Pythagoras

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N. N.: Pythagoras (1885)

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Gebreitet liegt auf Berg und Auen
2
Das schattende Gewand der Nacht,
3
Auf alle Augen niederthauen
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Des Traumes Bilder, süß und sacht;
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Nur mich allein will’s nicht umschlingen,
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Dies selige Sinken in das Nichts:
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Ich will erkennen, will erringen,
8
Erringen einen Strahl des Lichts.

9
Durchforscht umsonst hab’ ich die Rollen,
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Die uns der Väter Weisheit schrieb,
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Umsonst gesucht im Lieben, Grollen
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Des Menschenherzens tiefsten Trieb,
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Umsonst Natur und ihrem Sprossen
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Bin ich gefolgt mit Stab und Maß, —
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Die Thür zum Räthsel blieb verschlossen,
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Und wirre Schrift war, was ich las.

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Und was ich jung mit kecken Sinnen,
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Mit meinem Herzen, stolz und heiß,
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Im Fluge dachte zu gewinnen,
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Ich fand’s nicht und mein Haar ist weiß,
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Nicht lang’ mehr wird der Faden währen,
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Den hastig mir die Moira webt, —
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Nun lausch’ ich ängstlich nach den Sphären,
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Doch ach, kein Ton, der niederschwebt.

25
Und doch, es muß! Ich darf nicht irren!
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Dies Treiben, dieses Lebens Schwall,
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Der wilde Streit, die bösen Wirren,
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Des Scheines Truggespenster all’,
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Dies tolle Lachen, bitt’re Weinen,
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Dies Glück, das falsch die Loose theilt:
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Es muß zu einem Klang sich einen
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Dort oben, wo mein Sehnen weilt.

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Zu einem Klange, voll und prächtig,
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Der hell den Himmelsraum durchdringt,
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Und alles Ungefüge mächtig
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In seinen hohen Zauber zwingt,
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Zu einem Klang, der Alles kündet,
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Was hier der müde Geist verlor,
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D’rin Rauh und Lieblich sich verbündet,
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Zu füllen das entzückte Ohr.

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Dort oben! Seit mir die Gedanken
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Zum ersten Mal im Hirn gereift,
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Ließ ich hinan die Hoffnung ranken
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Zum Sternenchor, der oben schweift;
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Von oben sollt’ es niedertönen,
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Mein unbefriedigt Herz durchglüh’n,
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Und mir im Strahl des ewig Schönen
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Der Erde Leben neu erblüh’n.

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Was ich geliebt, ich hab’s vergessen,
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Was ich begehrt, ich ließ es lang’,
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Nur Sehnsucht füllt mich unermessen
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Nach diesem einen hohen Klang,
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Vorüber lass’ ich alles rauschen,
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Ein Wunsch allein, der in mir wohnt —
55
O, einmal hören, einmal lauschen,
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Und all mein Streben wär’ gelohnt!

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Umsonst, umsonst. Die Sphären schweigen,
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Mein Aug’ wird matt, mein Ohr wird stumpf,
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Fremd schau’ ich auf der Erde Reigen,
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Der sinnlos mich umdrängt und dumpf.
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Wie leer die Stunden hin sich dehnen!
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Du böse, Moira, meine Last;
63
Von meinem Denken, meinem Sehnen
64
Gieb in der Urne süße Rast!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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