Melancholikon

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Melancholikon (1798)

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Schöne Himmelssonne,
2
Mild und hold und hehr,
3
Urquell aller Wonne,
4
Wogend Flammenmeer!
5
So blass sind deine Schimmer!
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So matt sind deine Flimmer!
7
Heldin, ist der Köcher
8
Deiner Pfeile leer?

9
Öde Stoppelfelder,
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Blumenarme Flur,
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Ausgestorbne Wälder,
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Siechende Natur,
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Woher so stumm und traurig?
14
Woher so bang' und schaurig?
15
Winket denn die Urne
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Aller Kreatur?

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Auf den grünen Matten,
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Längs dem Wiesenbach,
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Wo im Erlenschatten
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Ich süssträumend lag,
21
Wo Lieb' und Leben schwirrte,
22
Und flötet, summt' und girrte —
23
Wimmert Todesklage,
24
Ächzt gebrochnes Ach!

25
Schlüsselblumen schmückten
26
Diess bescheidne Thal.
27
Wilde Rosen nickten
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Hier im lauen Strahl —
29
Wo seyd ihr Trauten, Lieben,
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Wo seyd, wo seyd ihr blieben?
31
Ehret eure Asche
32
Kein verkündend Maal?

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Goldner Weizen kränzte
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Jene stolze Höh;
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Hier im Blachfeld glänzte
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Eine Halmensee.
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Ich seh sie nicht mehr wallen.
38
Gefallen, ach, gefallen
39
Vor dem Schwung der Sichel
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Ist die Wogende.

41
Ahnung, die mich düstert,
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Sprich, wo stammst du her?
43
Stimme, die mir flistert,
44
Sprich verständlicher!
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Die Sonn' ist untergangen;
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Von Hespers kalten Wangen
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Träufeln starre Thränen
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Auf den Wanderer.

49
Unbekanntes Grausen
50
Schüttelt mein Gebein.
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Dumpfer Wetter Brausen
52
Donnert fern im Hain.
53
Es rasselt tausendstimmig;
54
Es fasst mich wild und grimmig —
55
Riesenarm, wer bist du?
56
Schrecklicher, halt ein!

57
Nachtschwarz rauscht dein Flügel,
58
Würger Tod, um mich.
59
Deine Demantriegel,
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Grab, entriegeln sich.
61
„hinunter aus der Schwüle!
62
„hinunter in die Kühle!
63
„drunten ists vertraulich,
64
„eng und schauerlich.“

65
Deiner Flügel Sausen,
66
Dräuer, schreckt mich nicht.
67
Deines Dunkels Grausen,
68
Grab, entfärbt mich nicht
69
Hinunter aus der Schwüle!
70
Hinunter in die Kühle!
71
Jenseit jubelt Leben;
72
Jenseit dämmert Licht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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