Canzone VIII

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Karl Candidus: Canzone VIII (1854)

1
Gefühl des Sollens und ein dunkles Sehnen,
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Obzwar ein immerwährend unerfülltes,
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Empfänglichkeit und wechselvolles Spüren
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Nach dem Unendlichen, das ein Verhülltes,
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Wer mag das Endliche damit belehnen
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Im Sündenirrsal, wenn nicht heil'ges Führen?
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So stralt, den sie mag küren,
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Der unfindbare Freund der Frauenseele
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Als Urbild, wie in Endlichkeit herscheinet
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Ein Gott, bis ihm vereinet,
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Nun kennend öftrer herber Täuschung Fehle,
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Sie volle Gnüge hat und süßes Feiern
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In heilig stillen Lebens holden Schleiern.

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Und wie ein Jüngling wirbt um zartes Danken,
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So das Unendliche. Wie auf der Stirne
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Der Liebe ruht ihr Traumbild unabtrennbar,
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Ob steigen, ob sich neigen die Gestirne,
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Ist ewiglich der göttliche Gedanken
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Im Sorgen nur um's Endliche erkennbar.
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Und stets durch solch unnennbar
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Allstetes Ineinanderscheinen schwanden
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Die Beiden ineinander, und mit Klarheit
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Ist so, als ihre Wahrheit,
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In irdischem Bewußtsein auch erstanden
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Urew'ger Liebeseinheit Bild und Wesen,
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Der Sohn, der „

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Judäas Berge schweigen jede Kunde
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Vom Anfang des Bewußtseins höchster Würde,
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Als dankend auf zum Vater mochte beten
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Der Sohn und frei erkor die Mittlerbürde.
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O höchster Himmelsoffenbarung Stunde!
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O feierlichste Stunde des Planeten!
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Ha! Lebensschauer wehten
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Aus den Unendlichkeiten her der Himmel,
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Aus den Unendlichkeiten her der Seele,
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Und dessen was er wähle
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Bewußt, groß stand, fernab vom Weltgewimmel,
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Der erste freie Mensch. Es singt's mit Zaudern
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Die Muse, ja! und denkt's mit süßem Schaudern

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Nun lag die Wahrheit offen jenes Bundes
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Von Jehovah und dem erwählten Volke.
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Nun war erfüllt Gesetz und Prophezeiung.
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Das Sollen war erreicht. Die Feuerwolke
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Schmolz und der Sohn stand da. Vor seines Mundes
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Anlächeln schwieg die Klage der Entzweiung.
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Fortan war's um Kasteiung
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Und Opferdienst und Satzungen geschehen.
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Des Sohnes sich zu freu'n schien süße Pflicht nur.
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Ihn sah im Ahnungslicht nur
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Die Väterwelt. Ihr Traumbild muß vergehen
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Vor übertreffender Erfüllungsfülle.
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Den Kern entlassend fällt die Tempelhülle.

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O wie mit salomonischem Gerölle,
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O wie mit Zebaoth und Zehngeboten
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Mögt ihr nun stets die Kirche noch verplundern?
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Das Alles ging ja längst schon zu den Toten,
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Auch längst schon sind die Cherubim zur Hölle,
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Und eure Zionswacht muß ich bewundern.
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Ja wahrlich! nassen Zundern
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Vergleich' ich dies Geschlecht. Nur schwer mag fangen
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Ein Himmelsfunken, und das schönste Feuer
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Erlischt bald. Neustets theuer
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Ist Toten nur was tot und was vergangen.
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Tot sind die leben. Möchte Leben sprühen
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Aus heil'ger Aschenkrüge ew'gem Glühen!

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Des Judenchristenthumes Petrusheucheln
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Und Petrusschwachheit, ach! umstrickt uns Alle
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Mehr oder minder bis zum Selbstbetrügen.
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O rette deine Kirche vom Verfalle,
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Denn deine Diener sind es, die sie meucheln,
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O Herr, durch wahngewiegtes Selbstbelügen!
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Auf alle Paulusrügen,
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Wenn je ich sie verdiene, laß mich achten
74
Und kühn wie Paulus jeden Flor zerreißen
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Wohinter falsches Gleißen
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Verläugnet deines Geistes neue Machten.
77
So laß mich dienen dir in allen Treuen,
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Der du einherfährst Alles zu erneuen.

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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