Canzone XIV

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Karl Candidus: Canzone XIV (1854)

1
Wie heult es herzzerschneidend durch die Lüfte!
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Wie tost es durch den Wald! Von jenen Bäumen,
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Den stattlich hohen, stöhnt gewalt'ges Stöhnen.
4
Es wirft der Sturm des Wassersturzes Schäumen
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Und zerrt und läßt ihn rasen in die Klüfte.
6
Wie leuchtet neustets vor dem Donnerdröhnen
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Der Fels im prächtig schönen
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Blitzglanz! Verkehrt in Nacht ist Tag. Es fallen
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Die Tropfen stärker, doch mich schirmt, o Buche!
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Dein Laubdach. Keinem Fluche
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Mehr bebt dies Herz wenn wilde Stimmen schallen.
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Du hast ganz andre Stürme mir geleget,
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O Herr! und sie auch hatte Huld erreget.

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Bestimmungsloses Fühlen ist kein Fühlen.
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In Schmerz und Lust nur ist Gefühl entfaltet.
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Drum spannt das
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Als Widerspruch und Unortnung gestaltet.
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Und Wahn und Lüge, Haß und Tod durchwühlen
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Die Welt. Doch sieh! mit Finsterniß versticht sich
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Und zeigt der Liebe Licht sich
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Urstets, der Liebe Leben, denn begründet
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In ew'ger Einheit nur ist ew'ges Brechen.
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Da muß der Bruch sich rächen
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Durch Sehnsuchtsweh, und sel'ges Heil verbündet
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Treu mit Versöhnung sich und stiller Friede.
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Drob preist, o Herr! auch

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Und wird nun wer gefangen war wol sagen:
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Gebt nochmals Ketten daß ich freier werde?
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Und wer wird sprechen: laßt uns mehr erkranken
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Um besser zu gesunden? Mensch von Erde!
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Wie sollten mit der Sünde wir uns tragen
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Der wir gestorben sind, da in Gedanken
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Mit sterbensvollem Wanken
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Der alte Mensch in uns zum Tod begleitet
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Den Herrn vom Himmel, der in uns nun lebet?
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Wenn's von den Lippen bebet:
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Versöhnt ist Alles. Von der Sünde Schranken,
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Nun sie zertrümmert, aufweint brünstig Danken.

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Hier haben keine Stimme, die am Satze
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Des Widerspruches abzugweise hangen
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Und deren Denkthat wirklich noch im Grauen
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Des Bruches und des Widerspruchs befangen.
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Mit Recht bezeugen sie die Teufelsfratze
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Die sie als Hinterhaubt des Guten schauen.
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Ich möcht' im bläulich grauen
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Helldunkel eines Tempels lieber sehen
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Ein Jünglingsantlitz qualverstört und trotzig,
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Selbst etwas läppisch-protzig,
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Doch immer gotthaft, während Heilsergehen
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Auf vord'rer Janusstirn freundselig ruhte
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Wie er mit Schlüssel thront und Königsrute.

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Licht überströmt vom Kreuze die Geschichte
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Rückwärts und vorwärts. Schmerzenreiches Irren
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Bezeichnete des Menschen erstes Wollen
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Auf Erden, doch in stets vermehrte Wirren
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Trat Wahrheit aus prophetischem Gesichte,
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Und dringender auftrat erhab'nes Sollen,
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Bis Wahrheit mit dem vollen
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Inhalt der Heiligkeit sich offenbarte.
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Dem Jugendschmerz wird Altersheil entblühen.
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Es läßt nach unsern Mühen
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Der Herr uns schau'n was er uns aufbewahrte.
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Sei neuer Siegel Aufschluß dann begonnen.

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Wir harren einer Ortnung ird'scher Dinge
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Die Gottes Reich verdient genannt zu werden.
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Nur geistig ist sein Reich und darum eben
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Soll Alles geistgeortnet sein auf Erden.
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In Adams Reich ist Arbeit Fluches Schlinge,
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In Gottes muß sie sich zum Spiel erheben.
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In Adams Reich erstreben
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Sich beste Kämpfer selten heil'gen Frieden,
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In Gottes ist er Allen, wie dem Kinde
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Aus Gnaden gar geschwinde
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Und sonder Mühe noch Verdienst beschieden.
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O komm du Spiegel sel'ger Gottesklarheit,
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Komm bald und sei des Kreuzes äuß're Wahrheit.

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Wie spannt dort anmutreich der Regenbogen
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Sich ob der tiefen, duftig grünen Schneuse!
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Der Aufruhr der Natur hat ausgewütet
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Und freundlich schließt der Himmel seine Schleuse.
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So tret' ich denn heraus, euch Balsamwogen
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Des Waldes frisch zu trinken, denn behütet
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Hat seinen frohgemütet
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Dankbaren Knecht der Herr auch diesmal wieder.
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O Amselschlag, o volles, reiches Tönen!
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Und rings wie viel des Schönen!
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Erquickung strömt durch Herz und Haubt und Glieder.
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Mit mark'gen Knochen steht zugleich im Leben
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Wer wahrhaft sich dem Himmel hat ergeben.

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O Freudigkeit des Glaubens!
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Den Satan sah
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Wie einen Blitz. Was bleibt vom Wetterscheine
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Wenn er erlosch? Das reine,
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Das heitre Blau wo ew'ge Sterne wallen,
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Wo, schöngeschmückt zu priesterlichem Handeln,
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Die seligen Gedanken Gottes wandeln.

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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