Canzone III

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Karl Candidus: Canzone III (1854)

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Wie uns ihr eignes Licht die Sichtbarkeiten
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Auf wunderbarer Kunst Jodsilber malet,
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So malt dein Bild auf schlichter Seelen Grunde
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Die Klarheit, welche dir, o Herr, entstralet
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Und lieblich fällt in Schmerzes Dunkelheiten,
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Wenn du den Schieber hebst zur rechten Stunde.
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O stets mit Herz und Munde
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Will ich dem heilig hehren Künstler danken,
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Der mir durch seiner Weltanschauung Normen
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Und Grundempfindungsformen
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Hat umgebildet gänzlich die Gedanken!
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Die christliche Bestimmtheit der Gemüter
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Ist Kraft als

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Dein Geist ist deine Weise Gott zu haben,
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Ist deine Demut und dein Selbstbewußtsein,
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Denn weil du
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Doch gleichermaßen mußt' in deiner Brust sein
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Ein Selbstgefühl unnennbar, hehr, erhaben,
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Wenn du mich nun, Entblößer
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Von allen Mosisdecken, mir bewährest
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Als tief von deiner Herrlichkeit durchdrungen,
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Und wie durch Spiegelungen
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Mich in ein dir verwandtes Bild verklärest,
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Ja mich zur Brudergleichheit willst erwählen,
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Muß Demut nicht und Stolz

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Du wolltest niemals
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„nur Gott ist gut,“ so sprachst du groß bescheiden,
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Doch warst du Eins mit Gott, weil nur als nichtig
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Du dich von Gotte konntest unterscheiden,
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Und ob du als ein Mensch zwar an Geberden
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Und mannichfacher Schwachheit warst ersichtig,
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Warst du doch nimmer pflichtig
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Noch unterworfen dem Gesetz der Sünden,
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Denn über die persönlich enge Schranke
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Hinaus war dein Gedanke,
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Gott mochtest du als wahres Selbst verkünden.
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Zu gleicher Reinheit drängst du nun die Geister.
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So wardst du dienend unser Aller Meister.

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Und Quelle deiner Demut war dein Lieben,
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So auch dein Lieben Quelle deiner Hoheit.
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Sind dies denn nicht der Liebe beide Pole?
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O wie beklagenswert ist jene Rohheit,
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Die an des Stolzes und der Demut Trieben
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Nur Streit hat, leere Strebungen, gleich hohle!
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O wenn zu Eurem Wole
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Ihr liebtet und begriffet! Elend scheinen
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Müßt ihr mir vollends wo ihr vor mögt wenden
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Das
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Angeblich schuft ihr Gott und seinen Reinen,
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Und könnt das eigne Werk nicht menschlich lieben?
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O wo sind Stolz und Demut euch

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Du bist in mich und ich in dich gestaltet
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Und nichts kann mich, mein Heiland! von dir scheiden,
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Kann ich doch von mir selbst nicht sein geschieden!
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In meinen Freuden wie in meinen Leiden
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Hast göttlich groß du immerdar gewaltet,
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Und nur in dir gewurzelt ist mein Frieden.
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Daß unser Bund hienieden,
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Ach, nicht so innig ist wie er wol sein soll,
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Dies regt mir oft geheimer Wehmut Thränen,
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Doch dieses heiße Sehnen,
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Es kommt von dir, als das mir Ernst verleih'n soll,
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Und jener Blick der bitterlich macht weinen,
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Läßt lauter Huld und Liebe ja erscheinen.

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Gefühl der Selbigkeit im Unterschiede,
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Gefühl des Unterschiedes in der Einheit,
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Ist heißer Durst und frischer Trunk der Liebe,
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Ist ihrer Demut, ihres Stolzes Reinheit,
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Ist ew'ger Schmerz für sie und ew'ger Friede,
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Ist Pendelschwung und Schwerkraft frommer Triebe,
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Ich, wo ich immer bliebe.
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Starb schon und du, o Herr, bist meine Wahrheit,
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Mein wahres Ich, dieweil mich ließ ererben
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Dein demutvolles Sterben,
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Das zahllos ist, die Fülle deiner Klarheit.
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Ich lebe, doch nicht ich, es lebt die Liebe
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In mir, drum schrecken mich nicht Todeshiebe.

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Sie schrecken zwar, doch nur das Fleisch. So nannte
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Der Beter von Gethsemane den Anhalt
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Des Unterschiedgefühls der heil'gen Minne.
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Beklag' ich mich? Sieh, du hast wolgethan halt
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Der Demut Born mir, als ich dich erkannte,
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Nicht flammend zu verzehren. Sacht verrinne
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Den Brüdern zum Gewinne
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Die heil'ge Flut, mir selber zum Ergetzen.
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Aus Fleischesschwachheit quillt ja neustets Demut,
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Und Hochgefühl aus Wehmut
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Und so erscheinet als ein göttlich Setzen
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Der Liebesortnung was mir schien ein Schade.
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Was liegt so tief daß drunter nicht die Gnade?

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In meiner Schwachheit gnügt mir deine Gnade.
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Laß mich in deinen Anblick ganz versinken!
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Mir selbst entfliehen ganz in deinen Armen!
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Vollkommenheit aus deinen Zügen trinken!
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O laß in deiner Reinheit Wonnenbade
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Zu neuverjüngtem Leben mich erwarmen!
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Was böte Trost mir armen
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Befleckten Seele wenn nicht dein Gedulden?
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Ach! kann ich mich denn anders wiederfinden
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Als wenn bis zum Erblinden
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Ich mich verliere ganz in deinen Hulden?
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Nur so, nicht anders, kann ich mich erringen
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Und eigne Bildung dir entgegenbringen.

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Stets ist aus Nichts das Sein hervorgegangen.
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So will ich neustets mich in dir vernichten,
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Neustets verfälschter Selbigkeit neu sterben,
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Auf falsches eignes Sein und Thun verzichten,
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Daß ich von dir das wahre mag empfangen,
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So oft an mir das Weltjoch geht in Scherben.
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In Demut will ich werben,
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In stets erneuter Demut um das Größte,
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Damit das Größte stets sich mir erneue,
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Und ewig mich erfreue
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Dein Lieben, das mich von mir selbst erlöste
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Um neugebildet mich mir selbst zu geben.
116
Machst du mich klein, ist göttlich groß mein Leben.

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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