Abschied. 1880.

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N. N.: Abschied. 1880. (1885)

1
Süße und geliebte Dame,
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Meiner Seele schöne Fürstin, —
3
Stets gepriesen sei dein Name! —
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Wundenkrank und blaß vom Grame
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Biet’ ich dir den letzten Gruß.

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Bei der Lampe fahlem Scheine,
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In dem düstren Wirthshaus träum’ ich
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Einsam nun und ganz alleine
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Hinter schwerem Spanierweine,
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Trinke seinen heißen Duft.

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Ha … wie strömt’s da auf mich nieder,
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Schwinden nicht die dunklen Bogen?
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Jasminduft … weiß blüht der Flieder,
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Sommernacht umfängt mich wieder,
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Silbern blitzt die feuchte Luft.

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Mondlicht … Blüthenduft … und drüben
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Schlag der Nachtigall im Laubwerk …
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Sanfte Citherklänge hüben,
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Und aus meiner Seele trüben
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Kammern wichen Leid und Angst.

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Ei, was war mir alles Hassen,
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Dachte nur an Deine Schönheit,
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Als Du hinschrittst durch die Gassen
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Einstmals, stand ich ganz verlassen
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An der Kirche dunklem Thor.

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Stand und sah dich! — Wie durchflossen
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Plötzlich Licht und Gluth mein Dasein,
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Sonnen mir im Herzen sprossen,
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Welten sah ich aufgeschlossen,
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Und ich fühlte Gottes Kuß.

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Wie die Nacht dem goldnen Tage,
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Liebestrunken folg’ ich zitternd
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Dir seitdem, daß ich dir sage,
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Was ich leide und ertrage,
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Daß mein Ich in Dir erstarb.

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Nun, da nächt’ge Zauber fluthen
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Durch die Lüfte, auf den Erdball,
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Heißer alle Sinne bluten,
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Heißer alle Herzen gluthen,
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Wandle ich vor deiner Thür.

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Röthlich glänzt der süße Flimmer
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Lichts in deinem hohen Saale, —
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O Madonna, soll ich nimmer
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Deines Kleides seidnen Schimmer
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Heut’ am Fenster noch erspäh’n?

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Einmal nur auf dem Balkone
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Zeige dich, mein Seelentraumbild,
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Wie die Mutter mit dem Sohne
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Hoch auf güldnem Himmelsthrone
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Zwingst du mich, im Staub zu knien …

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Sommernächte, — trunkne Stunden,
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Da ich so vor ihrem Fenster,
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Blutend aus vielsüßen Wunden,
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Lauten und mit leisen Munden
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Sang, ein blasser Troubadour.

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Da ich spähend alle Wege
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Niedersah, ob nicht ein Bursche
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Girrend käm’ mir ins Gehege, —
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Hei, wie hätten meine Schläge
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Liebeswunden ihm versetzt.

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Da mit Veilchen und mit Rosen
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Ich des Nachts ihr Fenster kränzte,
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Und mit kecken Studiosen
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Ständchen brachte und in losen
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Reimen meine Liebe sang.

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Bis ihr Fenster leise klirrte,
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Leise … leise aufgeschlossen,
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Eine dunkle Rose schwirrte . . . .
69
Trug war’s nicht, der mich verwirrte! …
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Gerade mir zu Füßen fiel.

71
Herrin, tausend herrl’che Tage
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Diente ich in deiner Liebe,
73
Nun wie eine schöne Sage,
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Reich an Jubel und an Klage,
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Tönt Erinnrung in mein Ohr.

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Weiße Stirn und blanke Brüste, —
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Flammenaugen — Feuerlocken —
78
Rothe Lippen, vielgeküßte —
79
Zeit der Wonnen, Zeit der Lüste,
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Dein gedenk’ ich, Jugendtraum!

81
Liebestraum, du Rosengarten —
82
Sternenlicht — weinvolle Schale —
83
Kranz der Höll’ und Himmelsfahrten,
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Unter deinen Goldstandarten
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Zogen mir drei Jahre hin.

86
Hab’ von weichem Arm umschlungen
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Dich gekostet bis zum Grunde …
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Hab’ gejauchzt und hab’ gesungen,
89
Hab’ gelitten und gerungen
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Als ein treuer Troubadour.

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Müde, stumm und ganz verlassen
92
Lieg’ ich nun bei fahlem Lichte, …
93
Draußen tönt es durch die nassen
94
Regenüberströmten Gassen
95
Wie ein fernes Liebeslied.

96
Hast mein Herze schnöd verrathen,
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Trinkst die Lieb’ aus andrem Kelche, — —
98
Hagelwetter meiner Saaten,
99
Ich verachte deine Thaten,
100
Neuer Lenz glüht mir im Blut.

101
Greife nach dem Helm, dem blanken,
102
Nach dem Schwert und hartem Schilde, —
103
Auf dem Schlachtfeld der Gedanken
104
Reit’ ich trotzig in die Schranken,
105
Todesdurstig — liebesbleich!

106
Menschheit, du unwandelbare
107
Schönste, ewigjunge Blüthe,
108
Dunkles Räthsel — einzigwahre
109
Gottheit Du! — welch’ wunderklare,
110
Liebe füllt für dich mein Herz.

111
Laß der Brust mein Blut entwallen,
112
Laß für dich mich jubelnd sterben,
113
Ja, für deine Götterhallen
114
Will ich kämpfen, will ich fallen
115
Allgeliebt-Allliebende!

116
Doch im letzten Todesbeben,
117
Wenn sich neigt die blasse Stirne,
118
Wird mich noch ein Duft von Reben
119
Und von Rosen lind umweben,
120
Meiner Jugend Liebestraum!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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