Ellwina an Erwin

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Ellwina an Erwin (1798)

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O Erwin, welche Wehmuth, welch Entzücken,
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Durchbebt mich seit den selgen Augenblicken,
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Die mir unlängst, von deinem Arm umschlossen,
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So hell verflossen!

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Als du so flehend mir ins Auge blicktest,
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Als du so blöd' und bang' mich an dich drücktest,
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Als mir zum erstenmal, was in dir brannte,
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Dein Mund bekannte.

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Noch immer wähn' ich, Bester, dich zu sehen.
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Ich höre noch dein seelerührend Flehen,
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Wie Lieblingsmelodieen um uns singen,
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Tief in mir klingen.

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Ich fühle noch der Pulse rasches Jagen,
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Dem deinigen mein Herz entgegen schlagen,
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Dem deinigen des Busens rege Wellen
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Entgegenschwellen.

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Ich weiss es noch, und ich vergess' es nimmer,
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Wie du, umgossen von des Spätroths Schimmer,
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In deiner schlanken Schönheit vor mit standest,
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Dann mich umwandest,

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Dann wieder los mich liessest, dann es wagtest,
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Das Unaussprechliche mir stammelnd sagtest,
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Und während du es auszusprechen rangest,
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Mich heiss umschlangest —

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O Gott! wie ward der Armen da zu Muthe!
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Wohl zehnmal floh und kam in der Minute
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Das Blut mir ins Gesicht. Der Boden wankte,
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Die Feste schwankte,

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Und um mich rollten rings die hohen Sphären.
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Dem Aug' entquollen wollustreiche Zähren.
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Ich stand die seligste der Viertelstunden,
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Von dir umwunden.

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O Erwin, welche Wehmuth, welch Entzücken
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Durchströmt seit jenen schwülen Augenblicken
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Dein armes Mädchen! Welches süsse Wähnen,
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Und welches Sehnen!

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Wie trunken wandl' ich in der Meinen Mitte!
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Es irrt mein Fuss, es taumeln meine Tritte.
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Der Träumenden verwehen, wie Sekunden,
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Die Tagesstunden.

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Willkommen naht die Nacht. Zu Bette legen
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Die Andern sich, um süsser Ruh zu pflegen.
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Gedankenvoll sitz' ich bey Mondenschimmer
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Im engen Zimmer.

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Es gaukeln um mich holde Fantasieen;
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Mein Ohr umtönen ferne Melodieen;
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Mein Aug' umschweben himmlische Gesichte
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Im Dämmerlichte.

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Ich schaudre auf. Und um mich ists so stille.
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Aus Duftgewölken weint des Mondes Fülle;
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Dann droht es, mir mit ungestümen Drängen
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Die Brust zu sprengen.

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Ach, Erwin, dieses Staunen, dieses Wähnen,
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Diess wache Träumen, diese süssen Thränen,
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Die ungerufen meinem Aug' entgleiten,
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Kannst du sie deuten?

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Ach schweig nur! schweig nur! Von Beschä-
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mung brennen
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Mir schon die Wangen — Erwin, nur bekennen
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Muss ich die süsse Schuld, die blöden Triebe — —
61
Ich liebe! liebe!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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