Canzone IV

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Karl Candidus: Canzone IV (1854)

1
Schmückt mir das Saitenspiel mit roten Rosen:
2
Heut will ich froh dem eignen Herzen leben,
3
Heut will dem Genius bekränzt ich warten,
4
Sind doch vom Herrn mir Sinn und Herz gegeben.
5
Heut will ich harmlos wie ein Kindlein kosen
6
Mit allen bunten Blümelein im Garten.
7
O sende mir den zarten
8
Gespielen, du Unendlicher, den Sohn her,
9
Der uns
10
O sende mit den weißen
11
Maiwolken ihn von deinem Stralenthron her!
12
Ihn sende her aus meines Herzens Tiefen
13
Wo dieser Sabbathfeier Wonnen schliefen!

14
Was wären Augen wo nicht Stralen flögen?
15
Was wäre Licht wenn es kein Auge gäbe?
16
Was wären Töne da wo keine Hörer?
17
Was wären Hörer ohne Klangesschwebe?
18
So Geistbegriff auch sonder Sinnvermögen
19
Und Weltbild sonder Geist sind Selbstzerstörer.
20
Wie liebliche Verschwörer
21
Sind höchster Einheit Zeugen alle Dinge,
22
Und Jedes ist so Darstellung des Ganzen
23
Daß auch in Stäubleins Tanzen
24
Uroffenbarung schwingt die Feuerschwinge.
25
Hat der von Nazareth uns erst erkoren,
26
Ist er uns plötzlich überall geboren.

27
Mag Stumpfsinn dich im Kripplein nur erblicken,
28
Und Blindheit dich erkennen, ach! selbst dort nicht,
29
Stillsteht der Weisen Stern mir allenthalben
30
Wo trennbar von Allgegenwart der Ort nicht.
31
Du Glanz der Gottheit willst mein Herz erquicken
32
Und mir mit Freudenöl die Augen salben,
33
Sei's daß die holden Schwalben
34
Nun kommen oder flieh'n, daß Winterstürme
35
Herschneien oder Sommerfriede lächle,
36
Ein warmer Wind herfächle
37
Und südwärts schau'n die Hähne deiner Thürme.
38
Doch seliger wird deine Näh' empfunden
39
Im Schweben solcher goldnen Blütestunden.

40
Wer ruft mir? Ist's die Stimme nicht der süßen
41
Gespielin meines Freundes? nicht die Stimme
42
Der Nachtigall? An seinem Busen hegt er
43
Die Kleine, wenn ein Sturm hersaust im Grimme
44
Und toll ihm Ast und Laubschmuck wirft zu Füßen;
45
Doch wenn sein Frühlingsmond hold steigt, da trägt er
46
Die Flatternde, bewegt er
47
Sie auf dem Zeigefinger oder setzt sie
48
In dunkelstes Gebüsch, in traute Wipfel,
49
Und zu der Flüstergipfel
50
Chorliede schlagend jedes Ohr ergetzt sie.
51
Er lebt und webt in ihr und mag sich freuen
52
Des Vögleins wie der Hoheit seiner Leuen.

53
Mir neige deine Zweige, Lila-Flieder!
54
Er ist der Thau womit du mich besprengest,
55
Er ist dein Würzeduft und deine Schöne
56
Womit du dich in alle Herzen drängest.
57
Er kommt in dir holdselig anders wieder
58
Und streut umher was aller Not entwöhne.
59
Beim frohen Lenzgetöne
60
Entblühest du der Wesenortnung Tiefen,
61
Trittst vor uns hin mit eigenem Gebaren,
62
Ein süßes Offenbaren
63
Der Huld davon dir alle Dolden triefen.
64
Wie du so dastehst an der alten Mauer,
65
Erfassen mich geheime, süße Schauer.

