Omphale

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N. N.: Omphale (1885)

1
Zwei Augen wie Kohlen so glühend und groß
2
Durch’s Zimmer, das dunkele, irren;
3
Man hört nur ein seltsam eintönig Geräusch,
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Ein Schnurren und Rollen und Schwirren.

5
Bisweilen ein Stöhnen so tief und schwer,
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Dann wieder das ew’ge Geschnurre;
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Bisweilen auch ist es, als kläng’ im Gemach
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Eines riesigen Hundes Geknurre . . . . .

9
Da nahet die Sclavin im bunten Gewand,
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Zu erleuchten das üppige Dunkel:
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Und es strömet die Ampel vom Deckengebälk
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Hernieder ein duftend Gefunkel.

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Nicht achtet die Alte des Hünen, der dort
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Versenkt ist in grübelndes Sinnen,
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Dess’ eherner Fuß nur beweget das Rad,
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Um schmählich erniedert zu spinnen.

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Wohl hängt ihm ein weibisches Frauengewand
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Nachlässig und schleppend hernieder,
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Doch jegliches Regen des Leibes enthüllt
20
Die Formen der ehernen Glieder.

21
Doch ha, nun schwebet sie selber herein,
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Die lydische Amazone,
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Goldspangen auf nacktem und rosigem Arm,
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Auf bräunlichen Locken die Krone.

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Ein höhnisches Lächeln umspielet den Mund,
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Schier lechzend die Augen erstrahlen,
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Als könnten sie nimmer gesättigt beschau’n
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Des Helden unendliche Qualen.

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Sie lagert sich nieder auf schwellendem Pfühl
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Und blicket herab zu dem Recken;
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„nun komm, mein Hündchen, nun darfst du die Hand
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Der Herrin gehorsam belecken!“

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Und das Hündchen erhebt sich und schmieget sich hin
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Zu den Füßen des üppigen Weibes,
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Und küßt ihr die Hand und ein Beben durchzieht
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Die Glieder des üppigen Leibes.

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Und sie wirft sich ein Fell um den blendenden Hals,
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Um die Brust, um die Schulter, die nackten,
39
Das Fell des neme
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Zwei Hände zerdrückten und packten.

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Dann greift nach der Keule die zierliche Hand,
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Und
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„ei,
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Und die Sieger doch immer die Schönen?“

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„ach, Omphale, ja, die Gewaltigsten sind
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Und die Sieger wohl immer die Schönen,
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Doch stärker bedünkt mich die Göttin zu sein,
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Die uns lehret das

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„o schweig, mein Trauter, und küß mir den Mund,
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Du
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Ruh’ aus bei mir von dem weibischen Dienst
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Und freue dich wieder der Strafe!“

53
Es duften die lydischen Myrthen so heiß,
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So heiß auch die lydischen Rosen,
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Und es läß’t sich, von Neuem gefangen in’s Joch,
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Vom Weibe der Wackere kosen . . . .

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Und herzlos ist doch die Schöne zumal
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Und spielet doch nur mit dem Lieben,
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Kalt lächelnd, als Herakles einst ihr gestand:
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„mich hat nur die Liebe getrieben!“

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„aus Liebe nur hab ich an dich mich verkauft,
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Aus Liebe zum Sclaven verdungen“ —
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Zu straff nicht, Herrin, ziehe das Band,
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Gar leicht ist die Kette gesprungen . . . . .

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Schlaftrunken und nimmer erfrischt vom Schlaf
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Erwacht der Held in der Frühe;
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Wach steht schon vor ihm das reizende Weib
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Und spricht, doch sie lächelt mit Mühe:

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„ergreife die Keule, das Löwengewand,
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Ich schenke dir
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Und befreie das Land von dem Räuber im Wald,
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Schon ward er dem Lande zur Plage!“

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Und blitzschnell springt vom Lager der Held,
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Er fühlt in den Gliedern ein Schwellen:
75
Es ist ihm, als säh’ er zu sonnigstem Glanz
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Die dunkele Nacht sich erhellen.

77
Umhängt sie ihm selber das glänzende Fell,
78
Es däucht ihm wie kosendes Streicheln;
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Sie giebt ihm die Keule — so fest er sie drückt,
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Als wollt’ er sie kosend umschmeicheln.

81
Wie
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Er sieht nur im Geist den Gesellen;
83
Er gedenkt ihn am Saume des schattigen Wald’s
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Gleichwie eine Tanne zu fällen.

85
Kaum achtet er weiter des Weibes Geschwätz,
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Kaum fühlt er die Wonne des letzten
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Der Küsse — der Küsse, die einst ihm das Blut
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In siedende Wogen versetzten!

89
Er wandelt dahin und es ist ihm, was
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Wie Nacht und wie Nebel versunken;
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Er wandelt im sonnigen Lichte dahin,
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Vom Lichte, dem sonnigen, trunken.

93
Da tönt es von fernher an sein Ohr
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Mit rauhem und heiserem Schalle:
95
„komm, zappelndes Mäuschen, dich hab’ ich geseh’n,
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Und nimmer entrinnst du der Falle!“

97
„ei, seht nur die Keule, das Löwengewand,
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Welch’ prahlendes, nichtiges Gleißen!
99
Sag’ an, mein zitterndes Mäuschen, wie mag
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Der Held, der dich zeugte, heißen?“

101
„es wohnt mein Vater im himmlischen Saal;
102
Die Irdische, die mich geboren,
103
Sie nannte mich Herakles . . . . Wer sich genannt
104
Mein Feind, stets war er verloren.“

105
„o, bist du der Kühne, von welchem im Land
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Umgeh’n seltsamliche Mären?
107
Und du ein Sprosse der Götter? Der läßt
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Vom Weibe das Spinnen sich lehren?

109
„wer Weibern gedienet, den fürchtet’ ich nie!
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Komm her denn gewaltige Memme,
111
Damit ich den Nacken, damit ich das Haupt
112
Dir zwischen den Beinen zerklemme.“

113
Da reckt sich der Held und es flattert das Fell,
114
Und in eherner Faust schier blitzet
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Die Keule: sie saust auf das feindliche Haupt:
116
Und das Hirn an den Bäumen verspritzet . . . . .

117
Es kehrt der Held zu dem Weibe zurück
118
Mit dem blutigen Haupt in den Händen
119
Und wirft es der Königin jäh in den Schooß —
120
Kein Wörtchen die Lippen verschwenden.

121
Voll Schaudern und Ahnung blickt ihm das Weib
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In’s Antlitz, das ernste, das hohe,
123
Es däucht sie, als ob es sein lockiges Haupt
124
Umspiele wie flammende Lohe.

(Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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