Arkona

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Arkona (1798)

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Die Sonne neigte sich. Zu athmen, nach der
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Schwüle
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Und nach der Last des Tags, des Abends frische
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Kühle,
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Entriss ich lechzend mich der Mauren dumpfem
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Brand,
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Und wandelte hinab zum schöngebognen Strand.
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Kein Lüftchen kräuselte des Meeres Spiegelglätte;
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Der Seehund sonnte sich auf dem granitnen Bette.
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Die Taucher plätscherten, es scherzten Möw' und
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Schwan
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Im lauen Ocean.

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Und tiefer sank die Sonn'. Getaucht in Rosen-
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gluthen,
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Bespühlt den rauhen Fuss mit düstergrünen Flu-
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then,
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Lagst du, der Väter Stolz, der alten Rugia
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Gepries'nes Kapitol,
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Ich nahte mich, erklomm des Burgrings schroffe
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Zacken,
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Beschritt mit dreistem Fuss des heilgen Hügels
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Nacken,
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Und schaute schrankenlos fern über Land und
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See
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Ins Unermessliche.

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Wie schwoll die Brust, wie schlug in immer
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raschern Schlägen
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Dem ungemessnen Raum das rege Herz entgegen!
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Den lautern Ätherstrom, so labend, frisch und
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rein,
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Wie lüstern schlürften ihn der Lunge Röhren
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ein!
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Der eingepressten Brust entstürzten Felsenblöcke,
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Dem zugeschnürten Aug' entrollten Bind' und
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Decke.
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Des Stoffes Rinde borst; der Schwere Fessel
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sprang;
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Der Thierheit Brodem sank.

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Und tiefer sank die Sonn'. Schon küssten ihr
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die Wange
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Der Woge Wallungen, doch schauernd noch und
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bange.
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Noch warf die Liebende des Abschieds milden
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Blick,
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Den Blick des Lebewohls auf ihre Welt zurück.
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Noch glühten, angeblitzt von ihrem letzten
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Strahle,
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Der Dünen Silberschnee, die grauen Heldenmaale.
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Itzt tauchte sie — so taucht ein Menschenfreund
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ins Grab —
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Die blaue Fluth hinab.

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„fahr wohl, du mildes Licht!“ erseufzt' ich,
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schaute sehnend
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Der Heimgegangnen nach; und staunend, träumend,
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wähnend,
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Verlor ich mich, bis mir die Wirklichkeit ver-
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schwand,
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Und rings vor meinem Blick ein selig Eden stand.
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Ein magisch Licht umschwamm die schimmernde
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Musive
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Der Landschaft; sanft verschmolz in blauer Per-
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spective
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Die Ferne; rings umfloss ein heilig Dunkelklar
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Arkonens Hochaltar.

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Noch stand ich aufgelöst in ahnungtrunknes
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Staunen;
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Da hört' ichs mir ins Ohr, wie Geistgeflister
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raunen:
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„knie nieder und bet' an!“ Ich kniet' ins falbe
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Moos,
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Und also rang es sich aus meinem Innern los:
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„o du — wie nenn' ich dich, dem alle Busen
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wallen,
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„und alle Herzen glühn, und alle Zungen lallen —
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Foh,
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Eloah, Allah, O!“

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„sey, wer du seyst, du bist! Ja, Wesen
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aller Wesen,
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„ich glaube, dass du bist! Ich glaub' und bin ge-
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nesen!
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„ruhlechzend lehnt an dir der Grübelns müde Geist,
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„den rastlos der Begriff in ewgem Wirbel reisst.
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„mag gleich dein Wie und Wo kein Syllogism
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erklügeln,
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„kein Seherblick erspähn, kein Vedam uns entsie-
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geln,
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„mag faseln der Epopt, und spötteln der So-
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phist —
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Ich

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„es zeuget, dass du seyst, die Harmonie der
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Sphären.
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„der Himmel ruft's der Erd', die Erde ruft's den
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Meeren,
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„das Meer den Inseln zu, die seine Fluth bespühlt;
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„es zeugt's der Donnersturm, das Lüftchen, das
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uns kühlt;
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„die Katarakte zeugt's, die wild der Alp' entstrudelt;
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„der Vulkan, dessen Schlund geschmolzne Felsen
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sprudelt,
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„der Eichwald und das Moos, der Lotos und der
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Tang,
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Das Sandkorn und Montblanc.

