Die Erscheinung

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Gotthard Kosegarten: Die Erscheinung (1798)

1
Schaurig ist die Nacht.
2
Nasskalt haucht der Herbstwind
3
Über die falbe Stoppel.
4
Mühsam rollt der Vollmond
5
Durch zerrissne Wolken
6
Seine Silberscheibe.
7
Schaurig ist die Nacht!

8
Schaurig ist die Nacht.
9
Wie heult es auf der Hayde!
10
Wie pfeift es durch die Stoppel!
11
Wie sausen die Tannen!
12
Wie flisterts im Haselbusch!
13
Schaurig ist die Nacht.

14
Warum sträubt sich mein Haar?
15
Warum schüttelt mich Grauen?
16
Ists nur Blättergeflister,
17
Was die Haseln durchschwirrt?
18
Ists nur Säuseln der Tangeln,
19
Was die Tannen durchschwirrt?

20
Schau!
21
Am fernen Hügel
22
Hebt sichs, wie Flamme,
23
Flattert über die Hayde;
24
Wandelt näher im Nachthauch —
25
Nachtsohn, wer bist du?
26
Bist du Mondengeflitter?
27
Bist du streifender Schatten?
28
Bist du täuschender Irrschein?
29
Rede, Nachtsohn, wer bist du?

30
„und kennet Telynhard, des Liedes Sohn,
31
Nicht Elwill mehr, den frühgewelkten Jüngling?
32
Der Neumond sah mich blühn in meiner Kraft,
33
Der Halbmond flimmert' auf mein Sterbelager,
34
Noch weint der Vollmond auf mein frisches Grab —
35
Und Telynhard, des Thränenliedes Sohn,
36
Der Gräber Freund, der Geister Liebling, kennet
37
Nicht Elwill mehr, den frühgewelkten Jüngling?“

38
Elwill, Elwill, bist du's?
39
Frühgewelkter, woher
40
Rauscht dein einsamer Flug?
41
Rede, Elwill, woher?

42
„von jenem Lande komm' ich hergeschwebet,
43
Von welchem Kunde nie dem Staube scholl,
44
Von welchem Antwort nie den kühnen Frager
45
Rechtfertigte — drum frage, Telynhard,
46
Nicht nach dem Lande mich, dem ich entschwebe.“

47
Elwill, ist dir wohl
48
In deinem fernen Lande?
49
Deiner Trümmer wohl
50
In ihrer engen Klause?

51
„ob nah, ob fern, ob hier, ob da, ob dort?
52
Mag gleich dir gelten, Harfensohn — Doch wohl,
53
Wohl ist der Trümmer in der engen Klause,
54
Viel wohler noch dem Fremdling, der verwiesen
55
Aus seiner Heimath in der Trümmer hauste,
56
Viel wohler, Dichter, als es dein Gesang,
57
Als deiner Fantasieen Adlerschwung,
58
Als deines Flammenliedes Schwanenflug
59
Erfliegen mag. Viel wohler, Freund, ist mir.“

60
Elwill, ist dir helle,
61
Wo uns Dunkel hüllt?
62
Ist dir Wahrheit, Elwill,
63
Was uns Wahrheit däucht?

64
„wohl Manches, was dem eingekerkerten
65
Durch enge Gitter mühsam spähenden,
66
Durch weite Fernen ängstlich horchenden,
67
Verwiesnen Geiste Blitz der Wahrheit däuchte,
68
Was Denker mit der Schlüsse Kettenringen,
69
Was Priesterwuth mit Bann und Beil und Holzstoss,
70
Was Märtyrer mit hingebognem Nacken
71
Erwiesen, oder zu erweisen wähnten,
72
Ist dennoch Traum.
73
Wohl Manches, was der selbstzufriedne Grübler
74
Als Dichtertraum verlacht, der eitle Spötter
75
Als Priestermährchen höhnt, der kalte Grübler
76
Gar in der Unding' öde Nacht verbannt,
77
Ist dennoch Wahrheit.
78
Eins ist mir helle, was mir dunkel war.
79
Das Andre dämmert mir nur noch. Das Dritte
80
Ist rabenschwarze Mitternacht noch immer.
81
Viel sind der langen Ewigkeit Äonen.
82
Viel Zeit ist hier zu lernen. Vieles ist
83
Dem ersten Seraph noch zu lernen übrig.“

