Der 13te Mai 1758, als der Tag des Schreckens in Glogau

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Anna Luise Karsch: Der 13te Mai 1758, als der Tag des Schreckens in Glogau (1792)

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Betrübte! da du dich jedweder Lust verzeihst,
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Und auf dein Haupt den Staub von deinem Schmucke
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streust,
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Da sing ich einen Tag, der dich voll Jammer machte,
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Als deines Scheitels Pracht abscheulich niederkrachte.
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Ich singe Gottes Zorn, der über dir entbrannt,
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Da als sein Knecht der Sturm sich mit der Gluth
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verband.
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Auf
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zerstreuet,
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Und lachend hattest du dich zu dem Fest geweihet,
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Das man mit Mayen schmückt bis an des Altars Horn,
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Die Ahndung sagte dir nichts von des Höchsten Zorn,
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Bis die Erschrockenheit in deinen Gassen heulte,
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Und der Zerstöhrung Flug die Flüchtigen ereilte.
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Welch ein verwirrt Geräusch nahm deine Straßen ein!
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Beflügelt von der Angst lief unter hohlem Schreyn
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Ein Schwarm von Bürgern hin, damit er auf die
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Thürme
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Mit Wasser und mit Müh der Gluth entgegen stürme;
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Vereitelt ward die Müh, vergrößert die Gefahr,
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Unaufhaltsam die Gluth, der Bürger nahm es wahr.
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Und nun entschloß er sich den Seinen zuzulaufen.
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Wie, wann ein Schäferstab den vollen Ameishaufen
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Zerstöhrerisch durchwühlt, das sammlende Insekt
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Mit banger Forschbegier des Schreckens Grund
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entdeckt,
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Den Nachbarinnen winkt und um den Stab sich häufet,
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Dann seinem Vorrath nimmt und schnell die Flucht
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ergreifet,
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Und in dem öden Wald sich andre Wohnung sucht;
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So wimmelnd, so bestürzt ergrif dein Volk die Flucht.
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Nun wankten Wittwen fort, des Mitleids Gegenstände!
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Und Waysen wanden sich um ihrer Mütter Hände;
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Nun floh der beste Mann, ihm loderte das Haus
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Schon auf den Nacken nach, die Hitze trieb ihn aus.
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Nur sein geduldig Herz und seiner Gattin Schritte
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Begleiteten ihn hin in eine fremde Hütte;
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Dort brannte Dach und Wand, die Wuth der Flam-
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men schlug
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Dem feuchten Bette nach, das einen Kranken trug.
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Die Träger liefen fort, der Vorwurf vom Erbarmen
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Lag in der Ohnmacht da, wie in des Todes Armen;
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Und weinend ward sein Blick dem Himmel zugewandt,
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Da er ermuntert sich im fremden Hause fand.
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Er rief: Ein Wunderwerk hat mich hieher getragen,
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Und hörte rund um sich vom Tag des Schreckens sagen.
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Egyptens Finsterniß umwölkte diesen Tag,
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Der wie die schwere Hand des Himmels auf dir lag.
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Verbreitend ward die Furcht, das Schrecken und
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die Flamme,
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Der Säuling zitterte am Busen seiner Amme;
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Ein Greiß nahm seinen Sohn, der wie ein Schat-
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ten schlich,
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Und beyde stöhnten laut, und jeder wollte sich
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Dem schwarzen Dampf entziehn, der gräßlich sich
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verdickte,
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Der Sohn kroch in ein Haus, hier schlief er und
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erstickte;
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Der Vater, stark von Angst, entdrängte sich der Noth,
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Und fühlte halb verbrannt noch mehr als einen Tod.
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Sie flohn, sie bebten fort aus vollgeflammten Gassen,
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Die Bürger, die der Gluth den Vorrath musten lassen.
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Die Flamme wälzte sich und flog von Dach zu Dach,
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Das nasse Element ward nützenloß und schwach;
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Die Winde wirbelten und spielten mit dem Bogen,
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Der aus Maschinen stieg, die du herbey gezogen.
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Begierig fraß die Gluth ein Drittheil deiner Pracht,
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Und ach! ihr Hunger ward nur hungriger gemacht,
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Und unersättlich flog sie über Wall und Mauer,
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Ihr Geitz fiel Häuser an, um deren ewge Dauer
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Der Vorwelt bessrer Christ sich fromme Sorgen gab,
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Die Hütte Gottes fiel auf deiner Väter Grab.
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Altar und Lehrstuhl ward der Vorwurf der Ver-
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wüstung,
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Sieh hier die Würksamkeit der göttlichen Entrüstung.
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So schwarz, so grauenvoll wie eine Mitternacht,
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Die ein gekreuzter Blitz erschrecklich heiter macht,
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So war der Kreis der Luft vom Dampf der großen
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Hütte,
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Die ihren Untergang bis auf den Eckstein litte.
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Der Schmerz durchbohrte dich, sie fiel — — ach — —
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und ihr Fall
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Erscholl in deinem Ohr so furchtbar wie der Knall,
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Der zu dem Wetterstrahl freundschaftlich sich gesellet,
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Und schnell dem Atheist sein Lehrgebäud zerschöllet;
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Er hört, erschrickt und spricht zum Zweifel und
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zum Spott:
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Schweigt, o ihr Rasenden! im Donner schilt ein Gott.
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So scheltend war für dich des Feuers rauhe Stimme,
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So überredend war sie von des Höchsten Grimme.
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Die Redner, die dir oft von seinem Zorn gesagt,
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Wenn du dich Schritt vor Schritt zur Unart hast
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gewagt,
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Die sahn mit starrem Blick, wie sich die Flamme
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nährte,
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Und Zions Herrlichkeit im Augenblick verzehrte.
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Ach! ihr gerechter Schmerz entkräftete die Hand,
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Sie ließen Buch und Kleid der Gluth zum Gegenstand;
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Nur Kinder, die zu nah an ihrem Herzen lagen,
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Hat Zärtlichkeit und Augst aus der Gefahr getragen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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