Erwin's Klaggesang

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Erwin's Klaggesang (1798)

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Siehe, wie die Fluren trauern!
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Wie der Sonne goldnes Licht
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Durch den Flor von Regenschauern
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Mühsam nur und weinend bricht!
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Florens holde Kinder neigen
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Ihre Häupter krank und matt.
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Von den leisgeregten Zweigen
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Taumelt raschelnd Blatt auf Blatt.
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Ausgestorben sind die Wälder
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Einem Wahlplatz gleicht die Flur,
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Einer Maalstatt Wies' und Felder,
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Einer Wittwe die Natur.

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Trauert immer, holde Auen,
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Traute Fluren, trauert nur!
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Hüllet euch in Nacht und Grauen!
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Traure, traure nur, Natur.
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Auch dein Freund und Liebling trauert,
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Seines Geistes Licht ist hin;
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Schimmerlose Nacht umschauert
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Seinen gramumwölkten Sinn.
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Leer ist seiner Pfeile Köcher,
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Seines Bogens Sehn' erschlafft,
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Ausgeschöpft der goldne Becher,
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Ausgelöscht des Herzens Kraft.

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Und mit Recht wohl mag ich trauern.
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Fern von ihrer Mutterflur,
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Im Bezirke dumpfer Mauern,
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Im Gebiet der Unnatur,
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Wandelt, die ich einzig meine,
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Die mir Sinn und Seele füllt,
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Sie, die Klare, sie die Reine,
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Deren glanzumstrahltes Bild
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Jenes Schön mir widerspiegelt,
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Das aus höhern Sphären stammt,
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Die zum Heros mich beflügelt,
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Und zum Halbgott mich entflammt.

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Ach, und taumelnd mit der Menge,
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Die des Herzens Glück nicht kennt,
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Fortgerissen vom Gedränge,
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Das nach eiteln Freuden rennt,
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Von der Thorheit Ring umrungen,
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Von der Moden Fluth umrollt,
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Schwindelnd vor den Huldigungen,
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Die die Schmeicheley ihr zollt;
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Von der Lust Sirenentönen
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Eingewiegt in Lethargie,
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Denkst du wohl, o Preis der Schönen,
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Deines schlichten Freundes nie.

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Oder widern deinem Herzen
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Schellenklang und Flatterglanz?
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Gnügt dir nicht der Saal voll Kerzen,
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Voll Gesang und Spiel und Tanz?
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Sehnst du wohl' mal aus der Schwüle,
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Aus der Enge dich zurück
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In die freye weite Kühle,
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In des Dörfleins ländlich Glück?
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In die kleebeblümten Matten,
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An den kalmusreichen Bach,
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In des Gartens Blüthenschatten
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Unter deiner Lauben Dach?

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Denkst du wohl im Rausch der Freuden,
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In dem Glanz, der dich umgiebt,
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An des Freundes stilles Leiden,
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Der dich unaussprechlich liebt?
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Denkst du wohl im frohen Reigen
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Wonnetrunkner Jünglinge,
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An sein Dulden, an sein Schweigen,
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An sein überstandnes Weh?
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An sein Lieben sonder Tadel,
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An sein Meinen treu und rein,
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Tauschest nicht des Geistes Adel,
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Edles Weib, um äussern Schein?

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O so kehre, kehre wieder,
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Holde Tochter der Natur!
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Preis und Inhalt meiner Lieder,
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Kehre heim auf unsre Flur.
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Mayenluft soll dich umfliessen,
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Veilchenodem um dich wehn.
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Spriessen soll zu deinen Füssen
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Güldenklee und Tausendschön.
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Rosen sollen dich umregnen,
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Blüthen auf dich niederschneyn;
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Jede Seele soll dich segnen,
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Jedes Auge dein sich freun.

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Und mit holdem Grussgesange
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Wird dein Dichter dich empfahn.
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Zitternd wird er, scheu und bange
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Seiner Heissgeliebten nahn.
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Schüchtern wird sein Blick dich fragen,
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Wie die blöde Liebe pflegt:
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Ob noch, wie in schönern Tagen,
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Ihm dein Herz entgegenschlägt.
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Glücklich, wenn der Zweifler findet,
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Wess sein Stolz sich kaum vermisst!
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Selig, wenn dein Blick ihm kündet,
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Dass du, die du warst, noch bist!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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