Elisium

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Elisium (1798)

1
Vorüber die lange Nacht?
2
Vom eisernen Schlummer erwacht,
3
Bin ich? leb' ich? athm' ich wieder?
4
Schwebe mit sonnebestrahltem Gefieder
5
Hervor! herauf aus grausender Gruft!
6
Hindurch die sausende Himmelsluft!
7
Hindurch des Äthers schwellende Fluthen!
8
Entgegen Aurorens Purpurgluthen!
9
Entgegen dem vollsten Mittagslicht!
10
Sein Glanz, sein Gluthmeer blendet mich
11
nicht — —
12
Staunen, Entzücken, ich trage dich nicht!
13
Unbekanntes Bangen,
14
Namenlose Lust,
15
Schüchternheit und Verlangen
16
Heben die stürmende Brust.
17
Wechselnde Schauer,
18
Freud' und Trauer
19
Süsse Wehmuth, köstlicher Schmerz
20
Schüttern das bebende
21
Strebende
22
Herz.

23
Wonne, die mich durchschauert,
24
Du bist nicht Erdenwonne!
25
Hehre, die droben wandelt,
26
Du bist nicht Erdensonne!
27
Anders ist dieser Himmel!
28
Anders diese Flur!
29
Blauer und milder der Himmel!
30
Duftender, grüner die Flur!
31
Ambrosische Saaten durchfluthen die Felder,
32
Unsterbliche Stimmen durchflöten die Wälder;
33
Den Quellen entrieselt Harmonikaklang,
34
Den Bächen entmurmelt Schlummergesang.
35
Jedes athmende Blümchen
36
Nickt mir leisen Gruss,
37
In jedem schmeichelnden Lüftchen
38
Umschauert mich Geisterkuss. — —
39
Ich selbst! wie anders!
40
Wie Kraftgeflügelt!
41
Wie geniusstark!
42
Mir schwellet den Busen dämonisches Leben!
43
Mir spannet die Muskeln gewaltiges Streben!
44
Unsterblichkeit wogt mir durch Nerven und
45
Mark!
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Röthe des Aufgangs entschimmert der Wange!
47
Mir entrieselt die Stimm' in melodischem Klange!
48
Mir entrollen die Locken, wie ringelndes
49
Gold!
50
Der Himmlischen Einer durchschwimm' ich die
51
Lüfte,
52
Umsäuselt die Schläfe von Mayengedüfte,
53
Mit schimmernden Strahlen die Scheitel umrollt.

54
Wonne, die mich durchschauert,
55
Wer bist du, Mächtige?
56
Sonne, die droben wandelt,
57
Wer bist du, Freundliche?

58
Rieselnde Quellen, kristallene Seen,
59
Funkelnde, sonnenvergoldete Höhen,
60
Amaranthenduftendes Blumenrevier,
61
Sagt mir, wer seyd ihr, ihr Nimmerbesungnen,
62
Nimmer mit Schwinge der Ahnung erschwungnen,
63
Saget, ach sagt, ach verkündet es mir.

64
Stimmen.
65
Chor.
66
Willkommen!
67
Willkommen!
68
Willkommen!
69
Willkommen in Elisium!
70
Du bist dem Staub' entnommen!
71
Vom Tode losgekettet,
72
Aus Nacht und Grab gerettet —
73
Bist in Elisium!
74
Wo alle Dunkel tagen,
75
Wo jedes bange Klagen
76
Gejubel wird, die Sehnsucht
77
Genuss wird, und die Hoffnung
78
Ihr Ziel erfliegt — Willkommen!
79
Willkommen!
80
Willkommen!
81
Willkommen!
82
Willkommen in Elisium!

83
Einzelne Stimmen.
84
Dessen Seele rastlos schwärmt' und strebte,
85
Dessen Busen rastlos wogt' und webte
86
Von der Leidenschaften Sturm und Drang —
87
Ruhe nun in unsern stillen Thalen,
88
Eingewiegt von lauen Abendstrahlen,
89
Eingelullt von Nachtigalgesang.

