Eine Satire auf die Verfassung von Schlesien , während der Kaiserlichen Regierung

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Anna Luise Karsch: Eine Satire auf die Verfassung von Schlesien , während der Kaiserlichen Regierung (1792)

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Als Friedrichs große Macht in Schlesien marschiret,
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Da bin ich gleichfalls mit als Volontair passiret:
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Mich trieb der Vorwitz und die Neubegierde an,
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So daß ich meinen Weg ein wenig seitwärts nahm.
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Da ich mich von dem Marsch der Preussen abgetrennt,
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Kam ich vor eine Stadt, die man Schwibus benennt,
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Und als ich im Begriff daselbst hineinzugehn,
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Sah ich ein Frauenbild bei einem Baume stehn.
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Sie ließ die Traurigkeit aus allen Mienen blicken,
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Die Hände waren ihr gebunden auf den Rücken
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Die Augen thränenvoll, die Haare ganz zerstrent,
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Und als ich näher kam wars die Gerechtigkeit.
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Ich fragte ganz bestürzt, was ist euch denn geschehen,
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Madame, daß man sie hier so betrübt soll sehen;
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Wenns nach den Rechten ging, so sollet ihr ja schon
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Heut auf dem Rathhaus seyn und bei der Session.
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Ach, hub sie seufzend an, dem Himmel seys geklaget,
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Man hat mich schon vorlängst aus dieser Stadt verjaget,
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Da lebt ein jeder so wie es ihm selbst beliebt:
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Das ist es, was mir jetzt so Geist als Herz betrübt.
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Bemühet euch, mein Freund, ein wenig umzusehn,
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Da wird ein neues Haus vor jenem Thore stehen,
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Da wohnt ein Herr vom Rath, ein Schalk in seiner
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Haut,
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Der mit Particken hat dies Häuschen aufgebaut.
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Da geht der krumme Schalk, schaut wie er spekuliret,
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Weil er Betrug und List in seinem Schilde führet:
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So sieht er unter sich nach Art der falschen Welt,
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Er sucht die Schlüssel zu der Bürger Gut und Geld.
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Nun wollt ich euch noch mehr von gleicher Gattung
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zeigen;
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Doch weil so Zeit als Ort mir itzt befiehlt zu schweigen,
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So sag ich nur noch dies: der Consul und der Rath,
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Die stimmen überein sowohl in Wort als That.
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Der große Carolus, der noch in Schriften lebet,
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Und dessen theure Seel itzt bei der Gottheit schwebet,
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Der gab aus Gütigkeit der Invalidenschaar
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Gewisses Gnadengeld zur Unterhaltung dar:
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Es theilt sich dieses Volk in unterschiedne Städte,
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Das war nun eben recht vor unsre Herren Räthe.
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Sie delibrirten bald, und machten diesen Schluß,
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Daß man bei unsrer Stadt auch welche haben muß.
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Indem sie dieses sagt, vergoß sie bittre Thränen:
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Ach weh, o Grausamkeit, thät sie an mich erwähnen,
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Man hat genommen mir die Wage, welcher Werth!
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Die Händ gebunden mir, dazu geraubt das Schwerdt,
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Die Großen legten an der Bürgerschaft viel Gaben,
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Und das zu diesen Zweck, daß sie nichts sollten haben,
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Ihr Güter brachten sie an sich mit Listigkeit,
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Und die betrieben sie fast stets zu jeder Zeit.
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Weil nun die Bürgerschaft die Steur nicht mehr konnt
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geben,
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Also empfingen sie dreihundert Mann auch eben,
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Mit sie ward bequartirt ein jeder Bürgersmann;
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Doch wie es weiter ging hört mich nur ferner an:
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Man richt ihm Zimmer zu, indem sie gute Zahler,
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Ein jeder geben muß des Jahres Mieth sechs Thaler;
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Und ob der meisten gleich nicht hier war ihr Bestand,
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Indem sie mußten weg heim in ihr Vaterland,
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Jedennoch kamen sie ihr Geld hier zu empfangen,
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Und mußten auch sobald alda das Miethgeld langen.
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Ja diese hatten all die Großen unter sich,
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Kein einzger ihm zukam. Nun höret ferner mich:
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Sie bauten vor das Volk aus Stall und Winkel Häuser
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Darein zu setzen sie, die nicht vor sie der Kaiser
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Wohl aber dieser Stadt, die in der Bürgerpflicht
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Die Gaben rechnen dran und sollten geben nicht.
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Es konnten viele nicht nicht einen Mann erlangen,
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Ob sie gleich oft und viel zum Herren seyn gegangen;
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Sie sagten bald zu ihm: geht ihr habt eu’r Bericht
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Nicht bei euch schickt es sich, und ihr verstehts auch nicht.
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Sie machten sich gar frey, daß sie nichts durften geben,
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Und also thäten sie bei großen Gütern leben.
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Es mußten ihre Werk und Thun stets seyn gerecht,
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Auch trotz dem, der nur was wieder das aufbrächt.
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Im Gaben mußten sie die Bürger übertragen,
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Und dieses konnten sie auch keinem Rechten klagen:
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So also bin ich hier aus dieser Stadt verbannt,
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Daß ich itzt und darin bin nun nicht mehr bekannt.
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Ich sprach, sie sey getrost, man wird sie wieder kennen,
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Ein jeder Mann wird sie sein Schatz und Freundin
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nennen:
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Dem Könige gehört mit Recht das ganze Land,
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Der der wird geben ihr ihr Schwerdt in ihre Hand;
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Und ob er gleich noch ist in seiner Blüth der Jugend,
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So sind’t man doch an ihm das Muster aller Tugend.
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Er liebet Frömmigkeit, die reine Gotteslehr,
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Und mit ihr zieht ins Feld Gott selbst sein Engelheer;
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Ich selber werde ihm auch dieses alles sagen
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Das was sie so betrübt und was sie mir thut klagen.
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Mit ihr macht ers bald aus, es ist geschehn der Schluß,
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Daß sie sich packen soll, daß sie nun weichen muß.
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Sie darf nunmehro nicht an keine Macht gedenken,
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Sonst wird der König sie gewißlich lassen henken.
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Ein jeder nehm sich nur vor diesem Weib in acht!
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Auf daß er nicht mit ihr werd auf den Bau gebracht.
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Sie glaub mir sicherlich, sie wird an ihm den finden,
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Der ihre Hände wird auflösen und aufbinden:
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Sie hoffe nur getrost, indem ich weiter geh,
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Sie leb indeß vergnügt, ich sage ein Adieu.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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