Elegie An Rosa

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Elegie An Rosa (1798)

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Eine Rose blühte. Sie war die schönste des
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Gartens;
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Ihre schwellende Brust funkelt' im perlen-
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den Thau;
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Ihre Blätter erglühten im Widerscheine des Früh-
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roths;
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Ihr vollströmender Duft lockte den Wandrer
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herbey.
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Jünglinge liebten die Holde; des Thales blühendste
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Töchter
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Hingen zärtlich an ihr, staunten erröthend
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sie an —
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Aber sie welkt'; ihr Purpur verblich, ihr athmen-
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der Duftkelch
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Lechzte versiegt; verdorrt trieben die Blät-
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ter umher.
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Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge starben;
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der Rose
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Uranfänglicher Stoff schwebet' im Äther
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umher.
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Und es beseelte des Ewigen Hauch den wandelnden
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Urstoff,
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Hauchete Stimm' und Gesang, Leben und
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Lieben ihm ein.
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Eine Nachtigal ward er, die liederreichste des
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Thales.
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Durch die Weiden am Bach flötet' ihr
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schmelzendes Lied.
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Liebende wandelten horchend am Bach, und inniger
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schlang sich,
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Wenn die Sängerin schlug, an den Verlobten
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die Braut.
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Einen Frühling sang sie. Es welkte der freundliche
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Frühling,
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Und der Sängerin Lied tönte nicht ferner
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am Bach.
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Mit den sinkenden Blättern entsank sie dem Aste
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des Strauches,
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Und zum Äther zurück wallte der flüchtige
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Staub.

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Frühlinge wurden geboren und Frühlinge welkten.
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Noch immer
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Wallte der Sängerin Staub in dem ätheri-
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schen Raum.
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Wieder beseelte des Ewigen Odem den wandelnden
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Urstoff,
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Hauchte lebendigern Hauch, edlere Schön-
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heit ihm ein.
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Und er reift' empor zu einer unsterblichen Seele
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Leuchtender Hülle, zu dir, edele Rosa,
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empor.
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Sieh', ein holdes Mädchen entblühte der Asche,
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mit jeder
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Herzgewinnenden Huld, jeglicher Güte be-
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gabt,
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Traut, wie Schatten, demüthig, wie Veilchen,
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milde, wie Lenzthau,
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Rein, wie der Lilie Kelch, süss, wie
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Narzissengedüft.

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Unter dem Auge des Himmels, und unter des irdi-
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schen Vaters
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Zärtlichschirmendem Blick knospte das Mäd-
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chen empor.
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Sechzehn Frühlinge flohn und sechzehn Herbste ver-
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welkten.
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Jeder kehrende Lenz schwellte den knospen-
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den Keim;
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Und nun drängte die Blum' in tausendblättriger
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Schönheit

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Düfteschauernd hindurch, schamhafterrö-
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thend hervor.
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Ihre Wangen mahlten die leisesten Tinten des Früh-
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roths;
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Um des Auges Stern ringelte himmlisches
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Blau;
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Goldner Locken Gewölk umwallte die leuchtende
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Stirne.
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Leicht, wie Rehe des Hayns, schwebte
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die Huldin daher.
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Jeglichem rührenden Laut der Lippen entbebet' Em-
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pfindung,
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Und aus jeglichem Blick glänzte die Seele
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hervor,
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Ihre noch reine, noch unentheiligte Seele, des
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Schöpfers
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Mildester Odemzug, heiter, besonnen und
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klar;
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Nie verschroben durch Wahn, und nie verfinstert
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durch Launen,
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Nimmer durch Dünkel entweiht, nimmer
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durch Schalksinn entstellt,
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Nein, durch Einfalt verschönert, veredelt durch
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Liebe zur Tugend,
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Und durch Liebe zu dir, Vater des Lebens
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und Lichts.

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Also blühte das Mädchen, und also wallt' es ge-
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räuschlos
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Deinen blumigen Pfad, freudige Jugend,
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hinab.
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Zween Abgründe belauschen die Pfade des wandeln-
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den Mädchens,
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Dieser der Eitelkeit, jener des falschen Ge-
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fühls.
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Aber sie täuschten sie nicht. Von Gottes Auge ge-
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leitet,
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Mied sie die Lockenden, ging graden und
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sicheren Pfad,
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Dachte, doch ohne zu träumen, empfand doch son-
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der Empfindeln,
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Fühlt', und handelte mehr, liebte, doch
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liebelte nicht,
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Liebet' und wurde geliebt — O höchstes, schönstes
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der Loose,
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Allen geliebet und werth, allen geliebet zu
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seyn!
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Was beblümet die Pfade des Lebens? Was kühlet
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des Pilgers
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Brennende Schläfe, was wärmt ihn in er-
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starrender Nacht?
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Seliglächelnde Freundschaft, du thust es, du reiche-
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test Rosen

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Deinen goldenen Kelch, perlenden Nektars
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so voll!
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Tochter des Himmels, du führtest dem Mädchen
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ein Mädchen entgegen,
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Edel und fühlend wie sie, zärtlich und lie-
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bend, wie sie.
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Und sie gewannen sich lieb mit unvergänglicher
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Liebe;
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Wandelten Arm in Arm zwischen den Blu-
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men der Flur;
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Schmolzen Seel' in Seele bey jedem höhern Gedan-
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ken,
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Jeglichem schöneren Bild, jeglichem regern
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Gefühl;
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Spiegelten jegliche sich in ihrer Lieblingin Antlitz;
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Übten in jeglicher Kraft, jeglicher Thätig-
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keit sich.
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Also wallen auf himmlischen Fluren zwey ähnliche
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Seelen,
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Trinken des nehmlichen Kelchs, kosten der
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nehmlichen Frucht,
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Also wandelte Rosa an ihrer Amalia Armen,
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Bis sie ein heisserer Arm ihrer Umarmung
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entwand,
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Bis die Myrte des Bundes die goldenen Locken ihr
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kränzte,
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Und das spätere Band herrisch das ältre
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zerriss.

