Ixion

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N. N.: Ixion (1885)

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Ha, brause nur, rausche nur, rollendes Rad, unermüdlich
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Sich schwingend in feuriger Gluth, wohl tanzt vor den Augen
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Hinfließend in Nichts, in verwirrendes Flimmern, mir Alles,
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Wohl sitzt kein Fleck mir an dem zermarterten Leibe,
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Der wund nicht wäre, zerfleischt und blutig gerissen:
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Und ha, und dennoch, Götter im rosigen Lichte,
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Die nieder mich warfen, hinab in’s Dunkel des Hades,
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Auf’s Rad mir flochten, unsterbliche Qualen zu leiden,
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Die Glieder, den eurigen gleich so göttlich erblühend,
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Eins könnt ihr nimmer zerreißen in mir und ertödten:
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Hier unter den Augen und unter der Stirne den Funken,
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Der ewig erweckt unsägliche Wonnenerinn’rung
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Im Herzen zutiefst, daß schwelgend es ruht
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Auf rosigem Pfühl, daß heller noch strahlt
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Das trotzige Aug’, und laut es erklingt,
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Stolz leuchtenden Blick’s:
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Ich habe das Höchste besessen!

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Horch, schwirr’n nicht über die Todesgefilde, die bleichen,
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Gleich Fliegengesumme die luftigen Schatten der Seelen,
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Wie ängstliches Kindergeflüster in dunkelnder Stille?
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Schwebt weiter ihr Schatten von Schatten, mit grausenerfülltem
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Abscheu euch wendend hinweg von dem riesigen Frevler,
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Dem Frevler — so sagen sie wohl hier drunten und droben,
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Dem Undankbaren, dem Gast und der Himmlischen Liebling,
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Der schnöde begehrte die Gattin des Höchsten, des
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Wildwüthigen Rasens, die Augen, die Seele geblendet,
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Dem göttlich gelaunt zum Weib die Olympischen gaben
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Ein Rosengewölk in flammender Gluth zu umfangen,
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Eh’ nach ihm folgte die
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So tönet es hier, so tönet es dort:
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Und du, mein Herz? du lächelst dazu!
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O rollendes Rad, noch brausender klingt’s,
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Wild rauschender noch:
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Ich habe das Höchste besessen!

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Aufglänzt das große, das leuchtende Auge der
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Von Neuem in mir, vor mir; beim Mahle der Götter
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Gewahr’ ich mich selber, gelagert im hohen Olympos;
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Stumm seh’ ich die edle Gestalt, von heimlichem Grame
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Gequält; ich denke wie sie an den frevelnden Leichtsinn
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Des lüsternen Gatten, und Mitleid, heiliges Mitleid
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Empfind’ ich zu ihr, dem Weib in der herrlichen Göttin,
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Und was mich noch herrlicher däucht, theilnehmende Liebe.
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Da trifft mein Auge das ihre, und nimmer verbirgt mir
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Das Auge die glühende Sprache des Herzens, es reden
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Die Winke der Augen, es reden die zitternden Hände;
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Bis schwebte von dannen die glänzende, hohe Erscheinung.
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Still folgt’ ich, und ob auch die Himmlischen rings
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Auflachten, zumal Aphrodite, mich trieb’s
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Mit Sturmesgewalt der Vorschwebenden nach —
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Lusttrunkenes Herz,
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Ich habe das Höchste besessen!

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Von rosigen Wolken beglänzt auf schweigender Berghöh’,
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Wo Blumen süß erblühten in prangenden Farben und Düften,
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Da trat mir entgegen in schneeweiß leuchtender Frische
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Die Hohe, die Große mit lustvoll schmachtenden Augen.
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Nicht zähmt’ ich mir länger das Herz in der Brust, und gewaltig
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Umschloß ich bestürmend in glühendem Sehnen die Holde,
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Die Liebe gewährte verzückt voll stummen Gehorsams,
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Das eigene Herz von Eros selber bezwungen.
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Ich war zum Gott, zum höchsten der Götter geworden.
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O Glück, für welches so ärmlich die Sprache der Menschen,
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Das nimmer des Zeitstroms schäumender Wirbel hinabreißt,
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Dich hatt’ ich und hielt ich! Und dann, als wieder erwachte
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Das trunkene Aug’, wo erwacht’ es sodann?
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Auf stygischer Flur in dem rollenden Rad!
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Laut schrie ich zuerst, von unendlicher Qual
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Zerrissen das Herz —
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Ich

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Ihr Unbarmherzigen droben im rosigen Lichte,
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Verewigen könnt ihr die Schmerzen des Erdegebor’nen,
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Indessen verewigt ihr sie, so lindert die Zeit sie.
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Stumpf, stumpf ist der Stachel geworden, und immer im Herzen
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Erblüht so gesund noch und blühend ein selig Erinnern.
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Und wär’s ein Rosengewölk, lustathmend, gewesen,
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Das ich umfing in geblendeter Herzensberauschung —
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Nein! Nimmer bekehren sie mich, und häuften sie grausam
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Erfinderisch über mich kaum zu erdenkende Strafen!
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Ha, nimmer bekehren sie mich, nicht Menschen noch Götter,
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Ihr thörichtes Mährchen zu glauben in kindlicher Einfalt!
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Ich täusche mich nicht:
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O rausche du nur, wild brausendes Rad!
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Verwirrest doch nicht mein geistiges Aug’!
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Und berstete rings umkrachend die Welt,
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Aufjauchzt’ ich auch dann:
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Ich habe das Höchste besessen!

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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