Tibald an Lettice von Hort

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Tibald an Lettice von Hort (1679)

1
Lebt meine Todte noch? ist nichts an ihr ver-
2
blichen?
3
Greift die Verwesung ihr nicht Brust und
4
Lippen an?
5
Du sturbest nur der Welt/ mir bistu nicht entwichen/
6
Du weist wohl/ daß dein Fürst dich nicht entbehren kan.
7
Ich darf dir noch zur Zeit nicht eine Grabschrifft ma-
8
chen/
9
Ich denck itzt an den Sarg/ und an den Marmel nicht/
10
Du kanst mit frischem Muth itzt deines Grabes lachen/
11
Und schaust noch/ dem du gleichst/ das schöne Tages-
12
Licht.
13
Zu Flammen magstu wohl/ doch nicht zu Asche werden/
14
Dann jene zieren dich/ diß ist zu früh vor dich/
15
Den Mund/ den schönen Arm/ die Anmuth der Ge-
16
behrden/
17
Begehret nicht der Todt/ er läßt es noch vor mich.
18
Du bist der werthe Zoll/ den mir die Schönheit giebet/
19
Wann durch mein Hertzogthum/ sie ihre Wahren
20
führt/
21
Es scheint/ der Himmel selbst hat deinen Leib geliebet/
22
Dieweil er ihn so reich mit seinen Gaben ziehrt.
23
Kan nun des Himmels Hand sich deiner nicht enthal-
24
ten/
25
Wie solte denn der Mensch dir ungewogen seyn?
26
Die Liebe heist mich itzt des Himmels statt verwalten/
27
Ich stelle mich bey dir mit meinem Hertzen ein.
28
Wie aber lebestu? Was kanstu schönes schauen?
29
Nichts als die Einsamkeit/ des Todes Ebenbild/
30
Du siehest ihre Hand ein Schloß der Schwermuth
31
bauen/
32
Und bist wie mich bedeucht mit Schwermuth selbst er-
33
füllt;
34
Ich wolte dich also in diesen Schatten legen/
35
Dieweil ich deinen Leib hab allzuwerth geacht/
36
Es wird ein Diamant von seiner Hoheit wegen/
37
Mit Riegeln wohlverwahrt/ und unter Schlösser
38
bracht.
39
Das Licht ist nicht vor dich/ du kennst den Lauf der
40
Zeiten/
41
Des Hofes Auge sieht vor mich und dich zu scharf/
42
Es weiß der Baum der Gunst sich hier nicht recht zu
43
breiten/
44
Ach das ein Hertzog nicht die Satzung brechen darf.
45
Wir sollen Fürsten seyn und dienen den Gesetzen/
46
Man bücket sich vor uns/ und stöhrt doch unser Lust/
47
Wir können ohne Fleck uns nirgends recht ergetzen/
48
Und was man Freyheit heist/ das bleibt uns unbewust.
49
Dein Auge zwinget mich/ ich kan dich nicht verlassen/
50
Man tadelt diß an mir/ was ich nicht ändern kan/
51
Es heist mich die Natur dich hitzig zu ümfassen/
52
Und das Gesetze sagt es sey nicht recht gethan.
53
Drum muß ich diesem nur dich aus den Augen brin-
54
Und diß verborgen thun/ was die Natur begehrt/ (gen/
55
Der Him̃el wird mich ja nicht über Kräfften zwingen/
56
Er hat der Sterbligkeit nicht alle Lust verwehrt.
57
Jetzt weiß ich was es sey im Hertzen zuentbrennen/
58
Und aus dem Munde stets zu blasen Eiß und Schnee/
59
Den Nahmen der uns zeucht/ zu keiner Zeit zunennen/
60
Zu seegeln wie man will auf dieser trüben See.
61
Mit Maßquen wohl verdeckt zu Leid und Lust zugehen/
62
Des Auges Herr zu seyn/ so stets Verräther ist/
63
Wenn uns die Liebe führt/ in gleicher Schnur zustehen/
64
Daß aus den Taumeln man/ nicht unsern Trunck er-
65
kießt.
66
Ich weiß es was es sey/ was aber hilft das Wissen?
67
Welch Kluger hat sich klug bey Liebes Brunst erzeigt?
68
Dann wenn man diese Gluth im Hertzen will ver-
69
schlüssen/
70
So spührt man/ daß sie uns in das Gesichte steigt.
71
Sie dolmetscht unvermerckt bey Freunden/ Weib und
72
Kinde/
73
Sie steckt oft auf ein Wort die hohe Blut Fahn aus/
74
Wer ist auf dieser Welt der ihre Kräfften binde?
75
Sie steiget auf das Dach/ verbeut man ihr das Hauß.
76
Es gehe wie es will/ ich weiß dich nicht zuhassen/
77
Und noch zur Zeit ist Uns der Himmel wolgeneigt/
78
Man sagt von deinem Todt allhier auf allen Gassen/
79
So der Gemahlin auch genug zu Hertzen steigt.
80
Es hat mein gantzer Hoff den Purpur hingeleget/
81
Man klagt/ daß die von Hort itzt fault in schwartzer
82
Gruft/
83
Und durch die Priesterschaft wird dieses Land beweget/
84
Daß iederman vor dich zu dem Erlöser rufft.
85
Die Glocken klingen scharf/ man fragt: wer ist gestor-
86
ben?
87
Die Antwort folgt darauff: Des Hofes Zierd und
88
Pracht;
89
Du hast bey vielen dir ein solches Lob erworben/
90
So dich zur Heiligen und mich zum Ketzer macht.
91
Ein ieder schwatzet itzt von deiner Art zuschertzen/
92
Die durch ein süsses Gift den Hertzog selber fing/
93
Der als dein Opferknecht verknüpft mit Hand und
94
Hertzen/
95
Mit süssem Weirauch dir gebückt entgegen ging.
96
Man sagt wie sanffte du das Leben hast beschlossen/
97
Wie sich so zierlich dir gestreckt hat Hand und Fuß/
98
Und wie du nun vielleicht des Himmels hast genossen/
99
Die Liebe macht/ daß auch die Cantzel lügen muß.
100
Der Himmel zürnet nicht/ daß ich mich unterwinde/
101
Durch Messen und Gebeth zu blenden dieses Landt/
102
Der Höchste kennet mich/ und auch die schöne Sünde/
103
Diß/ was dein Auge kan/ ist ihm nicht unbekannt.
104
Ich weiß genug/ was uns hat Moses fürgeschrieben/
105
Mit was das strenge Recht uns arme Menschen
106
schreckt/
107
Weraber schreibt mir nun ein Mittel vor das Lieben/
108
Wenn dieser scharffe Brandt in Hertz und Adern steckt.
109
Man saget/ Salomon der habe von den Kräfften/
110
Die in den Kräutern seyn/ ein grosses Buch gemacht/
111
Er starb vielleicht verliebt bey Pulvern und bey Säff-
112
ten/
113
Denn vor die Liebe hat noch keiner was erdacht.
114
Ich bleibe was ich bin/ bleib du in deinen Schaten/
115
Und stirb der grossen Welt und deinen Freunden ab/
116
Du solst durch meine Hand noch in ein Licht gerathen/
117
So dir erleuchten kan das schwartze Trauer Grab.
118
Ich will die Leiche dir mit Diamanten ziehren/
119
Ich will mit starcker Hand zubrechen diesen Stein/
120
Ich will dich wohl geküst aus deinem Sarge führen;
121
Getrost/ in kurtzen soll dein Aufferstehung seyn.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.