Und Kinder spielten auf den Rasenbänken.
97
Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut,
98
Mir schien’s, es klang noch nie so schön wie heut;
99
Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge
100
Und schritten flüsternd durch die Buchengänge,
101
Zu Füßen knirschte uns der gelbe Kies
102
Und alles schien uns, wie im Paradies.
103
Doch als die Glocken dann gemach verklangen,
104
Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen.

105
Da hieltst Du still und hauchtest mir ins Ohr:
106
„o, weißt Du noch, dort drüben vor dem Thor?“
107
Ob ich es weiß! Wie Lenz will’s mich umwehen;
108
Dort war’s ja, wo wir uns
109
Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht,
110
Hier haben wir den ersten Kuß getauscht!
111
O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen,
112
Noch heut muß ich euch tausendfältig segnen!
113
Es war doch eine schöne, schöne Zeit,
114
Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit!
115
Man fühlt’s, auch ohne daß man’s gleich bedichtet:
116
Der liebe Gott hat’s doch gut eingerichtet.
117
Doch still! Was braucht’s schon der Erinnerung?
118
Wir sind ja beide noch so jung, so jung!
119
Es lacht das Glück aus Deinem rothem Munde:
120
„uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!“

121
„gewiß! fielst Du hier lächelnd ein, und wie?
122
Zum Beispiel morgen eine Landpartie!
123
Erinnerst Du dich noch, wie Du vor Wochen
124
Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen?

125
Mein Onkel dort, der Wirth zum weißen Schwan,
126
Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn!
127
Ich weiß, er freut sich, wenn wir ihn besuchen,
128
Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen!
129
Und dann — o Gott — die wunderschöne Luft,
130
Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft,
131
Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue —
132
Nein, nein! Du weißt nicht, wie ich mich schon freue!“
133
Da sprach ich: „Topp, Du kleiner Niegenug!
134
Wir fahren morgen mit dem ersten Zug.
135
Als Musikant mach ich eins gern mal Pause . . . .
136
Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!“

137
Und wieder thorwärts wandten wir uns um
138
Und wurden still und wußten nicht, warum.
139
Im Fluß das Wasser rann nur noch von ferne
140
Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne.
141
Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich,
142
Du aber schmiegtest fester Dich an mich,
143
Und wie das Schlußwort einer schönen Dichtung,
144
That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung.

145
Dort hub die Stadt sich schwarz und ungewiß
146
Vom Horizont ab wie ein Schattenriß,
147
Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel
148
Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel.
149
Es war so schön, so wunderschön zu sehn,
150
Und schweigend blieben wir zusammen stehn,
151
Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen
152
Und ließ sein Silber auf die Dächer fallen
153
Und drüben von der Vorstadt her erklang
154
Noch windverweht ein frommer Nachtgesang.

155
Du sahst mich an und wußtest nichts zu sagen,
156
Doch fühlt ich
157
Und sprach zu Dir und war bewegt, wie nie:
158
„nun weißt auch Du, mein Herz, was Poesie!

159
Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen,
160
Sie kann die Erde uns zum Himmel machen,
161
Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn:
162
Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?“

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.