Canzone XIII

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Karl Candidus: Canzone XIII (1854)

1
Von Menschheit hör' ich sagen viel und singen
2
Und von dem Heil der Massen durch die Massen.
3
Und dieser mag zwar bildend wol erfassen
4
Die Menge, doch sie ihn hervor nicht bringen,
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Weil das Geschlecht von solcher Kraft verwaist ist.
6
Wenn das Gefild enteist ist,
7
Pfropft still ein Wundergast und sieh! nach Jahren
8
Beugt süße Fruchtlast seine Himmelsschösse
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Derweil, wie stark es sprösse,
10
Allstets nur herbe Holzfrucht läßt gewahren
11
Das ungepfropfte Astwerk, das daneben
12
Derselbe Thau, dasselbe Licht umschweben.

13
Der Geist allein ist ewig machtvollkommen.
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Die Massen in Pallästen und in Hütten,
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Am Webstuhl und im Lehrstuhl und auf Thronen,
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Sie können, was zerrüttet, mehr zerrütten,
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Doch schaffen nichts, nichts was da möchte frommen,
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Nichts was der Mühe wahrhaft möchte lohnen.
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Laß blitzen deine Kronen,
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Du königliches Volk der Geistbetrauten,
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Du Mittlerschaft die sich der Herr erküret,
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Denn dir allein gebühret
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Zu bauen neuer Menschheit Himmelsbauten.
24
Der Geist allein vermag aus Sündenketten
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So Könige wie Völker zu erretten.

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Die löblichste Gewohnheit ist unlöblich,
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Ist Sünde, weil gedankenloses Treiben.
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Wie fänden der Gewohnheit ew'ge Knechte,
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Sie die in altgewohntem Schlendern leiben
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Und leben, Gottes Thun verkennend gröblich,
31
Wie fänden sie das Gute und das Rechte?
32
Vom Pantherthiergeschlechte
33
Und Mohren fordert ihr kein Hautverwandeln.
34
Weiß auch ein Baum wo der Veredlung Spur ist?
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So mag, was nur Natur ist,
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Niemals aus Freiheit und für Freiheit handeln.
37
Doch Gottes Huld sind alle Dinge möglich.
38
Ihm ist das Unbewegliche beweglich.

39
Von Sünde frei ist wer da kommt zum Vater.
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Wer aber führt zu ihm als die ihn kennen?
41
Wer auch versteht der Menschen Sinn zu leiten
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Daß sie für das Unendliche entbrennen?
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Wer ist der Künste Meister und Berater
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Die äußerlich den Menschen gern befreiten,
45
Ihm Muße zu bereiten
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Aus Not und, ach! geistloser Arbeit Fluche?
47
Wer weiß, wer ahnt zum Mindesten, die Mittel
48
Die uns aus diesem Spittel
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Erlösen möchten, wie dort steht im Buche?
50
Wer schafft und gründet? gibt uns Hoffnungsschimmer?
51
Nur Einzle sind's, die Massen sind es nimmer.

52
Das Christenthum ist sel'ger Spiele Spiegel
53
Und
54
Des Meisters heitrer Geist mag niemand gönnen
55
Zweckloser Lustentsagung Uebernahme.
56
Doch ob ihm offen alle Himmelsriegel
57
Und er wol hätte Freude haben können,
58
Ward er, daß wir entrönnen
59
Der Armut, selbst arm, wählte Schmach statt Ehren.
60
So mag auch nur, wen gleiche Liebe spornet,
61
Des Menschenheils bedornet
62
Schmerzreichen, rauhen Pfad zu gehn begehren.
63
Kein Mühsal scheut, zu bahnen höchstem Wandeln,
64
Wen Eins nur freut: zu schauen Gottes Handeln.

65
Wohlthätig, Kranke heilend, lehrend wallte
66
Der Meister und so mögen auch die Seinen
67
Der Leiber wie der Geister sich erbarmen.
68
Wie Sünde sich und Uebel gern vereinen,
69
So mögen wir daß, wo die Predigt schallte,
70
Auch leiblich werde Linderung den Armen.
71
Uns will das Herz erwarmen
72
Beim Anblick des verkommenen Geschlechtes.
73
Und so wie zweierlei ist unsrer Liebe Segen,
74
So ist auch allerwegen
75
Stets zweierlei der Lohn den wir als ächtes
76
Beglaubigen empfangen unsrer Uebniß:
77
Leibliche Not und geistliche Betrübniß.

78
Ach! süßer ist es freilich still zu blühen
79
Am Gottesbaume als mit scharfem Stale
80
Gelöst, noch heimwehträufend, fern von Eden,
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Verpflanzt zu werden in die Erdenthale.
82
Weit süßer als Prophetenamtes Mühen
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Ist mit den Vögelein beschaulich reden.
84
Doch zu des Lebens Fehden
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Drängt unerbittlich fort aus Hirtenruhe,
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Getreue Jünger, euch des Meisters Liebe,
87
Auf daß ihr nicht wie Diebe
88
Des Heiles Schatz verhehlt in toter Truhe.
89
So lang Geheimgut letzte Herrlichkeiten,
90
Heißt

91
Mag stumpf die Welt dem alten Joch sich beugen
92
Das längst den Nacken blutig ihr gerieben,
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Ihr blöder Blick soll uns nicht niederschlagen,
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Die schöne Hoffnung soll uns nicht zerstieben.
95
Als treue Wächter wollen wir bezeugen
96
Den Gang der Nacht und das gewisse Tagen.
97
Hoch sei einhergetragen
98
Das Glaubensbanner das da spricht erfreulich
99
Von dem was man nicht sieht. Denn nur der Glaube
100
Läßt uns nicht sein zum Raube
101
Der Trägheit und nur er führt uns getreulich.
102
Geduld ist not. Durch Glauben und Vertrauen
103
Läßt Gott den Tag der Zukunft uns erschauen.

