In der Einsamkeit. 1884.

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N. N.: In der Einsamkeit. 1884. (1885)

1
Fernab fällt wie fortwandelnder Stürme Sausen
2
Hin verworrener Lärm der Riesenweltstadt,
3
Und in’s Ohr nur tönt mir selten
4
Noch ein Ruf und müdes Kinderlallen.

5
Lockte der erste Maiensonntag
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Bunte jubelnde Menschenfluthen
7
Fort und weg zu goldigspiegelnden Wassern,
8
In das weißlichschillernde Frühlingsgrün;
9
Walten alle, jauchzenden Herzens,
10
Wie zum Gnadenbilde der Himmelsfürstin
11
Singende Mönche mit seidenen Bannern wallen.

12
Doch mich warf die glänzende Fluth zur Seite,
13
Da in Schmerzen erschauerte meine Seele,
14
Und ich wandte, Dunkel im Herzen,
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Wandte die Schritte denn ein jedes
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Liebeathmende Frauenantlitz
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Mahnte mich an deine Schönheit,
18
Deine trunkenen Küsse und die Lüge
19
Deines Herzens.

20
Nimm mich auf, nimm mich auf,
21
Einsamkeit in deinen Dom,
22
Laß eintreten mich, Friedsuchenden,
23
Und vor deinem Altar in Opferschalen
24
Ausgießen mein Blut und meine Thränen.

25
An deinen Busen nimm mein Haupt!
26
Ueber mir nur Sternflammen
27
Und wehende Wolken . . . . . .
28
Hier versink’ ich im weiten Raum,
29
Wandle wie Ihr leuchtende Himmelsseelen
30
Allein — allein in endlosen Weiten.

31
Einsamkeit, wie bebte ich einst vor dir,
32
Schrak vor dir, wie die erste Blüthe
33
Schrickt im Garten vor nachziehenden Winterfrösten.

34
Schauernd vor dir barg ich mein Haupt
35
An der Frauen weißem Busen,
36
Suchte dich heilige Liebe,
37
Helles, kühles Morgenwasser du,
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Daß ich in dir baden wollte
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Und gesunden zu ewiger hoher Wunderfreude!
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Liebe! Rosige Briefchen ihr,
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Beschmutzt mit Lügen und falschen Schwüren,
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In’s Feuer, in’s Feuer!
43
Vorüber wallen an mir Gestalten — —
44
Hinunter, hinunter ihr Gleißenden,
45
Nicht lockt ihr mich wieder!

46
Und auch du!
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Waffengenosse, mit dem ich stets zusammenstand,
48
Umqualmt vom Rauch der Schlacht,
49
Du, mein Schild, Du, mein Streitbeil —
50
Ein Mantel deckte uns, ein Becher labte uns —
51
Wir beide, Zweige am selben Baum,
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Brüder wir, —
53
Nach anderem schöneren Sterne
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Ausbreitest du die opfernden Hände,
55
Und von mir fliehen deine Augen.

56
Allein, allein!

57
Feinde ringsum!
58
Dicht wie wetterschwarze Wolken
59
Drängen sie gegen mich heran,
60
Hier im Busen, draußen im lärmenden Weltstrom,
61
Umlagern mein Zelt wie Raubthiere.
62
Tausend Pfeile sind gerichtet gegen mein Herz,
63
Tausend Schwerter flammen wider mich;
64
Wenn der Morgen mit blassem Munde mich küßt,
65
Setzt sich fahle Noth zu mir,
66
Und wenn der Abendnebel fällt,
67
Ruht mein Haupt im Schoße des Leides,
68
Aus wirren Träumen banger Erinnerung,
69
Weckt mich der Schmerz zur Nachtzeit.

70
Nun wardst du zur Freundin mir, Einsamkeit,
71
Zur hohen schönen Geliebten,
72
Dir tönt mein Lied, athmend
73
Die Schauer der Zukunft.

74
Deine Hand liegt auf meinem Herzen,
75
Deine Küsse fallen auf mein Haupt,
76
Meine Seele zittert in deinen Armen.

77
Du Gebärerin großer Gedanken,
78
Du Erzeugerin weltstürmender Thaten,
79
Du gieß’st in unseren Busen den Schmerz,
80
Der wegfegt wie Lenzsturm
81
Herb’, groß, rauhathmend
82
Die welken Blätter von den Straßen,
83
Den Staub des Alltags.
84
Des Herzens Acker zerreißt du in wilde Furchen,
85
Daß tausendfach munter hervorschießt
86
Der gold’ne Weizen kühnen Wollens.

87
Du singst uns vor mit düst’rer Stimme
88
Das uralte, herbe Lied vom Menschenschicksal:
89
In die Welt nackt gestoßen
90
Einsam steh’n wir auf öder Wacht,
91
Jeder Feind dem anderen,
92
Allein Kämpfer, allein Sieger!
93
Eigne Kraft nur ist unser Schwert,
94
Allein nur fällst du, und kein Lebendiger
95
Tauscht je die goldige Fülle seines Tages
96
Voll erhabenen Mitleids
97
Mit den Schatten deiner Todesnacht.

98
Einsamkeit!
99
In deinem Schooße lag Homers ehrwürdiges Haupt,
100
Und deine Hand ruhte auf Caesars Scheitel,
101
Mit glühendem Auge und brennendem Herzen
102
In der Wüste suchte dich der Welterlöser,
103
Und weggescheucht vom rothfunkelndem Wein
104
Brach vor dir stammelnd in’s Knie
105
Der gewaltige brittische Herzenserschütt’rer.

106
Gieße du Feuer in meine Seele,
107
Und Frost in mein Gehirn,
108
Bade mich im Drachenblute,
109
Und unverwundbar durch dich
110
Heb’ ich mich auf vom Lager
111
Und trage meine Waffen jauchzend der Welt entgegen.

112
Eine ganze Welt in Waffen,
113
Eine Welt in Waffen wider mich,
114
Wider mich allein.

115
Fliege empor mein Geist,
116
Deine strahlenden Flügeln hebe zum Himmel auf,
117
Und
118
Einen Stern nur von deinem Himmel
119
Erflehe ich, dunkle Zukunft!

120
Fliege empor, mein Geist,
121
Deine mächtigen Augen wirf in der Zukunft Nacht!

122
Wirbelt auf dunkler Staub,
123
Drängen an tausend bitt’re Lanzen,
124
Bohren sich tausend Pfeile in meine Brust,
125
Und schmerzzitternd stürzt mein Leib
126
Nieder auf blutigen Grund.

127
Nichts als Leiden gewinn ich,
128
Nichts als jammervollen Tod,
129
Und vielleicht noch einen Schimmer der Morgenröthe,
130
Einen einzigen Zweig blühenden Lorbeers.

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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