Der Maalstein

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Der Maalstein (1798)

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Wen haben sie hier in den Staub gebettet?
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Wen in die enge öde Nacht verscharrt,
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Aus der kein Hahngeschrei, kein weckend Frühroth
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rettet,
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Auf die kein Sonnenaufgang harrt?

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In jene Nacht, in die kein Laut des Lebens,
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Kein leiser Hoffnunglispel niederwallt;
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Für die der Freude Sturm, der Angst Geheul vergebens
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Empor zum blauen Bogen hallt?

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In jene Nacht, in die der Witwe Stöhnen,
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Der Waisen Klage nicht hinunterdringt;
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In jene Ferne, draus kein Flehen und kein Sehnen
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Den theuren Flüchtling wiederbringt!

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Wer ists, um den das menschliche Bedauern
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Auch des Empfindungslosern Auge nässt,
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Um den diess stumme Weh, diess lebensmüde
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Trauern
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Der Überbliebnen Busen presst?

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Bist du es, Edler, der in unserm Kreise
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So gross und so demüthig wandelte?
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So friedlich und so still, so einfach und so
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weise
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Und christlich dacht' und handelte?

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Den alle Guten liebten, die ihn kannten?
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Dem auch der Leumund keinen Makel fand?
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Den unsre Dürftigen stillsegnend Vater nannten?
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Der du mit immer offner Hand

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Holz dem Verklommnen, dem Brodlosen Speise,
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Dem nackten Bruder Kleidung spendetest,
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Der unversorgten Witwe, der verlassnen Waise
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Vollherzig dich erbarmetest?

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Der du, wie eignen Schmerz, den Schmerz der
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Schwären
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Des pflegelosen Lazarus empfandst;
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Dir tausend Segnungen und Myriaden Zähren
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Des Dankes und der Lieb' erwandst? —

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Und dich, dem Seelelabsal, Brüder laben,
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Und Menschen retten, Engelwollust war,
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Dich, Edlen, haben sie hier in den Staub be
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graben?
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Und alle deine Tugend war

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Zu schwach, den grimmen Würger zu be-
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zwingen,
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Der hungrig seine Arme um dich schlang?
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Verloren war für dich der Gattin Händeringen,
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Und deiner Kinder Qualendrang?

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Verschlossen ist dein freundlich Aug' auf immer?
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Verriegelt ewig dein mitleidig Ohr?
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Du liegst und schläfst und schlägst die schweren
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Wimper nimmer
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Aus deinem Todesschlaf empor?

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Und Herzensreinheit, Herzensgüte wäre
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Nicht besser, als das Gras, das Wiesen schmückt,
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Und in der Sonne dorrt? nicht edler, als die Ähre,
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Die halbgereift der Sturmwind knickt?

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Nein, Menschenfreund, in diesem engen Hause
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Wohnt nicht dein bessres, nicht dein wahres Du!
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Dein wahres Du, zu gut für dieser Welt Karthause,
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Flog jenen schönern Welten zu.

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Nur dein Gewand, zerrissen und zertrümmert,
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Vertrauten wir der grossen Mutter Schooss —
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Ein Samenkorn, dem einst der Menschheit Blum'
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entschimmert,
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Unkränkbar, schmerzlos, todeslos.

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Du selbst, Verklärter, schwangst mit Strahlen-
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schnelle
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Dich über Erdengram und Sargesnacht
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Und Gräbereng' empor zu deines Edens Schwelle,
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Wo dir ein mildrer Himmel lacht;

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Wo eine schönre Sonne dich umlächelt,
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Wo eine schönre Erde dich umglänzt,
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Wo Gottes Kühlung dir die heissen Schläfe fächelt,
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Und der Vollendung Kranz dich kränzt —

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Wie war dir, Selger, als die neue Sonne
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Dir Staunendem entgegenfunkelte?
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Als dich des Paradieses namenlose Wonne
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Hochwogig überfluthete?

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Wie war dir, als auf deinem hellen Pfade
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Dir
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Und
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und
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Und

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Und alle, welchen heilig das Erbarmen
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Und Bruderrettung Engelwollust war,
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Entgegenwandelten mit ausgestreckten Armen?
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Vollendeter, sprich, wie dir war,

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Als er, der Menschenretter Erster, Grösster,
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Als Jesus Christus liebend zu dir sprach:
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„sey mir gegrüsst, Geliebter! Sey getrost, Er-
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lös'ter!
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„dir folgen deine Thaten nach!

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„mich hungerte, und du hast mich gespeiset!
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„mich schauerte, und du hast mich erwarmt!
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„ich irrt' in fremden Land verlassen und ver-
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waiset,
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„und du hast meiner dich erbarmt.

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„krank lag ich, und auf meinem Schmerzensbette
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„besuchtest und erquicketest du mich.
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„gefangen lag ich hart; du schämtest meiner Kette
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„dich nicht, kamst und umhalstest mich.“ —

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„mein Herr und Gott, wann hätt' ich dich gesehen,
102
„dich hungern, der die Welten hegt und pflegt?
103
„dich frieren, der du schürst der Sonne Flammen-
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wehen?
105
„dich dursten, der das Weltmeer wägt?

106
„dich nackend, der die Frühlingsanger kleidet?
107
„dich eingekerkert, der die Himmel füllt?
108
„dich arm, der Überfluss aus voller Urne geudet?
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„dich krank, dem alle Kraft entquillt?

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„wann hätt' ich dich erquicken und erlaben
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„und trösten können, du Vollseliger?
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„wann sollt' ich dich gespeist, getränkt, erwär-
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met haben,
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„ich Armer! ich Ohnmächtiger!“

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Und liebend schaute Jesus auf dich nieder,
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Und sprach: „Ich sag' es, und ich schwör' es dir:
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„was du gethan hast einem meiner kleinsten Brü-
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der,
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„das thatest du, mein Bruder, mir.“ — —

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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