Die Wassersnoth bei Frankfurth an der Oder im April 1785

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Anna Luise Karsch: Die Wassersnoth bei Frankfurth an der Oder im April 1785 (1792)

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Vom Gebirge strömte das Verderben
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Ins Gefilde weit und breit,
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Saat und Blumenkeime wollten sterben
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Unterm Wasserwogenstreit,
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Zarte Lämmer, junge Busenkinder
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Heischten Rettung aus der Fluth —
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Hungerleiden brüllten magre Rinder,
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Die des Landmanns einzig Gut
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In der niedern Armuthshütte waren.
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Größer schien die Wassersnoth
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Als ein Feldzug fremder Kriegesschaaren,
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Der mit Schwerd und Feuer droht
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Und mit Plünderung dem platten Lande,
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Das sein Rauschen hört und zagt,
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Wenn der Zug vom äußern Gränzenrande
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Schrecken vor sich hergejagt —
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Jenem Waffenrasseln widerstehet
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Heldenklugheit, Heldenmuth;
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Aber wenn sich fürchterlich erhöhet
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Ausgetretner Ströme Wuth,
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Kann der König selber nicht gebieten,
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Der mit siegesreicher Hand
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Sieben Jahre lang dem Waffenwüten
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Vieler Feinde widerstand.
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Rettung nur war möglich, war zu wagen,
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Und wenn sie gelang, alsdann
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War kein Dichter stark genug, zu sagen
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Wonne, die der Held gewann.

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Leopold, ein junger, Menschenlieber
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Guelfensohn, hat es gewagt —
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Menschlich Mitleid riß ihn mächtig über
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Alle Warnung laut gesagt.
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Ueber alle Todesfurcht erhaben,
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Sprang er in den Kahn, und sprach:
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„rudert rüstig fort, ihr Schifferknaben,
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„folgt der Jammerstimme nach,
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„die so kläglich Hülfe fodert drüben,
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„hört die Todesangst und eilt!
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„schon zu lange seyd ihr kalt geblieben,
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„habt zu lange schon geweilt,
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„habt nur hier die Wellen angegaffet,
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„die der Brücke Halbtheil schon
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„angegriffen und hinweggeraffet —
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„fürchtet nicht dies Wasserd
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„ich bin Mensch, wie ihr zur Welt gekommen,
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„wagt doch, was ich wagen kann,
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„seht, da wo die Häuser weggeschwommen,
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„kommts auf Menschenrettung an —

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Also sprach der Fürstensohn und brannte
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Von Begierde, da zu seyn,
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Wo sich zu dem Sturmgebieter wandte
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Nothgedrängter Menschen Schreyn.
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Bald hinüber war die Fahrt gelungen,
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Als ein Windstoß sie ergriff,
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Ach, von einer Welle Wuth gedrungen,
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Scheiterte das kleine Schiff
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An der Wurzel einer alten Weide
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Und die wilde Fluth verschlang
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Frankfurts Stolz und Ruhm und Augenfreude
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Mit dem Wassertode rang
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Leopold nur wenige Minuten
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Seine Seele stieg empor
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Schöner als durch vieler Wunden Bluten
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In der Heldenseelen Chor —
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Und die Bürger und die Musensöhne
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Und die Kriegesmänner all
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Klagen Ihn, und ihre Klagetöne
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Wiederholt der Wiederhall,
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Daß es alle Lüfte hören müssen,
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Und ein Künstler groß und mild
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Macht der Folgezeit die That zu wissen
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Durch der Thatbeginnungs-Bild.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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