90
Der du lechztest in des Stoffes Enge,
91
In der Massen lastendem Gedränge,
92
Nach den Räumen der Unendlichkeit —
93
Schwärme fröhlich nun durch Ewigkeiten
94
In des Weltalls ungemessnen Weiten.
95
Schrankenlos sind Edens Raum und Zeit.

96
Weckten dir des Ruhmes Donnerglocken,
97
Dir die Lorbeern in der Helden Locken
98
Unmuth, Eifersucht und Thatbegier?
99
Jüngling, hier sind Kränze zu erringen,
100
Säulen zu erstreben, Lorbeern zu ersingen,
101
Auf und wirb, und kühn erwirb sie dir!

102
Trachtete dein Geist mit regem Trachten,
103
Schmachtete dein Herz mit heissem Schmachten
104
Nach der Wahrheit ungetrübtem Quell —
105
Ihre Pforte sey dir hier entriegelt!
106
Ihr geweihter Urborn dir entsiegelt!
107
Schöpfe, Lechzer, schöpfe tief und hell!

108
In der Heimath bunter Nichtigkeiten
109
Träumtest du dir thöricht Seligkeiten,
110
Die nicht Überdruss, nicht Reue trübt.
111
Liebe lechzten deine Flammentriebe?
112
Sey geliebt von uns mit jener Liebe,
113
Welche zehnfach der Empfangne wiedergibt.

114
Oder sind die Trauten dir entwichen?
115
Freunde dir im warmen Arm erblichen?
116
Sey getrost! die Flüchtlinge sind hier,
117
Halme, die des Schicksals Finger knickte,
118
Blumen, die der Hauch des Todes pflückte,
119
Sammeln, hegen, und bewahren wir!

120
Liebende, für jene Welt geschieden,
121
Wandeln hier in ewigsüssem Frieden
122
Arm in Arm in Haynesdämmerung.
123
Ihrer Fackeln Brand verlodert nimmer,
124
Ihrer vollen Urn' entsprudeln immer
125
Freuden ewig frisch, und ewig jung.

126
Alle Thränen, die die Erde weinte,
127
Alle Wünsche, die der Staub verneinte,
128
Trocknet und erhört Elisium.
129
Alle Kämpfe, die die Tugend kämpfte,
130
Alle Stürme, die die Weisheit dämpfte,
131
Endet und belohnt Elisium.

132
Chor.
133
Willkommen!
134
Willkommen!
135
Willkommen!
136
Willkommen in Elisium!
137
Du bist dem Staub' entnommen,
138
Der Eitelkeit entschwunden,
139
Der Thorheit Arm entwunden,
140
Des Fesselzwangs entbunden,
141
Bist in Elisium!
142
Wo keine Ketten klirren,
143
Wo keine Klagen girren,
144
Wo keine Nebel irren,
145
Wo Licht und Lieb' und Tugend
146
Einheimisch sind. Willkommen!
147
Willkommen!
148
Willkommen!
149
Willkommen!
150
Willkommen in Elisium —
151
— — —

152
Welche Ruhe, welcher Friede,
153
Welche wollustreiche Müde,
154
Welche Agonie der Lust —
155
Welch würgendes Entzücken,
156
Welch Schlagen und welch Drücken
157
Durchtobet die kämpfende Brust!

158
Alles vorüber!
159
Alles verwallt!
160
Jeder Kummer verschwunden!
161
Jede Klage verhallt!
162
Jedes Wetter verwittert!
163
Jede Schranke zersplittert!
164
Jede Fessel gesprengt!

165
Allen Engeln entschwungen,
166
Jede Klemme durchrungen,
167
Jedem Gedräng' entdrängt!

168
Jeder Seufzer verstöhnt!
169
Jede Sünde versöhnt!
170
Alle Kämpfe gekämpft!
171
Aller Aufruhr gedämpft!
172
Hinausgehoben über Trug und Wahn,
173
Über der Thorheit stürmischen wilden Orkan!
174
Über der Falschheit tückisches Heucheln!
175
Über des Laurers giftiges Schmeicheln!
176
Über des Neides Zähngefletsche!
177
Über der Klatschsucht Luggeträtsche!
178
Über der Ehrsucht umdonnerte Höhn!
179
Über der Trennung betäubende Wehn!

