Nachricht an den Grafen von Stollberg-Wernigerode wegen des Rinderhirtens Johann Christoph Grafes in Schwiebus, zween Meilen von Züllichow

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Anna Luise Karsch: Nachricht an den Grafen von Stollberg-Wernigerode wegen des Rinderhirtens Johann Christoph Grafes in Schwiebus, zween Meilen von Züllichow (1792)

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Der Rinderhirte lebt noch dort,
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Wo er mir Früchte gab und Kränze;
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Nicht Gram, nicht Mangel trieb ihn fort,
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Er zählte sechs und vierzig Lenze,
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Vielleicht seit seinem Kinderlauf,
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Vielleicht auch drüber oder drunter.
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Sein Auge blickt nicht reizend auf,
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Ist nicht beflammt, nicht groß, nicht munter,
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Sein Lippenpaar verlocket nicht
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Zur Lüsternheit nach einem Kusse —
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O Graf! Sein ganzes Angesicht
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Empfing nichts von dem Honiggusse
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Der Grazien, die an der Braut
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Des Fürsten, der Dich Vater nennet,
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Mund, Auge, Stirn und Brust gebaut.
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In dieses Menschen Miene kennet
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Man nichts von dem, was die Natur
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Ihm mitgegeben zum Geschenke,
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Als er der Dunkelheit entfuhr.
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Man sieht nicht, daß er besser denke
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Wie mancher, den sie schön gemacht.
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Er scheinet uns so gar zuwider,
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So bald er freundlich thut und lacht.
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Und doch verdient er funfzig Lieder
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Von wegen seiner Frömmigkeit.
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Die Tugend hat von seinen Thaten
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Gewiß noch keine nicht gescheut.
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Den Weg, auf den die Spötter traten,
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Vermied er immer, und die Bahn
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Der Gottsvergeßnen und die Freuden
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Der Jünglinge, die Lust auf Lust
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Verschlucken und ihr Auge weiden
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An Dingen die vergänglich sind.

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Er spannte sein ererbtes Rind
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Am Pflug, den er sich selber machte,
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Genoß, was Feld und Garten brachte,
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War stets zufrieden, war vergnügt
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Mit seinen selbstgezeugten Rüben
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Bis Rußlands Völker uns bekriegt
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Und manchen Landmann fortgetrieben.
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Da ward sein kleines Glück zerstört.
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O Menschenfreund! Du hast sein Klagen
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Mit unverschloßner Brust gehört,
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Und ihn zu retten beygetragen.
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Jezt drängt ein nachbarlicher Feind
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Sein frommes Herz zu neuer Klage;
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Reiß ihn heraus, Du Tugendfreund!
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Er wendet seine Lebenstage
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Zu mancher Schnizwerkarbeit an,
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Wenn er im Winter nicht die Erde
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Mit scharfem Pflug durchwühlen kann.
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Hilf, Gönner! daß er glücklich werde!
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Sein Feind, sein Widersacher nimmt
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Ihm einen Theil von seinem Erbe.
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Er ist auf seine Stadt ergrimmt,
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Laß zu, daß er in Deiner sterbe,
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Und glaube, daß der Hirte frei,
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Nicht unterthänig, nicht gebunden
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An irgend einem Herren sey.
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Empfinde, was Du oft empfunden,
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Wenn Du denjenigen erquickt,
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Der bittend Dir durchs Herz geblickt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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