An Hippolyta

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Ludwig Gotthard Kosegarten: An Hippolyta (1798)

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Immer höher, immer schwanker,
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Blume, sprosst dein Halm empor.
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Immer röther, immer frischer
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Prangst du in dem Blumenflor.
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Aufgekost vom Lenzgesäusel,
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Aufgeküsst vom lauen Strahl,
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Öffnest du dich tausendblättrig
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Und durchduftest Hayn und Thal.

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Wer bewahrt mir meine Blume,
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Dass kein Frevel sie entweih,
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Dass kein frecher Sturm sie knicke,
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Dass der Mehlthau Schmeicheley
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Ihre Blätter nicht versenge,
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Dass nicht schwüle Fantasie
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Ihres Halmes Saft verzehre,
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Wer bewahrt, wer schirmet sie?

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Einen Engel und noch Einen
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Kenn' ich, meine Lieblingin,
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Die die Schüchterne beschirmen:
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Thätigkeit und reinen Sinn.
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Jene schützt dich vor dir selber;
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Dieser scheucht die Frechheit weg.
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Beyde leiten sanft und sicher
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Dich der Jugend Blumenweg.

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Lieblich ist der Lenz des Jahres,
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Lieblich, doch gefährlich auch.
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Ihm entsäuseln Gift und Balsam,
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Lebensodem, Todeshauch.
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Liebling ist der Lenz des Lebens,
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Aber auch gefahrenvoll;
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Seinem Blüthenkelch entduften
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Lebensweh und Lebenswohl.

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Welches Ahnen, welches Bangen
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Schwellt des Mädchens junge Brust?
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Welches unbekannte Sehnen?
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Welche träumerische Lust?
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Dieses Staunen, dieses Wähnen,
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Dieses dämmernde Gefühl
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Ruf' es an das Licht, Geliebte!
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Gib ihm Namen, Zweck und Ziel!

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Jedes Sehnen, meine Theure,
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Das du dir nicht laut bekennst,
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Jeder schüchterne Gedanke,
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Den du deinem Gott nicht nennst,
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Jeder Wunsch, der scheu und blöde
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Aus des Reinen Gegenwart
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Wegbebt und ins Dunkel flüchtet —
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Freundin, ist nicht lautrer Art.

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Jede Stimmung, meine Traute,
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Die in Trübsinn sich verstimmt,
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Itzt in trägem Traum sich wieget,
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Itzt in feigen Thränen schwimmt,
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Die der Seele kranke Fibern
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Itzt erschlaffet, itzt verspannt,
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Stammt vom Erebus, und werde
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In den Erebus verbannt.

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Jeder Geck, der schöngeglättet,
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Schöngefirnisst um dich kriecht,
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Sich in jeder deiner Launen
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Schlangenschmeidig schmiegt und fügt,
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Itzt mit schalem Scherz dich peinigt,
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Itzt mit Schmeicheln dich entehrt,
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Kennt nicht deine wahre Würde,
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Ist nicht deiner Achtung werth.

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Jeder Bube, der die Tugend
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Und die heilge Zucht verlacht,
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Den der Unschuld Schamerröthen
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Kühner nur und frecher macht —
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Wär' er schön und reich und witzig,
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Wär' er Fürst und Fürstensohn —
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Blitze stolz den Buben nieder!
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Lohn' ihm mit gerechtem Hohn!

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Aber, wo du einen graden
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Ernsten, festen Menschen weisst,
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Der getrost das Unrecht Unrecht,
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Und den Schurken Schurken heisst —
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Wär' er niedrig, arm und einfach,
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Trät' er schlecht und recht herein —
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Dennoch acht' ihn! dennoch strebe
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Seiner Achtung werth zu seyn!

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Achtung achtungswerther Menschen
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Sichert vor Erniedrigung.
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Ehrfurcht vor sich selber rettet
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Von des Thoren Huldigung.
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Demuth, Sanftmuth, Wahrheit, Klarheit,
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Nimmerlasse Regsamkeit,
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Herzenseinfalt, Herzensgüte
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Sind des Mädchens Feyerkleid.

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Herzenseinfalt, Herzensgüte
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Rühren siegender fürwahr,
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Als der Wangen frische Rose,
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Veilchenaug' und Lockenhaar;
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Welken nicht mit Erdenblüthen,
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Fliehn nicht mit des Lebens May,
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Grünen ewig grünen Frühling,
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Ewig jung und ewig neu.

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Herzenseinfalt, Herzensgüte
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Schaffen süsseres Gefühl,
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Als der Freude Schallgelächter,
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Tanz, Gesang und Saitenspiel.
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Reinen Seelen strahlt die Sonne,
102
Glänzt der Vollmond mildern Glanz.
103
Reinen Seelen flicht die Liebe
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Ihren schönsten Myrtenkranz.

105
Herzenseinfalt, Herzensgüte,
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Engel aus Elysien,
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Leitet freundlich Hippolyten
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Durch die Schlangenkrümmungen
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Dieses Lebens, durch der Erde
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Eitelkeit und Traum und Tand,
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In der ausgeprüften Waller
112
Himmelhelles Vaterland.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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