1755.

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Anna Luise Karsch: 1755. (1792)

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O hätt ich jezt den Geist der Unzerin,
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Das denkende und das erhabne Wesen,
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Um feuriger und aufgeklärt im Sinn
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Begriff und Bilder auszulesen,
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Welch ein Gemähld’ entwürf ich da von dir,
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O Schicksal! dein verborgnes Winken,
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Und wie dein Wink der Dinge Gang regier,
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Und wie dich der Vernünftler Dünken
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Mit schielem Blick unüberdacht verkennt,
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Und wie dein Ausspruch unserm Leben
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Die Reihen der Begebenheiten nennt;
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Dies alles würd ich dann der Welt vorzüglich zu
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betrachten geben.

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Eh dies Gebäu, was jezt so prächtig steht,
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Sich aus des Klumpens Unform risse,
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Noch eh der Staub beseelt ward und erhöht,
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Und seines Schöpfers Abbild hieße;
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Da sahst du schon Jahrhunderte entdeckt,
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Du sahsts entziffert vor dir liegen,
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Wohin der Trieb und seine Folge zweckt,
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Hier ordnete dein ewig Fügen,
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Der Reiche Fall, hier theiltest du voraus,
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Eh noch geborne Herrscher waren,
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Die theure Last der König-Kronen aus,
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Hier seztest du den Zeitpunkt fest, in welchem wir
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uns offenbaren.

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Dein Finger schreibt in Tafeln hell von Glanz
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Die Ordnungen, die sich erhalten,
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Die Wesenheit bleibt durch dich immer ganz,
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Die Welten müssen nie veralten,
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Du hießest sie in ihren Kreisen gehn,
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In denen sie sich jezt noch winden,
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Nicht ungefähr kann was geschieht entstehn,
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Es fügt dein überdacht Verbinden
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In einer Welt, die doch die beste bleibt,
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Das Einzle in Zusammenhänge,
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Daß jens entspringt, und daß es dies vertreibt,
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Ist darum, daß sich nichts unachtsam durcheinander
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menge.

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Der Bissen Zahl, wodurch der Mensch sich nährt,
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Berechnest du, eh er sie isset,
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Das Glückliche, was Jeden widerfährt,
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Ist so, wie es dein Vorsehn misset;
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Des Geistes Zier, der innern Gaben Zahl
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Theilt die Natur nach deinem Wollen
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Auf dein Geheiß, nach deiner weisen Wahl
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Muß die Vernunft uns Güter zollen;
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Dem giebt sie viel des innerlichen Lichts,
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Und Jenem mittelmäßge Strahlen,
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Der andre spührt vom heitern Witze nichts,
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Und dieser kann uns die Natur in ihrer ganzen
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Schöne mahlen.

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Der Forschende, der unter dreymal Dreyn
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Der Würdigste zum Lehrer ware,
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Sog durch dich Lust zu Wissenschaften ein,
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Und daß der Frühling Seiner Jahre
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Den Tugenden die Augenblicke gab,
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Hat dein verborgner Trieb gemachet,
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Und deine Kraft hat von der Höh herab
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Die Brust zur Weisheit angefachet,
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Noch wenn Er sich in Einsamkeit verschließt,
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Um daß Er Andrer Heil bedenket,
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So zeigt dein Wink wie würksam daß du bist,
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Dein Wink, der Ihm erst die Gedanken und auch
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alsdann die Seelen lenket.

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O lenk Ihm doch nur auch ein Herze zu,
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Was zart an Seine Brust sich bindet;
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Du knüpfst ja Viel, wolan stöhr Seine Ruh,
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Mach daß dein Ordnen überwindet.
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Nur so ein Herz, dem du ein zwiefach Pfund
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Von Tugend und Vernunft verliehen,
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Nur solch ein Herz schickt sich, in einen Bund
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Des Klettkens freie Brust zu ziehen.
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O laß Ihn doch die Lieb ein Grabmahl baun,
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Man lese auf dem leichten Steine:
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Hier armen sich die Huld und das Vertraun,
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Hier schlummern, die das Schicksal hieß: daß sie
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ein Gleich-Gefühl vereine!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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