Des Grabes Furchtbarkeit und Lieblichkeit

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Des Grabes Furchtbarkeit und Lieblichkeit (1798)

1
Furchthar ist das Grab!
2
Kalte Winde sausen,
3
Dumpfe Schauer grausen,
4
Gram und Grauen hausen
5
Um das stumme Grab.
6
Furchtbar ist das Grab.

7
Lieblich ist das Grab.
8
Linde Stille flistert,
9
Kühler Schatten düstert,
10
Tiefer Friede säuselt
11
Um das stille Grab.
12
Lieblich ist das Grab.

13
Graunvoll ist das Grab.
14
Ängstlich ist des Grabes Enge,
15
Seine Breite, seine Länge,
16
Seine Höhe, seine Tiefe
17
Messen sieben Schritte ab.
18
Graunvoll ist das enge Grab.

19
Lieblich ist das Grab.
20
Süss und schirmend seine Enge;
21
Vor dem lästigen Gedränge,
22
Vor dem gaukelnden Gepränge,
23
Vor der Thoren bunter Menge,
24
Rettet seine sichre Enge —
25
Lieblich ist das enge Grab.

26
Graunvoll ist das Grab.
27
Sein mitternächtlich Dunkel
28
Durchblitzt kein Sonnenfunkel,
29
Durchblinkt kein Abendsternschimmer,
30
Durchflimmt kein Mondenflimmer.
31
Mohrenschwarz ist, ach, das Grab!

32
Lieblich ist das Grab.
33
Seine Schatten
34
Wehn dem matten
35
Wanderer Erquickung zu.
36
Seine Kühle
37
Lullt die schwüle
38
Müde Pilgerin in Ruh.
39
Lieblich ist des Grabes Ruh.

40
Furchtbar ist das Grab.
41
Regen rasselt,
42
Stürme heulen,
43
Schlossen stöbern
44
Rings um das wettergegeisselte Grab —
45
Furchtbar, furchtbar ist das Grab.

46
Lieblich ist das Grab.
47
Frühlingswinde blasen
48
Um des Hügels Rasen;
49
Stille Veilchen spriessen
50
Zu des Hügels Füssen;
51
Zu des Hügels Häupten
52
Blühn Vergissnichtmein.
53
Luna flimmert,
54
Hesper wimmert,
55
Eos röthet
56
Und Aödi's Klage flötet
57
Um das grasbegrünte Grab —
58
Lieblich, lieblich ist das Grab.

59
Einsam ist das Grab.
60
Kein Laut des Lebens,
61
Kein Tritt des Wandrers,
62
Kein Gruss des Frohen
63
Besucht das ewig öde Grab.
64
Ach, wie einsam ist das Grab!

65
Einsam ist das Grab.
66
Der Freude wilde Jubel,
67
Des Leichtsinns lautes Lachen,
68
Der Frechheit wüster Reigen
69
Besuchen nie das Grab.
70
Aber lebensmüde Weise,
71
Und der Wehmuth sanfte Töchter,
72
Und des Liedes edle Söhne,
73
Wandeln gern, wo Gräber grünen,
74
Schauen staunend drauf hinab —
75
Nein, nicht einsam ist das Grab.

76
Fühllos ist das Grab.
77
Starr und taub und stumm,
78
Welk und schlaff und dumm,
79
Des Hoffens Lichtglanz,
80
Des Ahnens Blitzstrahl,
81
Des Grämens Wonne,
82
Des Liebens Wollust —
83
Verloren sind sie für das todte Grab.
84
Furchtbar, furchtbar ist das Grab.

85
Lieblich ist das Grab.
86
Allen Hader,
87
Alle Zwietracht,
88
Jede Fehde
89
Begräbt das stille Grab.
90
Die Feldschlacht brüllt nicht mehr;
91
Die Brandung braust nicht mehr;
92
Der Vulkan raucht nicht mehr.
93
Langen Stillstand,
94
Tiefen Frieden
95
Gewährt das ewigstille Grab.
96
Lieblich, lieblich ist das Grab.

97
Ewig hüllt das Grab,
98
Seiner Pforten Riegel,
99
Wer entriegelt sie?
100
Seiner Schlösser Siegel,
101
Wer entsiegelt die?
102
Seiner Eisenbetten
103
Diamantne Ketten,
104
Wann zersprangen sie?
105
Ring' deine Hände wund!
106
Rauf' deine Scheitel kahl!
107
Wein' deine Sehkraft aus!
108
Vertraure deiner Röhren Mark!
109
Umsonst! Umsonst!
110
Das Unerbittliche gibt nie zurück.

111
Auf ewig schlingt sein Hungerschlund hinab;
112
Auf ewig wiederkäu't es seinen Raub.
113
Grässlich, grässlich ist das Grab!

114
Warum raufen dein Haar?
115
Warum verweinen dein Auge?
116
Warum zerringen die blutigen Hände?
117
Warum vertrauren dein edelstes Mark?
118
Feiger, ermanne dich!
119
Nicht ewig hüllet das Grab!
120
Monden verwallen,
121
Jahre verrollen;
122
Immer noch hüllet das Grab.
123
Aus den Jahren erschwellen Jahrhunderte,
124
Aus Jahrhunderten lange Jahrtausende.
125
Immer noch hüllet das Grab!

126
Aber nun sind sie verrollt, die hunderte, tausende
127
alle,
128
Aber schon schimmert die Berge herüber der Tag
129
der Vollendung!
130
Schau, es kreissen die Gräber. Die Särge gebären;
131
die Urnen
132
Bersten; der wölkende Staub wird Seele; die
133
Asche wird Leben.
134
Jene Enge weitet sich aus zu unendlichen Räu-
135
men;
136
Jene Dunkel hellen sich auf zum unendlichen Tage;
137
Jene lange Stille wird unauslöschlicher Ju-
138
bel;
139
Jenes öde Schweigen wird nie erschlaffende That-
140
kraft.
141
Darum zage nicht, Zager! Ewiglich hüllt nicht
142
das Grab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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