Dunkle Stunden

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N. N.: Dunkle Stunden (1885)

1
O wie schwer und bang’ ward mir das Herz, und wie bitterweh thut
2
doch dein Wort,
3
All’ Sonnenlicht und Sonnenglanz zieht trüb’ aus meiner Seele fort.

4
Was ich gehofft und heiß ersehnt, liegt wie ein wüstes Trümmerfeld,
5
Der Tod schleicht durch die wundenkranke, falsche, sündenverfallene Welt.

6
Von Seufzern schüttert deine Brust, als wollte sie zerspringen dir,
7
O wie arm und elend, mein Liebling du, wie elend sind nun Beide wir.

8
Es kommen die Nebel, die Wasser ziehn, und Finsternisse dräuen mit Macht,
9
Licht! Licht! O säh ich nur ein Licht in dieser todesdüst’ren Nacht!

10
Was soll ich thun, was soll ich thun? Du führe mich sicher, ewiger Geist,
11
Führ’ meine Seele, die durch alle Himmel und Zeiten und Räume kreist.

12
Trage auf Adlers Flügeln mich gewaltig zu den Sternen hinauf,
13
Auseinander wehen die Wolken, golden thut der Himmel sich auf.

14
In die bebende Seele fällt mild eine Thräne aus Gottes Aug’,
15
Um die glühende Stirn weht’s leise wie ein Frühlingsrosenhauch.

16
Nun hebe die Augen, mein Liebling du, die voll von bitt’ren Thränen steh’n,
17
Ich fühl’s, ich fühl’s im tiefsten Busen, nun darf ich nimmer von dir geh’n.

18
Siehe, die Welt steht wider uns auf mit Hohn und Lachen und kaltem Spott,
19
Trock’ne die Thränen vom Auge dir ab, mit uns ist die Liebe, mit uns ist Gott.

20
In Feuern lodert die Seele auf, auf flammendem Wagen fährt sie empor
21
Weit über der Erde düsternde Nacht, und durch der Wolken schattendes Thor.

22
Hoch über des Tempels Zinnen schwebt sie stark auf mächtigem Flügelpaar,
23
Von den Schwingen tropft die Sonne, flammenregnend, leuchtend
24
und klar.

25
Tief liegt die Welt von Schatten bedeckt, und Thränen und Schmerzen
26
umhüllen sie dicht,
27
Und ein Schrei voll wilder Qual aus tausend blassen Munden schrecklich bricht.

28
Elend und schwach und krank und siech, wie Wasser stürzend von Fall zu Fall,
29
So sinken die Menschen fahl dahin — die Sünde jubelt überall.

30
Und was aus Staub geboren ist, und was gezeugt vom Weibe lebt,
31
Wer ist so rein, daß wider dich den ersten Stein er zornig hebt.

32
Doch sieh im Osten glüht es auf, und Palmen wehen im Sonnelicht,
33
Heilige Lüfte wandeln und fließen um dein blaßes Angesicht.

34
Blüthen flattern und schweben im Winde und der sonnengeküßte Quell
35
Gießt durch duftende Rosenbüsche seine Wasser wolkenhell.

36
Ueber die Blumen, über die Palmen fliegen Engelschaaren empor,
37
Und es jubelt mit hellem Munde durch die Lüfte ihr heiliger Chor:

38
„lass’ die Thränen und deine Schmerzen ausgieß’ in der Liebe mit-
39
leidigen Schooß,
40
Die Liebe allein knüpft deine Seele aus den Banden der Sünde los.

41
Aus Nebeln und dunkler Finsterniß und durch der Qualen blutige Nacht,
42
Die Liebe führt dich auf Adlerschwingen, führt dich zum Lichte leise und sacht.

43
Sanftsegnend über die kranke Welt ausströmt der Liebe goldener Schein —
44
Nur aus der Liebe fließt Gnade und Leben! Und die Liebe ist Gott allein!“

45
Drum schlage die Augen empor, mein Liebling, die voll von bitt’ren
46
Thränen steh’n,
47
Ich fühl’s, ich fühl’s im tiefsten Busen: Nun darf ich nimmer von dir geh’n!

48
Siehe, die Welt steht wider uns auf mit Hohn und Lachen und kaltem Spott,
49
Trock’ne die Thränen vom Auge dir ab, mit uns ist die Liebe, mit uns ist Gott.

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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