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Frühlinge blühten und Sommer verreiften und Herbste
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verwelkten,
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Auf dem Fittig des Sturms stöberten Winter
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vorbey.
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Und noch wallte, wie eine Erscheinung aus besse-
155
ren Welten,
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Reich an Tugend und That, Rosa auf irdi-
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scher Flur.
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Hochauf wallte der Duft von ihrer Tugend, zum
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Himmel
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Rauschte die wogende Saat edeler Thaten
161
empor.
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Ähre, du neigst dein Haupt, vom Segen Gottes
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belastet!
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Reife Frucht, du entsinkst leise dem be-
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benden Ast.
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Also neigte sich Rosa, gereift zu besseren Wel-
167
ten,
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Senkte öfter den Blick ruheverlangend
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hinab.
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Einen schimmernden Jüngling — es war der Engel
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des Mädchens,
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Leuchtender, liebender hat keinen der Him-
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mel erzeugt —
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Sandte der Vater der Geister, die Tochter zu holen.
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Er schwebte
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Um die Schlummernde her, flisterte zärtlich
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ihr zu:

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„schwester, komm' hinweg!“ Da verrannen, wie
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rauschende Wogen,
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Ihre Sinne. Hinweg schwanden ihr Erde
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und Tag.
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Nächtliches Dunkel umdämmert' ihr Aug'. Ambro-
183
sischer Schlummer
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Überwältigte sie, säuselt' in Träume sie
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ein,
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Goldne Träume von Perlen und Kränzen und Pal-
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men von Edens
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Nimmererlöschender Lust, nimmerversiegen-
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der Ruh.
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Mit dem erblühenden Morgen entfloh die entkleidete
191
Seele.
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Ihr Gewand aus Staub ward in die Erde
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gesät.
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Blumen sprossten empor auf ihren Rasen. Es klag-
195
ten
196
Trauerharfen, und sanft thaueten Thränen
197
hinab — —
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Und wenn meine Harfe nicht dann auf ewig ver-
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stummt ist,
200
Wenn dem Trauernden noch glänzet das
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Licht des Gesangs:
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Siehe, so raff' ich mich auf in meinen silbernen
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Locken,
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Sing' ein heiliges Lied über der heiligen
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Gruft,
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Dass ein Schauer des ewigen Lebens den Rasen um-
207
rausche,
208
Und den schlummernden Staub süsserer
209
Schlummer umfah.

210
Frühlinge welken zu Hundert, und Herbste verrieseln
211
zu Tausend;
212
Reissenden donnernden Stroms strudeln die
213
Zeiten dahin.
214
Immer noch schlummert im Busen der Erde die
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heilige Asche,
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Schwimmt im Sonnenstrahl, wiegt sich in
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wogender Luft.
218
Aber nun hebt aus dem Schoosse der Nacht sich ein
219
ewiger Morgen
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Schön und süss und still, feyerlich, schreck-
221
lich und hehr.
222
Gräber schwellen und Urnen gebären; aus rau-
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schenden Feldern
224
Keimt unsterbliche Saat, fluthet zum Him-
225
mel empor — —
226
Welche verklärte Gestalt entblühet der berstenden
227
Urne?
228
Schüttelt aus goldenem Haar freudig den
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nichtigen Staub?
230
Rosa, sey mir gegrüsst in deiner unsterblichen Schön-
231
heit.

232
Deinem Aug' entsprühn sterbliche Schimmer
233
nicht mehr.
234
Mehr denn Röthe des Aufgangs bestrahlt dir die
235
leuchtende Wange;
236
Mehr denn Westgeweh ringelt dein rollen-
237
des Haar —
238
Rosa, wo schwebest du hin? Durch welche strah-
239
lende Zonen
240
Trägt dich dein Sonnenflug, leuchtender
241
Seraf, empor?
242
Willst du baden im Strome des Lebens? des himm-
243
lischen Lichtes
244
Urquell trinken? des Borns, welcher Vol-
245
lendete tränkt?
246
Willst du suchen den Hayn voll silberrieselnder
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Quellen,
248
Wo ins Quellengeräusch jubelt der Seligen
249
Chor?
250
Willst du mengen dein jubelndes Lied in die Chöre
251
der Feyrer,
252
Dass, wie ihnen, auch dir, Fülle der Se-
253
ligkeit ward?
254
Fahre wohl, Geliebte! Nun sind der Endlichkeit
255
Fluthen
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Alle verflossen. Verrollt ist der Vergäng-
257
lichkeit Bach.
258
Alle Zeit ist verschlungen, und alles Ende ge-
259
endet.

260
Jedes Ziel ist errannt, jegliches Kleinod
261
ersiegt.
262
Droben ist alles bleibend, und alles daurend, und
263
alles
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Fliegt geraden Flugs Bahnen des Adlers
265
empor.
266
Droben wachsen die Töchter der Tugend von Güte
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zu Güte,
268
Klimmen von Kraft zu Kraft, reifen von
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Heile zu Heil,
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Fallen alle geläutert zuletzt und alle vollendet
271
Dir in den liebenden Schooss, ewige Schön-
272
heit, zurück!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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