84
Elwill ist euch Tugend,
85
Was uns Tugend däucht?
86
Wiegt mit Menschenwage
87
Ihr des Menschen Werth?

88
„wohl anders ist des staubverhülleten,
89
Wohl anders des enthüllten Geistes Tugend;
90
Doch tröste dich. Mit Menschenwage wägen
91
Den Werth der Menschen die gerechten Götter.
92
Nach Einsicht richten sie, nach treugesuchter,
93
Nach heisserrungner, ernstbefolgter Einsicht,
94
Wär gleich die Einsicht Irre — Telynhard,
95
Drum sey getrost, und nimmer lass zu forschen,
96
Und nimmer lass zu lehren, was du forschtest,
97
Und nimmer lass zu üben, was du lehrtest.“

98
Elwill, harrt Vergeltung
99
In der Schatten Reich?
100
Spenden eure Götter
101
Lohn und Strafen aus?

102
„belehrung harret hier. Aus schlimmer Thaten
103
Gleich schlimmen Folgen keimt des Bessern Ein-
104
sicht.
105
Des Bessern Einsicht knospt zur That des Bessern.
106
Der schönen Knosp' entblühn des Wohlseyns
107
Halme,
108
Stets höher, voller, dranger, körniger,
109
Der Ewigkeiten weite Felder durch.
110
So lohnen, strafen, so vergelten Götter,
111
Viel anders zwar, als eure Priester lehren,
112
Viel anders zwar, als eure Dichter singen.

113
Elwill, wärmt auch Liebe
114
Euer ödes Reich?
115
Weht auch Liebesodem
116
Durch die Schattenwelt?

117
„wohl wärmet Liebe auch die Schattenwelt;
118
Wohl haucht ihr Lebensathem Geister an.
119
Doch jene arme Erdenliebe nicht,
120
Die durch der Formen sanfte Schwingungen,
121
Und durch der Farben holde Mischungen,
122
Durch Umriss, Füll' und Blüth' und Gluth geweckt,
123
Den Staub zu Staube zieht, dem Einzigen
124
Sich eignet, und die ganze weite Welt
125
Armselig in dem Einzigen vergisst —
126
Die arme enge Liebe wohnt nicht hier,
127
Wohl aber jene reichre, edlere,
128
Die nur dem All sich eignet, sich das All,
129
Sich selig fühlt, nur in der Seligkeit
130
Des grossen Alls, und dessen Seligkeit
131
Rastlos zu fördern, höchste Wollust achtet.
132
Die Liebe kennen wir. Sie gastet nicht,
133
Sie wohnt und hauset unter uns. Sie ist
134
Bey uns daheim — Doch Telynhard, fahr wohl!
135
Fahr wohl! Des Hades Zug entzeucht mich dir.
136
Fahr wohl! und nimmer werde lass zu forschen,
137
Und nimmer lass zu lehren, was du forschtest,
138
Und nimmer lass zu üben, was du lehrtest,
139
Bis dir der Wahrheit Urlicht strahlt, der hohen
140
Urschönheit Anschaun dich entzückt, das Urgut
141
Aus seines Bechers reinem Wein dich tränkt —
142
Fahr wohl! Ich scheide. Denke mein! Fahr wohl!“

143
Fahr wohl! Fahr wohl!
144
Schön ist dein Scheiden,
145
Im Blitz des Mondes,
146
Im Hauch der Nacht.
147
Fahr wohl! Fahr wohl!

148
Dir strahlt der Wahrheit Urlicht.
149
Dir glänzt das hohe Urschön.
150
Dich tränkt des ewgen Urguts
151
Goldener Becher —
152
Fahr wohl! Fahr wohl!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.