Dunkle Stunden

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N. N.: Dunkle Stunden (1885)

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Novemberwind! Novemberwind! Der Himmel so grau und die Wälder
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entlaubt,
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Und die Luft so kalt, die Luft so schaurig! Stumm lag an meiner
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Brust dein Haupt.

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Dein Haupt, du, deren Namen nie mein Lied, mein Mund niemals bekennt,
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Obwohl mein Herz doch alle Zeit für dich in Feuern der Liebe brennt.

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Dein Antlitz blaß wie das fahle Licht, wie der scheidenden Sonne kalter Strahl,
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Und ich hörte des Herzens dumpfen Schlag, wie Grabeslaut voll banger Qual.

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Und immer und immer bei Nacht und Tag, und immer und immer in
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Lust und in Schmerz
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Tönt in mein Ohr deiner Stimme Klang und greift mit Dornen in mein Herz:

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„o wende von mir dein Auge ab und küsse mich nicht mit dieser Gluth,
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Du weißt ja nicht, wie bitterweh mir all’ deine heiße Liebe thut.

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„schaust du mich an, erschauert mir das Herz vor Angst und dunklem Weh,
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Und meine arme Seele zittert, wenn ich in deine Augen seh’.

16
„nein, geh’ hinfort, und wende nicht dein Angesicht zu mir zurück,
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Ich hab’ auf all’ und ewige Zeit verloren die Liebe, verloren mein Glück.

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„wohl fühl’ ich hier, wenn’s mich bedrängt, und lieg’ ich ohne Schlaf
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und Ruh’,
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Daß ich ohne dich vergehen muß, denn all’ meine Liebe — das bist du!

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„meine Arme möcht’ ich schlingen wohl und halten dich und küssen dich,
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Doch längst vergang’ne Tage drängen sich dunkel zwischen dich und mich!

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„vor meiner Seele steigt es auf — verflossen ist schon Jahr um Jahr,
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Doch hebt sich’s auf vor meinem Geiste so schaurig und so düster klar.

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„meine erste süße Jugendzeit, licht wie der Frühling im Blüthenschein,
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Und mein erster, mein erster Liebestraum hüllte mit Zaubern die Seele
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mir ein.

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„o frage mich nicht, wie’s einst geschah, — o wende dich ab, sieh mich
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nicht an,
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Ich kann nicht schauen, wie du weinst, du herzgeliebter theurer Mann.

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„wie die Nacht einst kam von Rosenduft berauscht und trunken von
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Mondesglanz,
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Und die Nachtigallen schluchzten süß, und die Elfen wiegten sich im Tanz.

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„die Winde wallten die Straße hinab und fernher zitternd die Geige klang,
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Und die Wasser rauschten träumend hinab den schattendüst’ren Waldesgang.

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„da lag sein Haupt an meiner Brust, und wildes Sehnen in mir schwoll,
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Und er küßte mich … und er küßte mich … und mein Herz ward
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weit und mein Herz ward voll.

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„und vor mir sank die Welt dahin … Es schwanden in Nebel Zeit und Raum
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Und über mich kam’s wie süßer Schlaf, wie ein todesschwerer bittrer Traum.

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„doch als der Morgen in Osten sich hob, — o wie grau und schwer
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und wie kalt der Tag,
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Und er nahm mein Glück und ließ mir nichts zurück als Schande und
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bitt’re Schmach.

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„nein, fluch’ ihm nicht! Schwer fiel die Hand des Himmels auf sein
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schönes Haupt,
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Seines Herzens Glocke hat ausgetönt, und sein Gebein ist längst verstaubt.

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„der Wahnsinn fiel in sein Gehirn mit heißer und versengender Gluth,
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Gras wuchert an dem stillen Ort, wo meine erste Liebe ruht.

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„doch ich! Doch ich! nein, wende nicht dein Antlitz einmal noch zurück,
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Ich hab’ auf all’ und ewige Zeit verloren die Liebe, verloren mein Glück!

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„du bist meine Sonne, du bist mein Tag und meiner Zukunft süßer Schein,
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Doch geh’ hinfort, du darfst nicht länger bei mir Unselig-Armen sein.

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„mir bleibt nur Buße und bitt’re Qual, meine Tage sinken in Dunkel
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und Graus,
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Leb’ wohl! Leb’ wohl! Und mein Gebet führ’ dich aus Nacht und
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Schmerzen hinaus!“

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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