104
Es schläft die Welt den Todesschlaf wie immer
105
Und da ist kaum was möchte Hoffnung geben,
106
Doch durch den Glauben ist uns klar entfaltet
107
Daß Gott in unser Nichts gepflanzt sein Leben
108
Und daß dies All in seiner Prachten Schimmer
109
Das bloße göttlich starke Wort gestaltet.
110
Drum, wenn das Wort nur schaltet,
111
Braucht's weiter nichts, noch einen schönern Himmel
112
Und eine schön're Erde still zu bilden
113
In deren Lustgefilden
114
Sich regt der neuen Gottmenschheit Gewimmel.
115
Die blöde Welt, ach! blendet solches Hoffen,
116
Allein der Glaube sieht die Zukunft offen.

117
Im Glauben, da Gott Abraham berufen,
118
Ging dieser aus und wußte nicht vom Ziele
119
Und wohnte als ein Fremdling unter Zelten.
120
Gewärtig was zu stiften Gott gefiele.
121
Im Glauben trat herab von Thronesstufen
122
Ein Moses weil er ansah das Vergelten.
123
Das kühne Donnerschelten
124
Der heiligen Propheten kam vom Glauben.
125
Im Glauben trank Sokrates Gift, und sandte
126
Der Heiland ungewandte
127
Sendlinge gen der Sünde Todesschnauben.
128
Im Glauben stach Kolumbus in die Meere,
129
Und scheute Luther nicht der Weltmacht Heere.

130
Im Glauben wirkten alle Männer Gottes,
131
Und Viele litten Bande und Gefängniß.
132
Sie sind gesteiniget, zerhackt, zerstochen,
133
Durch's Schwert getötet. Jeglicher Bedrängniß
134
Und Not bloß, waren sie ein Ziel des Spottes.
135
Sie, deren unwert war die Welt, verkrochen
136
In Wüsten, auf Bergjochen,
137
In Klüften sich und Höhlen. O wir haben
138
Im Kampf noch bis auf's Blut nicht widerstanden!
139
Uns mache nicht zu Schanden
140
Die Schaar der Zeugen die uns stets umgaben!
141
Seht auf den Meister, der das Widersprechen
142
Der Welt trägt, ach! bis ihm die Augen brechen.

143
So lang auf Erden Etwas zu erlösen,
144
Seid ihr nicht ganz erlöst. Ihr müßt's ja fühlen!
145
Nicht euer Ich ist euer Selbst, das wahre,
146
Das ganze Selbst. Zwar auf des Glaubens Pfühlen
147
Ruht selig euer Haubt, und frei vom Bösen
148
Ist euer wahres Selbst, das volle, klare.
149
Sich ewig offenbare,
150
Doch neustets spielt ihr sel'ges Spiel die Liebe,
151
Schafft Leere stets, schafft Sehnsucht nach Erfüllen,
152
Und will, in solchen Hüllen
153
Sich schauend, drin erlösen eigne Triebe.
154
In euer leeres Ich kam sie hernieder,
155
Und ist sie 's wirklich, liebt und löst ihr wieder.

156
Es will durch
157
Und was ihr laßt gebunden, bleibt gebunden,
158
Und was ihr löset, ist gelöst. Die Bande
159
Der Sündenknechtschaft an der Menschheit wunden
160
Gliedmaßen könnet
161
Von
162
Zu süßem Liebesbrande
163
Entfache still die Welt denn euer Hauchen,
164
Bis Liebe Wahrheit, Wahrheit Freiheit bringe,
165
Und neuschön alle Dinge,
166
Vom Scepter bis zum Pflug, aus Gott auftauchen.
167
Euch ist das
168
Und eitles Klagen ist nur Selbstanklagen.

169
Sitzt aber träg ihr auf des Geistes Thronen,
170
Wird dumm der Erde Salz, die Leuchte dunkel,
171
Dann seid in Wahrheit ihr nur tote Massen,
172
Doch wißt: wie fernster Sterne Urgefunkel
173
Herfliegt und uns erglänzet nach Aeonen,
174
So naht, aus tiefstem Himmelsraum entlassen,
175
Den Erdball zu erfassen,
176
Ein Lebenswürzestrom, von Gott ersehen
177
Eh' er den Erdball schuf, daß er die Seinen
178
Erwecke sich aus Steinen,
179
Wenn ihr nicht möchtet seine Huld verstehen.
180
Erfüllt doch Christus die Unendlichkeiten
181
Und kann sein Werk auch ohne euch bereiten.

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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