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„es zeuget, dass du seyst, der göttliche Ge-
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danke,
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„der jeden Zwang verschmäht und spottet jeder
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Schranke,
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„den Himmel itzt erfliegt, zur Hölle dann sich senkt,
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„das All, sein eignes Ich, und dich, Erhabner,
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denkt.
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„die ernste Stimme zeugt's, die nimmer schweigt
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noch heuchelt,
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„die nie dem Triebe frohnt, und nie den Lüsten
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schmeichelt,
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„die, wenn der Sinn sich sträubt, und wenn die
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Neigung schmollt,
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Gebietend spricht:

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„ich soll! ich kann! ich will! Die Fessel ist
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zerbrochen!
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„erhabnes Pflichtgesetz, du hast mich freyge-
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sprochen!
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„nothwendigkeit, dein Sklav streift deine Fesseln
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ab,
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„und schaut ein Geist, ein Held, ein Gott, auf
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dich herab!
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„verschmäh' es, Trefflicher, dem Eiteln nachzu-
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schmachten!
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„dir ziemt durch Heiligkeit nach Seligkeit zu
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trachten!
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„o du, der heilig ist, o du, der selig ist,
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„ich glaube, dass du bist!“

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So rufend schaut' ich auf — und sieh'! des Spät-
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roths Gluthen
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Erblassten. Schwer und tief hing auf die schwarzen
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Fluthen
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Und auf der Dünen Schnee ein Trauerflor hinab.
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Noch war erhaben still die Schöpfung, wie ein Grab.
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Schon rauscht es fern; der Sturm erwacht; die
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Wogen grollen;
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Es blitzt in Süd und West; in Süd und Westen
141
rollen
142
Die Donner. Dumpf erklingt die hohle Uferwand,
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Dumpf Jasmunds Riesenstrand.

144
Und reissend, wie ein Pfeil, geschnellt vom
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eibnen Bogen,
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Kam, wie ein Weltgericht, das Wetter hergeflogen.
147
In wildem Aufruhr gohr die Luft, das Meer, das
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Land;
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Die Brandung geisselte den schaumbesprützten Strand;
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Dem Wolkenschwall entschoss ein Knäuel weisser
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Flammen;
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Ein friedlich Dörflein sank in Schutt und Graus zu-
153
sammen;
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Der Hagel schlug die Saat, und ein entmastet
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Schiff
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Zerschellt' am Felsenriff.

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Und durch den lauten Sturm und durch der
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Donner Dröhnen
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Erscholl der Schrey der Angst, des Jammers dumpfes
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Stöhnen.
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Mich wehten Schauder an. Mich fasste blitzge-
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schwind
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Und schüttelt' Hünenstark der Zweifel Wirbelwind.
164
Gestemmt auf meinen Grimm schaut' ich mit bitterm
165
Hohne
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Und frevelm Trotz empor zum blitzumschossnen
167
Throne
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Des Donnerschleuderers, und rief mit frechem Spott:
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„thor, wo ist nun dein Gott?“

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„wo ist der Selge nun, der Heilge, der Ge-
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rechte!
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„orkane weckt sein Hauch, sein Schnauben Wetter-
173
nächte.
174
„hier raucht des Armen Saat; dort dampft sein
175
Halmendach.
176
„dort stöhnt ein Scheiternder, gequetscht vom Wel-
177
lenschlag.
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„triumph! den Selgen ehrt die Todesangst der
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Seinen.
180
„victoria! ihn preis't der Unschuld lautes Wei-
181
nen.
182
„ihm ist der Wuth Geheul, des Wahnsinns Phre-
183
nesie
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„erhabne Psalmodie.“

