I

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N. N.: I (1885)

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Ich kniete am Altar inmitten
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Der gläubigen Menge, die Gebet lallend
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Auf ihren Knieen lag —
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Und schwellende Orgeltöne
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Wie ein entfesselt Meer
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Umwogten mich, und holde Knabenstimmen
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Mir in die Seele drangen —
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Auch meine Lippen hatten einst
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Das heil’ge Lied erhoben
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Wie eure, die ihr euch
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Mir in die Seele stehlt
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Mit jenen unschuldsvollen
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Hinsterbenden Gesängen —
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Auch meine Seele hatt’ ich einst
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Als reines Opfer hin auf den Altar gelegt,
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So unberührt und unbefleckt.
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Und höher stieg der Weihrauchduft empor
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Zum Schiff die Sinne bannend.
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Und von dem süßen Bangen
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Der Kindheit, die zum ersten Mal
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Sich schüchtern Gottes Altar naht,
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Flog mir ein Hauch
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Noch einmal durch die Seele,
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Ich kostete noch einmal
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Den heil’gen Taumel,
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Gab mich noch einmal
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Dem stillen Rausch der Hoffnung
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Mit innig jauchzendem Herzen
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Ergeben hin.
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Ich blickte auf —
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Durch spitze Fenster fielen
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Die schrägen, gelben Sonnenstrahlen
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Und woben um das Haupt dir
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Dort an dem Kreuze mit der Dornenkrone
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Hell flimmernd einen gold’nen Ring —
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Und deine Züge lebten noch,
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Ich sah noch einmal dir den Kampf
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Hin durch den Leib, den müden, zieh’n,
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Und deine Wunden flossen noch einmal
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Wie blut’ge Zähren, die ein Gott
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Um sein versunken Eden weint.
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Der Kranz grub sich in deine Stirn,
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Die alabasterweiße,
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Mit purpurrothen Spuren.
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Da griff es mich mit Geistermacht
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Und öffnete mir das blöde Auge,
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Das staunend nur an diesen Reigen hing,
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Derweil das Herz sich enge mir
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Zusammenpreßte in der Brust
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Mir war’s, als könnt’ ich alles fühlen,
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Was du erlebt, da du am Kreuze hingst,
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Als dir der Blick auf tausend Gaffer sank
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Und ein’ge nur,
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Die dich beweinten,
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Doch nie verstanden.
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Du Riesengeist, du fühltest dich allein!
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— Das schmerzte. —
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Du kanntest wohl das Menschenherz
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In seinem Wollen, seinem Ahnen,
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In seinem Fühlen, seinem Hasten
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Nach leichtem Glück —
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Du wußtest, was den Armen quält,
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Und was dem Unglücklichen,
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Der in den Ketten schmachtet, durch die Seele hegt,
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Und was den Menschen packt und schüttelt,
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Sieht er des Schicksals ehernen Schritt
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Zu Boden treten unerbittlich,
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Was er gebaut, entraffen
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Das Liebste seinem Herzen,
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Die Sichel durch die vollen Saaten gehn. —
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Du sahst den fahlen Jammerblick,
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Der mit Entsetzen hoffnungslos
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Auf deine Tröstermiene starrte,
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Wenn ihn, den Sterbenden,
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Des Todes harter Arm
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Auf seinem Lager niederrang,
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Und er sich wand — —
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— Doch war das Sünde,
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Daß mich ein Weib gebar? —
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Nein! — Sünde — wider die Natur —
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Natur ist Sünde — —
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Erlösung aus dem Labyrinth!
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Ich irre, ich strauchle —
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Erlösung für meinen Geist
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Und für mein wehes Herz! —
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Da sah ich die Züge,
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Von Schmerzen eben noch verzerrt,
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Sich glätten, und ein leises Lächeln
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Glitt über die verhärmten Wangen hin —
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Mir war’s als träfe mich ein tiefes Leuchten
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Der Augen, die sich in das Herz mir senkten,
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Wie Sonnenstrahl in eis’ge Gruft — —
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O Liebe, begötternde Liebe!
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So stirbt dein Held,
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Dein kündender Prophet,
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Dein höchster Gott,
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Den seines Herzens Fluch
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Dazu geweiht! —

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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