66
Dort flammen Tulpen aus der schwarzen Erde,
67
Doch sieh! die wahre Wurzel ihrer Prachten
68
Ruht im Zusammenhang der Weltortnungen,
69
Und Himmelshauche sind's die sie entfachten.
70
Des allgemeinen schöpferischen Werde
71
Sind sie ein Ausdruck in besondern Zungen,
72
Aus Gottes Mund entsprungen
73
Und darum also schön und wunderprächtig.
74
O Wort, das uns in Jesu ist erschienen,
75
Du bist's, du brennst in ihnen!
76
An heil'ger Stätte steh' ich tiefandächtig
77
Gleich jenem Frommen, dem du glutentzündet
78
Erschienst im Dornbusch, wie die Vorwelt kündet.

79
Ihr kleinen weißen Erdbeerblüten wecket
80
Erinnern das wie Himmelblau erheitert.
81
Hat nicht dem Bernardin de St. Pierre
82
Ein Erdbeerstock zum Weltall sich erweitert
83
Und jenes Ueberschwängliche entdecket,
84
Das Mittelpunkt ist jeder Wesensphäre?
85
Ist schwerer Herzensleere
86
Dies arme Kraut zum Mittler nicht geworden?
87
Anbetung dir, Sohn Gottes, eingeborner,
88
In Allem unverlorner!
89
Du strömst einher in alles Lebens Borden!
90
Wo Schönes unsern Blicken sich entfaltet,
91
Ist's das Unendliche das endlich waltet.

92
Ist nicht die ganze Sichtbarkeit der Himmel
93
Selbst nur ein Erdbeerstock im großen Ganzen,
94
Ein einzler Theil im All wie wir es denken,
95
Des göttlichen Gedichts nur ein paar Stanzen,
96
Ein
97
Dies Weltbild will die Welt aufschließend schenken
98
Und sich vor uns versenken
99
In's Uebersinnliche, wie es die Welt ist,
100
Denn ihr ist keine Vorstellung gewachsen
101
Und ihren Riesenaxen
102
Gibt Raum nur der Begriff der Gottes Zelt ist.
103
So tönet im Erhabnen wie in allen
104
Gebilden uns des ew'gen Sohnes Lallen.

105
Ihr aber, allverbreitete Bestände
106
Jedwelcher Bildung, reine Wesenheiten,
107
Die ihr in Paargestalten hochher steiget
108
Um euern Liebesstreit nie auszustreiten,
109
Euch flieht und hascht und wieder flieht behende
110
Und euch im Fliehen zur Umarmung neiget,
111
So ernst im Spiel euch zeiget
112
Als wär' es gottesdienstliche Verrichtung,
113
So spielend frei im Ernst als wär's ein Scherz nur,
114
Mit unbegriffnem Schmerz nur
115
Schaut Mancher euer Werk und sieht Vernichtung.
116
Doch ihr schwebt lächelnd und dem Frommen leise
117
Vertrauet ihr daß dies des Wortes Weise.

118
Nur wo Natur in frommem Geist sich spiegelt,
119
Als einem zu vermittelnden Gemüte,
120
Tritt auf der Mittler, daß er sich ihm eine,
121
Und
122
Die, aus beschränkter Anschauung entsiegelt.
123
Im holden Duftkelch beut das Allgemeine.
124
Doch ist das große Eine
125
In der Natur dem Frommen allzugänglich,
126
Weil es in Allem, was da endlich heißet,
127
Uns mächtiglich ergleißet
128
Als eben so beschränkt wie überschwänglich,
129
Ein kleines Kind, ein großer Gott desgleichen,
130
Der Weihrauch, Gold und Myrrhen

131
Grün-golden ruht ein Käfer mir zu Füßen
132
Wie Spielzeug liegt in einer Kinderstube.
133
Rings blinken tausend zarte Lieblichkeiten
134
Und jeder Stein scheint eine Demantgrube.
135
Es ist so deine Art, mit wundersüßen
136
Geschenken, Jesuskind, Lust zu bereiten.
137
So kommt ans blauen Weiten
138
In jenem sinnig webenden Gedichte
139
Ein himmlisch hoher Gast zu armen Hirten,
140
Sobald die Lerchen schwirrten,
141
Mit fremder Welten Offenbarungslichte,
142
Doch sieh: all deine holde Wunderhabe
143
Die bist du selbst, du lichter Himmelsknabe!

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.