An den berühmten Chodowiecky

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Anna Luise Karsch: An den berühmten Chodowiecky (1792)

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Der Du mein Auge gut getroffen,
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So, daß Dirs meine Muse dankt,
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O
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Daß sich des Dichters Kopf nicht mit dem Kopfe zankt,
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Der mit ihm in Gesellschaft reiset,
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Er ist so groß — ich bin so klein,
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Ich sing’ ein Lied, das nichts beweiset,
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Er singt, um ewig hier zu seyn,
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Und jede Welt zu überführen,
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Daß Ihn Apollo Sohn genannt;
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Mein Bischen Ruhm wird sich verlieren,
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Wenn ich ins Geistervaterland
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Hinweggeflattert bin — und Seiner wird bestehen.
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Ich bin ein Weib, Er ist ein Mann,
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Mein Verschen weiß nur deutsch zu gehen,
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Wenn Sein Vers nach dem Takt des Römers tan-
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Der für die Jugend Roms ein Jubellied gedichtet,
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Und für den Cäsar und für sich
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Ein dauernd Denkmahl aufgerichtet;
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Auch Du errichtest eins für Dich
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In den Figuren, die mit Blicken,
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Und mit Geberden sprechend sind.
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Der Pastor Sebald
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Sein todtes Weib, sein starres Kind,
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Und seine Tochter Mariane,
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Der Bauer und sein Freund, der von der Reisebahne
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Beflügelt ihm zu trösten kam,
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Sind insgesammt so wahr gezeichnet, daß der Gram
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Mich selbst ergreift, wenn ich sie sehe —
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Und wann die Frau von Hohenauf
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Das arme Mädchen schreckt — dann fühl’ ich
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Vom Haupte bis zum Fuß, und flehe
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Die Götter für das junge Paar,
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Das in der schönen Sommerlaube
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So keusch verliebt, so zärtlich war;

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Ich bin getäuscht, ich denk und glaube,
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Daß alles wirklich vor mir sey,
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Der Jüngling und die böse Tante;
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Mir dünkt, mein Ohr hört ihr Geschrey,
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Und jedes Afterwort der Zunge, die da brannte
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Vom Grimm, der aus dem Herzen fuhr,
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Wie Flammen aus dem Höllenschlunde;
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Ich hasse diese Kreatur,
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Mit ihrem Mops-gestalten Munde,
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Und fühle ganz des Säuglings Schmerz,
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Der fast versteinert ist im Starren,
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Die Stirn herunter hängt aufs Herz,
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Den Handschuh fallen ließ, weil er vor einen Narren
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In Folio gescholten ward,
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Vor einen blinden, dummen Knaben,
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Der sichs im Kopf gesetzt, ein Mädchen solcher Art,
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Ein staubgebornes Kind, zur ächten Frau zu haben —
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Dies kränkt mich und die Furcht des Mädchens,
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das so zart,
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So fein geschaffen ist, so würdig ihn zu lieben,
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Ich hoffe, daß er sie bekömmt,
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Wenn ihr Verhängniß sie genug herumgetrieben,
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Und Beyder Wünsche gnug gehemmt,
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So wird es endlich ausgesöhnet,
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Und Deine Kunst zeigt uns alsdann die frohe Braut,
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Wie Hymen ihre Schläfe krönet,
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Vom Neide hämisch angeschaut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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