Canzone VI

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Karl Candidus: Canzone VI (1854)

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Was sich als Wahrheit tröstend senkt in Weh her
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Und was als Irrthum sich um Wahrheit windet,
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Was fertig scheint und was sich zeigt als Strich nur,
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Was irrend schweift und was zurecht sich findet,
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Was irgend ist, birgt dich, o Wort, von jeher
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Und Alles Endliche besteht durch dich nur.
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Sieh! was dir scheu entwich nur,
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Bleibt Größe noch und ist als solche du stets,
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Und dich nicht schauen sollt' ich da wo Fülle
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In bildungsreger Hülle
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Den Sinn erfreut und nimmt fortwährend zu stets?
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Im Menschen Jesus aber stralt und brennet
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Dein Licht daß nur, wer blind ist, es verkennet.

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Aufging der Menschheit Sonne voller Klarheit
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Im Galiläer der als dich sich wußte,
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Als das Unendlich-Endliche sich kannte,
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Und Solches klar und redlich, wie er mußte,
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Auch aussprach und bezeugte als die Wahrheit.
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Sein Lieben das die Gottheit Vater nannte
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Und mild das All umspannte
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War Ursach, Werk und Wesen höchster Einheit.
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Das war nicht jenes kalte, stolze, arme
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„brahma bin Ich!“ nein, warme
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Gemütserweiterung zur Allgemeinheit.
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Fortan hieß Jesus jedes höchste Lieben
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Und bist von ihm untrennbar du geblieben.

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Er war's, der dich zuerst in sich erkannte
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Und dir Gestalt und Name mochte geben
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So wie du ihm, denn du bist er, er du ja.
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Des menschlichen Bewußtseins Licht und Leben,
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Und wie bisher ihm unser Weihrauch brannte,
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So tönet ihm der Zukunft Halleluja.
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Der Welt Unruh und Ruh ja,
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Sie sind in ihm nur. Schlichtgroß prophezeite
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Er Solches selbst mit wahrhaft göttlich klarer
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Und ewig wunderbarer
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Bestimmtheit dem schwerfassenden Geleite.
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Am Bergquell aber schöpften die Genossen
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Bis Lebensströme auch von ihnen flossen.

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Ein Tropfen dieser Fluten ward gefangen
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In ärmlich ird'nem Krüglein. Welch ein Wunder!
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Ein Brunnen ward's, der wie er floß und fließet,
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Doch nie versieget noch verarmt bei runder
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Umlagerung des Volks, das mit Verlangen
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Die Flut schöpft, die sich fort und fort ergießet.
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Der Born der also schießet
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In Kraft und Frische, tiefher, klar und klingend,
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Das ist das höchste Schrift gewordne Leben,
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Das neustets sich erheben
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Und Leben werden will, die Welt durchdringend;
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Das ist die Schrift die unter allen Schriften
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Bestimmt ist ein Weltschriftenthum zu stiften.

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Hier sind in staunenswürdig festen Zügen
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So Wissenschaft wie Glauben uns begründet
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Und im Unendlich-Endlichen gesetzet,
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Als wo sich Denken und Gefühl entzündet
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Und Jegliches Bestand hat und Genügen,
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Wenn außerhalb sich Alles morsch zerfetzet.
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Von Himmelsthau benetzet
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Grünt hier ein Musterbild den schönen Künsten
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Im Sprößling Isai's. Hier geußt die Liebe
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Der sittlich reinen Triebe
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Stromurne silberblinkend her aus Dünsten.
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Der Gottmenschheit Gesammterscheinungsformen
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Blüh'n hier in unvergänglich hohen Normen.

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Und wunderbar! es weissagt groß die Bibel
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Im Selbstvergehn ihr ewiges Bestehen.
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Aufhebt all Jugendliches in der reifen
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Vollendung sich des Mannes, und versehen
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Soll deß die Kirche sich, daß sie, wie Fibel
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Und Flügelkleid, ab alles Stückwerk streife.
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Doch was der Geist ergreife,
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Durchdrungener nur wird es sein das Alte,
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Er selbst, die Liebe, die im Wandel
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Jetzt aber mächtig treibet
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Daß Schauen und Vollendung sich gestalte.
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Bis dahin bleibt uns Glauben, bleibt uns Hoffen
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Und soll die Liebe mildern alle Schroffen.

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Auch andre Schrift mag Gottes Wort wol heißen;
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Wie aber in vergilbten Jugendbriefen
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Ein Etwas wohnt, was heilig man verehret,
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So von ureigner Lebensfrische triefen
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Und einfach treuer Innigkeit die weißen
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Pfingstblumen, wie die Bibel sie bescheeret.
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Auch wird, so lang man lehret,
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Dies Buch, was Lüge sammeln mag, zerstreuen
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Und, auf den Weinstock zeigend, niederschlagen
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Der Dornen stolzes Wagen,
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Die Weinberg sich zu nennen sich nicht scheuen.
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Als Prüfstein liegt es auf dem Altar oben
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Daß sich der Lehre Gold dran mag erproben.

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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