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So wird dem Sturm die Spreu, so ward ich dir
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zum Raube,
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Megäre Zweifelsucht! Geknicket war mein Glaube.
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Gestaltlos grauste mich die Schöpfung, ein Tyrann
189
Der Schöpfer, kalt und starr ein eisern Fatum
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an.
191
Von seinem Drachenschweif umschlungen und zer-
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quetschet,
193
Von Larven angegrins't, von Furien angefletschet,
194
Mit ausgeschöpfter Kraft und ausgelöschtem Sinn
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Sank ich aufs Antlitz hin.

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Als hätte Gottes Strahl mich in den Staub ge-
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schmettert,
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Vom Ouragan umheult, vom Hagelsturm um-
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wettert,
200
Lag ich gedankenlos, und mancher schwere Schlag
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Erschütterte den Grund, auf dem der Zweifler
202
lag.
203
Noch immer läuteten des Donners Aufruhrglocken;
204
Die Flammen leckten mir an den durchnässten
205
Locken.
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Itzt peitscht' ein Schlossenschwall, und itzt ein
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Wolkenbruch,
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Den Gipfel, der mich trug.

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Zwey schwarze Stunden flohn. Itzt war der
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Blitze Köcher,
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Der Schlossen Schatz erschöpft. Es grollte ferner,
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schwächer.
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Ein lindes Säuseln rann durch die erfrischte Luft,
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Und der erquickten Flur entwallte Opferduft.
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Ich taumelt' auf. Und sieh! zerrissen war der
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Schleyer
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Der andern Welt. Es steht an Tagen grosser
218
Feyer
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Ein Allerheiligstes. So stand in hehrer Pracht
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Die vollgestirnte Nacht.

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Wie strudelte, wie wogt' aus undenkbaren Fernen
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Der Orellanastrom von Sonnen, Monden, Sternen!
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Wie äugelten so mild aus dem saphyrnen Guss
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Die weisse Azimech, der rothe Regulus!
225
Es rollte Welt an Welt, es brauste Sonn' in Sonne —
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Ein seliges Gewühl von Leben, Füll' und Wonne.
227
Es lag das grosse All stillsäugend, liebewarm
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In seines Vaters Arm.

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Und weich ward mir das Herz; es schmolz in
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süsses Sehnen.
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Das Auge letzte sich in wollustreichen Thränen;
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Zu hoher Freudigkeit erwuchs das kalte Graun,
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Der scheue Sklavensinn zu kindlichem Vertraun.
234
„o Vater,“ rief ich aus, „o du, in dessen Armen
235
„der Engel und der Wurm, und Mensch und Mück'
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erwarmen,
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„dir sinkt dein reuig Kind mit gramgemischter Lust
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An die versöhnte Brust.

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„ich seh, ich sehe schon des Daseyns Nacht gelichtet,
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„versöhnet jede Fehd', und jeden Zank geschlichtet.
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„entlarvt seh ich den Trug; ich seh den Wahn verstreut,
242
„mit Elend Schuld gepaart, mit Tugend Seligkeit!
243
„o Vater, bis sich dort des Diesseits Räthsel lösen,
244
„bewahre mich vor Schuld! Behüte mich vor Bösem!
245
„gewünscht sey mir die Pflicht! Gesegnet dein Gebot!
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Willkommen einst der Tod!“

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Gekräftigt stieg ich nun herab vom Prüfungs-
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hügel.
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In Osten wehten schon des Morgens Safranflügel.
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Im hochzeitlichen Schmuck stand prangend die Natur,
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Das Meer ein Amethyst, und ein Smaragd die Flur.
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Am trümmervollen Strand, im Schutt verbrannter
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Hütten,
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Trat ich ein Retter auf in der Verarmten Mitten.
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Ich träuft' in ihren Kelch des Mitleids Honigseim,
256
Und ging getröstet heim!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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