Canzone XII

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Karl Candidus: Canzone XII (1854)

1
Den Tauftag meines Sohnes grüßet munter
2
Mit lautem Chor der Kirchenspatzen Völklein
3
Wie tiefer thurmab gleitet Sonnenröte
4
Und sacht verglimmen wangenglühe Wölklein.
5
Ein frischer Morgenwind weht sanft herunter
6
Daß er zum Festtag seinen Gruß entböte.
7
Wenn innerlich erhöhte
8
Gemütsstimmung das Leben uns begeistet,
9
Wie ist die Erde schön! Und sie wär' schöner
10
Wenn nicht wie Tagelöhner
11
Die Menschen, ach! ihr Königswerk geleistet.
12
Es bleibt die Schönheit der Natur verhüllet
13
So lang der Lügengeist die Welt erfüllet.

14
O Gottentfremdung, einzig Eine Sünde,
15
Wie hast du mein Geschlecht mir zugerichtet!
16
Verfinstert der Verstand! Verstockt die Herzen!
17
Und der Gesellschaft Grundortnung vernichtet!
18
Wer ist so klug daß Einklang er ergründe
19
Wo üppig wuchern Millionen Schmerzen?
20
Ach! selbst die Himmelskerzen
21
Des Lichtes leuchten nicht den „Ewigblinden“
22
Und „äschern Stadt und Land ein“ zum Beweise
23
Daß sich im Jammerkreise
24
Drehn muß die Menschheit bis sie Gott mag finden.
25
Das ist die Wahrheit jener alten Lehre
26
Daß erblich stets die Sünde wiederkehre.

27
Denn innerstes und äußeres Verderben
28
Erzeugen für und für sich wechselseitig
29
Und graunvoll hoffnungslose Doppelknechtschaft
30
Macht was da Mensch heißt sich als Beute streitig.
31
Gesteigert muß dies Elend stets vererben
32
Die Lügenschöpfung welche das Geschlecht schafft.
33
Weh! niemand ist der recht schafft.
34
Gesammtbeziehungslos hinschwirrend spielen
35
Der menschlichen Natur verkannte Triebe.
36
Erkenntniß gibt die Liebe
37
Von Sonderkräften und gemeinen Zielen
38
Allein ja und die Liebe ward zum Spotte.
39
Es schaut der Mensch den Menschen außer Gotte.

40
Da ist von Menschenachtung kein Gedanke,
41
Kein Sinn für eigenthümliche Entfaltung,
42
Kein Ahnen daß darin die Grundbestände
43
Vorhanden göttlicher Gesammtgestaltung.
44
Da wuchert widrig wild der Frechheit Ranke
45
Wenn nicht an toter Formeln starre Wände
46
Sie binden plumpe Hände.
47
Wer weiß von Einem Gott und vielen Kräften?
48
Wer weiß von Einem Leib und vielen Gliedern
49
Und ehret auch die niedern
50
Und weiß von Aller nützlichen Geschäften?
51
Durch Gottentfremdung fiel der Menschheit Ganzes
52
Wie Blumen auseinander eines Kranzes.

53
O nehmt mein Kind und bringt's dem Kinderfreunde
54
Der einer neuen Menschheit Vater worden!
55
Da wo er steht ist eine reine Stelle,
56
Da kann die Sünde nicht mein Würmlein morden,
57
Da herzt und segnet es die welterneu'nde
58
Hehrheil'ge Hand und streut ihm Himmelshelle
59
Hold auf des Lebens Schwelle
60
Und stellt es hin als groß im Gottesreiche,
61
Obgleich auch über ihm schon schwebt Verdammung
62
Daß die Gesammtverschlammung
63
Sein Füßlein, wie es wandeln lernt, erreiche.
64
Ein Kind ist ja nur mögliches Entfalten.
65
Wird mir's die arge Welt nicht arg gestalten?

66
O nimm hinweg, den Schatten weg, den kalten,
67
Der schon die junge Stirn bestreicht, mein Heiland!
68
Laß deine Taufe meines Kindes Wiege
69
Umströmen wie ein unnahbares Eiland
70
Wo deine Heiligen Gemeinschaft halten
71
Als Himmelsvolk das da die Welt besiege.
72
In Jüngerarmen liege
73
Und wachse es als Glied der Neugesellschaft,
74
Wo sich das Heil vererbt wie dort das Kranken
75
Und wo der Gottgedanken
76
Aus Allem leuchtet wie er Alles hell schafft.
77
Da wird es heiliger Gemeingeist lehren
78
Und Wassertauf' in Feuertaufe kehren.

79
Wol weiß ich, ach! daß nicht am gleichen Ort lebt,
80
Daß dünn zerstreut das Häuflein deiner Söhne,
81
Doch so nur zeigt es allwärts das Verderben
82
Und zeigt es allwärts deine Himmelsschöne
83
Und jeder Christ, in dem dein Geist und Wort lebt,
84
Muß die Genossen, die er wünscht, erst werben.
85
Sollt' ich drum frühe sterben,
86
Wirst in Gestalt erleuchtet frommer Männer
87
Du meinem Kinde da und dort erscheinen
88
Und dir den Jüngling einen
89
Als einsichtsvoll lebendigen Bekenner.
90
Mein Kind, wenn Gott das Leben ihm verleihet,
91
Der unsichtbaren Kirche sei's geweihet.

92
Sei denn getauft im Namen des Dreieinen,
93
Den wir als Ausgang, Weg und Heimkunft kennen,
94
Und der als jedes Dieses alle Drei ist,
95
Wie Größe sich und Grenze niemals trennen,
96
Und sollte Solches dir einst dunkel scheinen,
97
Mein Sohn, wenn deine Kindeszeit vorbei ist,
98
So wisse daß da frei ist
99
Und bleibt in Gott wer in der Liebe bleibet,
100
Und habe Christum lieb in allem Leben,
101
Und selig süßes Beben
102
Wird dir bezeugen daß der Geist dich treibet
103
Und daß an dir erfüllt ist was dem Glauben
104
Verheißen und kein Schicksal dir wird rauben.

105
Ihr aber, Murmelquellen dieser Erde,
106
Ihr Brunnen Gottes, sel'ger Ruhe Stätten,
107
Ihr Ströme die ihr hohe Rede tauschet,
108
Ihr Alpenseeen in den Felsenbetten
109
Wo stolz euch bettete der Allmacht Werde,
110
Und du o Weltmeer das da tiefaufrauschet,
111
Wenn einst mein Jüngling lauschet
112
Dem Zauber eurer ew'gen Melodeien,
113
Dann laßt ihn still sich in sich selbst versenken
114
Und kindlich fromm gedenken
115
Der Tropfen die ihr gabet ihn zu weihen.
116
Erzählt ihm von der Menschen Wehethume
117
Das ihr gesehen, und von Jesu Ruhme.

118
Denn Jesus ist der Herr und wird's vollenden,
119
Wie er's begonnen und geführt bis hieher.
120
Den Kopf zertrat er ja der alten Schlange
121
Als in sich selbst er stellte Harmonie her
122
Und die nicht schweigte, nein, für alle Enden
123
Der Welt ausgoß in säuselnd sanftem Klange.
124
Was ringreich uns so bange
125
Umwindet, ist nur mehr des Schlangenleibes
126
Graunvolles Qualgeschling und Todeszucken,
127
Das uns noch will erdrucken.
128
Fahr hin! dich traf der Same längst des Weibes.
129
Es gibt der Geist uns Zeugniß deines Falles.
130
Der auf dem Stuhl sitzt spricht: „sieh! neu wird Alles!“

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.