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Hier liegen sie, die heiligen Gebeine
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Des Menschenfreundes, der zum Schooße Gottes
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Komm, meine Tochter, komm und weine!
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Hier gab der Mann, der dich erzog
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Das stanbgewebte Kleid der Erde
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Zurück, und wird nicht mehr gesehn;
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Sein Flug ist ohne feurige Pferde,
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Ist ohne flammenden Wagen geschehn,
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Durch alle Sterne die über uns glimmen
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Wie Funken, und doch Welten sind;
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Ihm rufen tausend klagende Stimmen:
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Mein Vater! — mein Vater! — denn Er hat manch
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Gespeißt, gekleidet, auf immer beglücket,
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Viel matte dürftige Kranken erquicket,
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Erwärmet, und wieder zum Leben erweckt;
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Und seine sanfte wohlthätige Rechte
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Vor seiner Linken verdeckt,
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Damit es ihr unwissend bleiben möchte;
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Sein Engel aber hat alles bemerkt,
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Und in der letzten zielerstrebenden Stunde
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Die müdegewordene Seele gestärkt,
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Die sich vom freundlich geschlossenen Munde
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Mit ihrem Begleiter gen Himmel erhob,
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In welchem sein frommer Gedanke längst schwebte;
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O Tochter, besinge du künftig sein Lob:
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Wie beyspielleuchtend er lebte,
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Wie unveränderlich gütig Er blieh!
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Ich kann es nicht singen,
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Mich hindern Thränen, Er war mir zu lieb.
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Die Zeit kann Schätze wiederbringen,
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Und jedem gewässerverheereten Thal
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Noch schönere Blumen verleihen,
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Nur mit dem redlichgepriesenen
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Kann sie nicht mehr die Herzen erfreuen
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Die seine Tugend gewann.
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Ihn klagen Spalding, Sulzer und Leßer,
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Und Sack und Hermann vereint;
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Sie alle kannten Ihn länger und besser,
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Den nimmer wankenden Freund,
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Den immer heiteren Christen und Weisen,
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Der alles vertragen konnte, nur nicht
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Geschminkte Lügen, und heuchelndes Preisen
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Sie alle giessen, statt Honig und Weines,
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Ihm Thränenopfer aufs Grab, und eines
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Der größesten bringet der edele Mann,
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Der ältesten klagenden Tochter, sie lehnet
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Am Pfeiler des Grabes sich an,
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Das Auge zur Erde geheftet, und sehnet
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Sich nach dem Vater, und spricht:
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„komm jüngere Schwester, und mische die Zähren
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„mit meinen; du sahest Ihn nicht
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„bis dermaleinst zum großen Gericht
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„des Engels Posaune die Todten vereinet,
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„und Er gleich einem der Engel erscheinet