Erwin an Ellwina

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Erwin an Ellwina (1798)

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Ich denk' an dich und holde Fantasieen,
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Und rosenfarbne Träume schmeicheln mir.
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Mein liebelechzend Herz zerschmilzt in Elegieen,
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Und jede Fiber tönt von dir,

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Und jeder Muskel zuckt, dich zu erstreben,
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Der Sehnsucht Sturmwind fasst mich stark und wild,
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Und schüttelt meinen Bau, dass seine Pfeiler beben,
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Und meiner Kräfte Fluth erschwillt.

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Getragen von dem Fittig der Gedanken,
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Gehoben von der Welle der Begier,
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Entschwingt der freye Geist sich kühn des Raumes
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Schranken,
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Und pflegt Vertraulichkeit mit dir.

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Doch ach, wenn ich nun wirklich zu dir
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fliege,
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So überwältigt mich geheimes Graun.
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Der Blöde wagt es nicht, die seelenvollen Züge,
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Das klare Antlitz anzuschaun.

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Mein Blick bebt bange vor dem deinen nieder.
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Von ferne steh' ich träumend. Jedes Wort,
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Das dir entsäuselt, klingt aus meinem Innern
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wieder,
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Ein liebelispelnder Accord.

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Wenn im Vorüberfliehn dein Kleid mich streifet,
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Dein irrend Auge meines blinzelnd fasst,
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Dein himmelheller Blick den meinigen ergreifet,
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So stockt die Rede. Wechselnd blasst

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Und feuert mir die Wange. Nebel flirren
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Vor meinen Augen; jeder Umriss schwankt,
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Es schwindelt der Begriff in ausganglosen Irren,
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Und rings die Feste rollt und wankt.

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Doch, wenn du schonend deine Macht ge-
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brauchest,
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Mir mild und gütig in das Auge blickst,
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Ein leises „Denke mein!“ mir in die Seele hau-
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chest,
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Und scheidend mir die Hände drückst:

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Wie selig fühl' ich dann mich, überselig;
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Ein Heros, wähn' ich, sey ich, sey ein Gott!
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Und blutete für dich mit Freuden, sänke fröhlich
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Für dich, Geliebte, in den Tod!

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Dann könnt' ich alles dulden, alles tragen,
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Der Bande Schmach, der Kerker Finsterniss;
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Ich trotzet', um für dich mein Alles hinzuwagen,
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Den Parzen und der Nemesis.

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Dann möcht' ich gern die ganze Welt be-
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glücken,
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Den Todfeind möcht' ich brüderlich umfahn,
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Die starre Hölle selbst an meinen Busen drücken,
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Und rettend mich dem Orkus nahn.

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Das Sieb der Danaiden möcht' ich füllen,
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Dem müdgequälten Sisyph Kühlung wehn,
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Prometheus Fessel brechen, Tantals Hunger stillen,
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Ixions Rad mitleidig drehn.

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Ein himmlisch Feuer fühl' ich in mir lodern;
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Die Grossen, Starken, die Heroën all
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Gebeut der Dämon mir zum Kampf herauszufodern,
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Auf Leyer, Griffel oder Stahl.

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Drum lass, Ellwina, lass dich, Edle, lieben!
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Dein Erwin wünscht sich nichts von dir zurück;
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Ihm gnügt sein Saitenspiel, die Wollust, dich zu
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lieben,
63
Dein Anschaun, Huldin, und dein Blick!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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