Ungenand an Agnes

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Ungenand an Agnes (1679)

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Jst dieses was ich soll von meiner Agnes ha-
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ben?
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Soll Gruß und Abschied denn nah’ aneinan-
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der stehn?
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Läst meine Taube sich ümbgeben schwartze Raben?
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Muß meine Sonne denn so schimpflich untergehn?
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Ist kein Erbarmnis mehr in dieser Welt zufinden?
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Kennt Blut deñ Blut nicht mehr? kennt mich mein
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Vater nicht?
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Läst er mit Kett’ und Band dich meine Seele binden?
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So bin ich allbereit erbärmlich hingericht.
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Ach wär’ ich hingericht! Er läst mich in dem Leben/
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Damit ich schmecken soll die Galle meiner Noth;
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Er läst den Todes Stifft auf meinen Hertzen schweben/
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Denn ohne dich zuseyn/ ist ärger als der Todt.
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Die Sinnen wancken mir/ die Feder will nicht schrei-
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ben/
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Das Hertze waltzet sich und will mit Macht zu dir/
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Es scheut sich ohne dich itzt mehr in mir zubleiben/
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Und was nur Marter heist das find’ sich itzt in Mir.
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Es steht die Schuldigkeit mir trotzig im Gesichte/
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Und spricht mir deutlich zu/ ist diß die heisse Gluth?
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Läst Albrecht seine Braut vergehen im Gerichte?
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Ist dieses seine Treu? ist diß sein Helden Muth?
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Kan seine Liebe denn die Riegel nicht zerbrechen?
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Verübt sie diß nicht mehr was in der alten Zeit?
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Kan seine Mañheit sich nicht an den Richtern rächen?
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Hat denn ein Augenblick die Kräfften abgemayt?
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Hergegen muß ich auch den Schluß des Himmels hö-
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ren/
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Der als ein harter Schlag mir in die Ohren fällt/
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Du solt/ soviel du kanst/ den alten Vater ehren/
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Er hat dich neben Gott auf diese Welt gestellt.
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Mit Eltern soll man nur mit Demuths Waffen strei-
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ten/
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Jhr Wort’ und Wille soll uns ein Gesetze seyn/
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Jhr Seegen kan uns Heil und Wohlfarth zubereiten/
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Und Jhrer Flüche Sturm reist alles gutes ein.
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So muß ich zwischen Blut und heissen Flammen lie-
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gen/
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Bin schimpflich halb befleckt/ und schmertzlich halb ver-
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brennt/
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Und muß den schwachen Hals für dem Verhängnüß
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biegen/
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So diese gantze Welt vor ihren Zaum erkennt.
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Ich werde nur erstum̃t itzunder warten müssen/
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Was über dich und mich die Welt beschlossen hat/
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Ich liege dem Gelück erbärmlich zu den Füssen/
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Und hier bey unser Noth hat auch kein Pflaster statt.
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Mit Einfall umbzugehn/ den Harnisch anzulegen/
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Das ist zwar Ritterlich/ doch keine Hülffe nicht/
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Den Vater würd’ ich nur durch solche That bewegen/
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Daß du noch grausamer itzt würdest hingericht.
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Ich schaue nur zuviel/ das Urtheil ist gesprochen/
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Der Vater fleucht vor mir/ und läst mich nicht vor sich/
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Es hat sein harter Geist sich wohl an mir gerochen/
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Er will dir an den Hals/ und meinet mich durch dich.
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Ich weiß kein Mittel mehr/ ich rede nur mit Steinen/
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Die Ohren seyn verstopft/ das Hertze wird zu Stahl/
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Man lacht mein Seuffzen aus und achtet nicht dein
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Weinen/
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Man kräncket dich mit Angst und speiset mich mit
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Qual.
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Das gröste/ was mir itzt den Kern des Hertzens naget/
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Ist dieses/ daß ich dich in diese Noth geführt;
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Ich hab’ als Jäger dich in dieses Garn gejaget/
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Das Eisen komt von mir/ so deine Seele rührt.
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Denn soltest du die Schmach von fremden Händen lei-
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den/
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Und würde deine Brust nicht durch mein Blut verletzt/
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So könt ich endlich noch mich in Gedult bescheiden/
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Ich sagt: es hat es so der Himmel ausgesetzt.
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So soll mein Vater dich in Band’ und Eisen legen/
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Und meine Liebes Brunst dein Scheiterhauffen seyn/
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Ja deiner Brüste Schnee zerschmeltzet meinetwegen/
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Diß ist ein Höllen Tranck und will mir bitter ein.
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Doch alles ist ümsonst/ dein Klagen und mein Hoffen/
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Verschwindet wie ein Dunst und stirbet ohne Frucht/
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Es hat uns in der Welt die höchste Noth betroffen/
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Du wirst zum Todt/ und ich zur Marter itzt gesucht.
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Das Eisen so dich drückt/ das will mich auch beschwe-
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ren/
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Das Gift so dich verletzt/ würckt leider! auch in mir/
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Wie solte meine Krafft sich nicht wie du verzehren?
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Denn meine Seele wohnt itzt nirgends als in dir!
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Ach Agnes glaub es mir/ ich bin wie du gebunden/
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Ich büße weil ich dich in solche Noth gebracht/
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Wer deine Glieder schlägt/ der macht auch meine
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Wunden/
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Scheinst du mir Sonne nicht/ so bleib ich in der Nacht.
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Doch kan und muß ich ja nach dir im Leben bleiben/
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So soll dein Nahme stets in meinem Geiste stehn/
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Ich will ihn dem Crystall mit Wörtern einverleiben/
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Die mit der Ewigkeit in gleichen Zirckel gehn.
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Ich will dein edles Grab mit tausend Thränen netzen/
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Und wo der gelbe Neid es nur vertragen kan/
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So will ich diese Schrifft auf deinen Leichstein setzen/
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Daß auch der After Welt dein Ruhm sey kund ge-
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than:
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Hier ruht ein schönes Weib mit schwartzer Nacht be-
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decket/
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Ein Schatz in dunckler Gruft aus Ungunst hingelegt/
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Hier ruht die Reinligkeit/ die noch kein Dunst beflecket/
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Und dieses/ was zuvor die Felsen hat bewegt.
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Von ihrer Todes Arth ist hier kein Wort zulesen/
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Du weist es ohne mich die Welt ist voll Gefahr/
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Ach weine/ weil sie mehr als Englisch ist gewesen/
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Daß bey den Menschen sie fast mehr als sterblich war.
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Nun Agnes dieses soll auf deinen Leichstein schreiben/
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Der einen heissen Kuß dir in Gedancken gibt/
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Man kan zwar meinen Leib von deiner Seele treiben/
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Doch mein Gemüthe nicht/ so dich auch ewig liebt.
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In meinem Geiste kan dein Bildniß nicht verderben/
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Hier soll es wohl verwahrt in hohen Ehren stehn/
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Und kan mein Hertze nicht mit deinem Hertzen ster-
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ben/
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So laß doch meine Hand mit dir zu Grabe gehn.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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