180
Schlaff der Bogen des Schicksals!
181
Des Todes Sense stumpf!
182
Sieg! Sieg!
183
Jubel! Jubel!
184
Triumph! Triumph! Triumph!

185
Alles bestanden!
186
Alles besiegt!
187
Geschlagen jegliche Schlacht!
188
Jegliches Opfer gebracht!

189
Selige Tugend, dir nun ewig treu,
190
Himmlische Wahrheit, ewig froh und frey.
191
Mich lehnen an deinen reinen Busen,
192
Dir schauen in dein hellstrahlend Antlitz,
193
Mich weiden an deiner Engelschöne —
194
Deinen Schleyer zerreissen, spröde Feye Natur!
195
Dir folgen durch Feld und Wald und Flur,
196
Behorchen deine leisesten Tritte,
197
Belauschen deine verhülltesten Schritte,
198
Mich wagen bis hart an die Säume des Nichts,
199
Mich schwingen bis hoch zur Quelle des
200
Lichts,
201
Rudern im weiten Raum der undurchschiff baren Leere,
202
Durch der donnernden Schöpfung Inselmeere,
203
Von Pol zu Pol, von Sphäre zu Sphäre,
204
Vom
205
Zum
206
Von
207
Hyaden,
208
Von Weltengestaden zu Weltengestaden,
209
Die
210
ler nicht sah —
211
Luft! Luft!
212
Freyheit! Freyheit!
213
Victoria! Victoria! Victoria!

214
Und welche süsse Botschaft
215
Drang dem Entzücken in das trunkne Ohr!

216
Euch soll ich wiederschauen,
217
Die sich mein Herz erkohr!
218
Die ihr euch liebend an mich hinget,
219
Die ihr mit Inbrunst mich umfinget,
220
Mit eurem Muth mich stützetet;
221
Die ihr im Frost der Welt an eurer Brust mich
222
wärmtet,
223
Des Jünglings Schwäche trugt, um meinen Gram
224
euch härmtet,
225
In meine Jubel jubeltet!
226
Geliebte meines Herzens,
227
Vertraute meiner Seele,
228
Wo seyd ihr?
229
In welchen Rosenschatten,
230
An welchen Silberquellen,
231
In welchen Haynen wandelt ihr?

232
Wo staunt mein
233
Wo mustert mein
234
Wo flicht das edle Weib, das mich gebar,
235
Sich Blumen in ihr blondes Haar?
236
In welchem blühenden Gefilde
237
Lustwandeln
238
An welches Baches veilchenblauem Rand
239
Pflückt
240
In welches Haynes Dämmerungen,
241
Von Nachtigalen rings umsungen,
242
Von ihrer
243
Wallt meine freundliche

244
Und die, die mich mit treuem Arm umschlang,
245
Durch jedes Dorngeflecht des Lebens mit mir
246
drang,
247
Mit nimmerlauer Liebe mich beglückte,
248
Mit nimmermüder Duldung mich erquickte,
249
Und Labung noch in meine Seele blickte,
250
Als mir das Licht entschwand und mir die Erd'
251
entwich —
252
Wo, meine

253
Die ihr mich im Staube liebtet,
254
Mit mir ranget, mit mir strittet,
255
Mit mir jauchztet, mit mir littet,
256
Himmlische, wo find' ich euch?
257
Immer heisser — säumt nicht länger —
258
Immer lauter, immer bänger
259
Schlägt mein liebend Herz nach euch.

260
Schau!
261
Es glänzt!
262
Des Haynes Nacht
263
Entrauscht, wie Lautengelispel,
264
Entwallt, wie Mondenflimmer,
265
Eine Strahlengestalt.

266
Schimmergelockter,
267
Ätherumflossner,
268
Blühender, strahlenumgürteter Jüngling,
269
Ich kenne dich —

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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