Canzone I

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Karl Candidus: Canzone I (1854)

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Unendliches in Endlichem zu schauen
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Ersannen ihre Götter die Hellenen,
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Weil himmelher gottmenschliches Gebaren
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Dem Sinn entgegendämmerte bei Jenen.
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Es lag die Welt in heil'gem Morgengrauen.
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Doch mächtig wollte Gott sich offenbaren,
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Und als erfüllet waren
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Die Zeiten und sein Vollglanz nun hervortrat
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Im Mittler Jesus, sanken hin die Götter
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Ein traurig Spiel der Spötter,
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Hinsank das Fatum und zurück der Chor trat.
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Des dunkeln Ahnens Zeichen und Umhüllung
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Schwand vor der Klarheit wirklicher Erfüllung.

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Nicht konnten die olympischen Gestalten
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Dem Gottesmenschenthume sich vergleichen
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Deß der da sprach: „wer mich sieht, sieht den Vater.“
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Kein Phidias entlockt des Meißels Streichen
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So warmes Leben und so hohes Walten.
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In Fleisch und Blut, als wahrer Mensch, auftrat er
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Und angelweit aufthat er
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Die Thore des Unendlichen für Jeden
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Der seines Gottbewußtseins theilhaft werden
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Und Ewiges auf Erden
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Darstellen mochte so in Thun wie Reden.
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Er heiligte für Alle sich daß Alle
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Zu Göttern würden bei der Götter Falle.

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Und war das Fatum attischer Tragöden
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Erschütternd wie bei sittlichen Gesetzen
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Erhabne Unverbrüchlichkeit und Sühne?
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Ergreift euch nicht ein schauderndes Entsetzen
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Wenn in den Schuldzusammenhang des blöden
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Geschlechts eintretend untergeht der Kühne
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Dort auf des Lebens Bühne,
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Daß seiner Unschuld theilhaft das Geschlecht sei?
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Ist die Heroenwelt doch nur ein Ahnen
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Der wundervollen Bahnen
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Worauf der Geist uns führt zu dem was recht sei!
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Vom Kreuz erst dunkelt schrecklich das Verhängniß,
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Erst jene Sühne tilgt der Welt Bedrängniß.

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Die ihr aus Schutt nun grabet Götterbilder,
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Mit euch will schwelgen ich im Werk der Musen,
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Doch ob auch vor dem Donnerer durchfähret
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Gotthaftes Ahnen der Beschauer Busen,
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Gotthafter däucht mir, trauter auch und milder
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Ein lebend Menschenantlitz das verkläret
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Als Spiegel sich bewähret
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Der Herrlichkeit die sich vom Kreuz ergossen.
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Doch ferner Zukunft bleibt, ach! vorbehalten
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Das Leben zu gestalten,
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Denn dies Geschlecht hat Flügel nicht noch Flossen.
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Sie
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Und noch die Besten sind fürwahr die Spötter.

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Sie wenigstens doch zeigen durch ihr Höhnen
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Vorhandnen Sinn, Beregniß, zeigen Feindschaft,
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Und oft ist Feindschaft mißverstand'ne Liebe.
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Mißbildern kniet der Frömmlinge Gemeinschaft
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Anstatt der Urbildung, der hohen, schönen,
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Zerrbildern, wert zermalmungsvollster Hiebe.
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In seinem dunkeln Triebe
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Dient da der Gottheit mancher Lästrer Gottes
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Weit besser als die dumpfigen Gesellen,
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Die nie die Brust erschwellen
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Sich fühlten bei dem freien Hauch des Spottes.
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Wol gilt manch Nein als Ja hoch ob den Sternen.
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Doch Theilnahmlosigkeit mag nichts erlernen.

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Den Heiden werde drum das Wort gepredigt
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Die gläubig noch zu ihrem Fetisch beten!
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Gepredigt denen die vor Graungestalten
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Uralter Götzen opferblutig treten!
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Vielleicht erkennen diese daß erledigt
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Was sie gesucht in ihrem dunkeln Walten.
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Laßt Indern sich entfalten
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Der guten Botschaft tiefsinnschweres Drama.
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Vielleicht wird sich denselben offenbaren
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Im unsichtbar-sichtbaren
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Gottmenschen die Bedeutung ihres Brahma.
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Da wo nur
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Sind wahrer Gott und wahrer Mensch veraltet.

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Ich kenne meine Zeit. Mir aber zucket
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Der Meißel, was auch immer sei die Glocke,
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Ein Bild des großen Stillen auszuhauen
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Aus der Betrachtung reinstem Marmorblocke,
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Für hochstrebsame Jugend, die, entrucket
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Gemeiner Welt, es gerne mag erschauen.
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Ein heilig süßes Grauen
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Will vor dem hohen Steine mich erfassen,
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„als knieten Viele ungesehn“ —, wie's heißet
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Im frommen Lied. Mir reißet
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Das Eisen in der Hand, ich kann's nicht lassen,
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Ich muß hinan. Eh' sich das Jahr mag neigen
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Muß aus sich selbst

(Candidus, Karl: Der deutsche Christus. Fünfzehn Canzonen. Leipzig, 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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