Das Schicksal und das Ich. ( Nach Jean Paul .)

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Das Schicksal und das Ich. ( Nach Jean Paul .) (1798)

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Das Ich.
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Keine Freuden begehr' ich. Ich pflückte die Beere
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der Freude;
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Aber mit tückischem Dorn ritzte die Täu-
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schende mich.

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Schimmert die Sonn' auch einmal durch die schwar-
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zen drängenden Wetter,
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Werfen die Drohenden nur schwärzere Schat-
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ten herab.
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Blinzelnder, glänzt es um dich? Es ist das Glän-
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zen des Schwertes,
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Welchen der kommende Tag gegen den heu-
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tigen zuckt!
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Ich entsage dir,
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verlockest,
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Und den Verlockten umschlingst, und den
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Umschlungnen erdrückst.
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Öd' und leer wird das schwindelnde Herz im Wirbel
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der Freude.
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Du, o Schwermuth, allein füllest das Lech-
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zende aus!

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Das Schicksal.
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Sohn des Staubes, es haben die Götter ihr Schooss-
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kind, die Liebe,
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Freundlich den Menschen gesandt. Wählest
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du Liebe, so sprich.

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Das Ich.
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Nein, nicht Liebe begehr' ich. Ich drückte die
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Rose der Liebe
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An die verschmachtende Brust, und sie
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durchstach mir das Herz.

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Warme Tropfen bethauten am Abend die duftende
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Rose;
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Aber im Athem der Nacht froren die Tropfen
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zu Eis.
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Liebe, du schüttest am Morgen des Lebens, ein
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strahlendes Frühroth,
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Über des Wanderers Haupt Rosen und Per-
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len herab.
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Taumelnder Wandrer, zurück! Betritt nicht die
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glimmende Wolke!
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Ihre Rosen sind Dunst. Thränen, ihr Perlen,
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seyd ihr —
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Ich entsage dir,
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Schmerzen,
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An erhabnerem Gram sterben als, Feindin,
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an dir!

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Das Schicksal.
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Sohn des Staubes, es heilt der Freundschaft Balsam
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die Busen,
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Welche die Liebe zerriss. Wählest du
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Freundschaft, so sprich.

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Das Ich.
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Keine Freunde begehr' ich. — Wo seyd ihr, holde
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Gestalten,
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Die ihr mit liebendem Arm euren Geliebten
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umschlangt?

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Siehe, wir standen auf hohlen, dünnüberwölbeten
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Gräbern,
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Nah an einander geschmiegt, fest in einander
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verschürzt . . .
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Und das Gewölbe zerborst. Die Erblassenden san-
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ken hinunter;
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Über sie schloss sich die Gruft. Einsamer
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blieb ich zurück.
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Ich entsage dir,
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Orkan erstummt ist,
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Wann die Gescheiterten erst landen im ret-
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tenden Port —
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Walle dann wärmer, genesene Brust! Unauslösch-
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liches Auge,
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Weine dann froher. Erscheint, die ihr
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mich liebtet, erscheint!
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Fliegt aus dem Osten und Westen dem harrenden
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Freund' in die Arme,
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Welchen kein Orkan hinfort eurer Umar-
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mung entreisst.

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Das Schicksal.
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Sohn des Jammers, ist nichts, gar nichts denn
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unten im Staube,
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Welches den Lechzenden letzt? Nenne das
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Eine, und nimm!

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Das Ich.
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Eins wohl letzte den Lechzer. Um Eines fleh' ich
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dich, Schicksal,
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Um heroischen Muth, und um das hüllende
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Grab.
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Trockne tröstend das strömende Auge; dann schliess'
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es auf ewig.
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Stille das stürmende Herz! Bett' es mitlei-
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dig in Staub!
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Einst, wann Psyche die Flügel entfaltet, zur blü-
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henden Heimath
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Triumphirend sich schwingt, ewige Blumen
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umschwärmt,
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Wann ich feyer' in schönerer Erde den schönern
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Geburtstag,
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Wann im Schoosse der Ruh jegliche Wunde
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sich schliesst,
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Dann, o Schicksal, vernimm des Seligen Wünsche . . .
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wenn anders
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In Elisium nicht jegliches Wünschen er-
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stummt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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