An eine adliche Schuldnerin, für welche sich die Dichterin verbürgt hatte

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anna Luise Karsch: An eine adliche Schuldnerin, für welche sich die Dichterin verbürgt hatte (1792)

1
Weg ist nun eine Woche schon,
2
Zwei Wochen werden auch verschwinden —
3
Nach Deiner Kummerbitte Ton
4
Verschwand die erste Woche schon,
5
Woher soll sich Bezahlung finden?
6
Du machest ein Geheimniß mir
7
Aus der vorgeblich großen Sache,
8
Ein Abgesandter kam von Dir,
9
Der sagte das Geheimniß laut,
10
Weil ich ihn frug, worauf die Hoffnung sey gebaut?
11
Da nannt’ er ein Arcanum mir, und prahlte
12
Er sey selbst bei der Sache intressirt,
13
Er, dessen alt Gewand kein Mensch mit Dank bezahlte,
14
Der nicht den Stab des Mangels führt —
15
Wahrhaftig, wenn Dein magrer Bote
16
Ein Mann von den drei Männern ist,
17
Mit welchen Du geschäftig bist,
18
An dem Arcanum, das von ächtem Korn und Schroote
19
Dir blanke Thaler bringen soll:
20
Dann steht es mißlich um die Leute,
21
Die sich verließen hoffnungsvoll,
22
Daß Deine Miene Gold bedeute,
23
Wenn Du Dir solch ein Ansehn gabst,
24
Als ob Du große Renten sicher
25
Aus großen hohen Händen habst —
26
Sprich, was studierst Du doch für Bücher:
27
Von deutscher Wolle willst Du nun
28
Die feinste Spansche Wolle machen?
29
Du willst ein Wunderwerkchen thun?
30
Ich lache bei sehr wenig Sachen,
31
Doch bei

32
Zwingt Dich die Drangsaal nicht zu schon gewohnter
33
List;
34
So wird Dirs dennoch gehn wie manchem Alchimist,
35
Der Tag und Nacht darauf verwendet,
36
Und wenn er nun das lezte Werk vollendet,
37
Wenn nun das Wunder soll geschehn,
38
Veredeltes Metall im Tiegel
39
Mit rothem Goldesglanz zu sehn,
40
Ach, dann bekommt der König Flügel,
41
Flieht aus dem Laber’torium
42
In alle Lüfte ringsherum
43
Und nichts bleibt als ein Aschenhügel.
44
Der Laborant wird kummerstumm —
45
Daß Gott erbarm! so kann Dir’s auch ergehen,
46
Dann giebst Du Deinem Schicksal Schuld,
47
Und alle Gläubiger verlieren die Geduld,
48
Und ich soll für die Summa stehen,
49
Die Du bei St*zen aufgeborgt.
50
Nie darf ich’s wagen unbesorgt
51
Vor innerlicher Schaam dies Haus noch zu betreten,
52
Wo Du Dir Silber ausgebeten,
53
Weil Dich mein redlich Herz empfahl.
54
Gewöhne Dich zur Wahrheit doch einmahl
55
Jezt in den Jahren des Verstandes —

56
Was hilft Dir jeder blaue Dunst;
57
Du wolltest ja den Flachs des Landes
58
Verwandeln auch durch eine Kunst
59
In würklich reine weiße Seide.
60
Du wolltest ja durch Liebesfreude
61
Dein Glück auf Deiner Tochter Glück
62
Fest gründen wie auf einem Fels im Meere.
63
Du bliebst dabei noch bis zum lezten Augenblick,
64
Daß Dirs vollkommen kundig wäre,
65
Wie Gusta mit dem Oberhirt Montan
66
Sich insgeheim gar wohl verstände,
67
Nun hat die schöne Truglegende,
68
Hat die Vorspiegelung ein Ende;
69
Nicht nur der Schein ist wider Dich,
70
Es sind vorsätzliche Thatsachen,
71
Und jede frägt halbrichterlich:
72
„wer hieß Dich Staat auf fremde Kosten machen?
73
„wer zwang Dich zum Bedientenlohn?
74
„zur Wagendingung, und dergleichen?
75
„ha, der vornehme, große Ton,
76
„geziemt sich nur allein den gold- und silberreichen,
77
„nicht denen, die von Tag zu Tag
78
„sich um die Nothdurft kümmern müssen;
79
„man wage nur, was man vermag,
80
„und schone sein Gewissen“ —

81
So reden ohne Schmeichelei
82
Die wirkliche Thatsachen,
83
Sie schreien laut, und dies Geschrei
84
Wird Deinem Wappen Schande machen;
85
Und flistern muß ich Dir ins Ohr:
86
Die Redlichkeit geht allen Wappen vor,
87
Und allem Glanz von tausend Jahren.
88
Ich ließe mich oft gern bei meine Freunde fahren,
89
Denn sauer wird mir jeder Gang,
90
Mein Eingeweid ist schwach, ich fühls bei jedem Tritte,
91
Muß ruhen unterwegs oft Viertelstunden lang;
92
Und dennoch macht ich mirs zur Sitte
93
Kein Geld zu borgen, um dem Lohngedungnen Mann
94
Zu zahlen, der durch Vorgespann
95
Mich ganz bequem zu Freunden brächte.
96
Noch weniger borgt ich mir Geld,
97
Damit man mich bemerken möchte,
98
Wenn vorgefahren wird, und wenn der Kutscher
99
hält —
100
Ich kenne schon, seit fünf und zwanzig Jahren,
101
Ein wirklich edles Weib
102
Es ließ sich ehedem in väterlicher Stadt,
103
Und hier zu groß Berlin im eignen Wagen fahren;
104
Weils aber ganz wahrhaftig edel denkt,
105
Hat sichs in seinen Wittwen-Jahren
106
Gebührlich eingeschränkt —
107
Wenns Gichtschmerz in den Füßen leidet,
108
Alsdann bleibts gern daheim, und meidet
109
Gesellschaft von der besten Art;
110
Und wenn der Schmerz vertrieben ward,
111
Dann gehts zu Fuß, wie ich, dann scheint es zu
112
vergessen,
113
Daß der Gemahl Major gewesen ist —
114
Dafür empfindet es auch nie das Drangsalpressen,
115
In welches Du gerathen bist.
116
Bey Gott! zu dieses Weibes Füßen
117
Da möchten Du und ich, und hundert andre sich
118
Noch setzen, und gutmüthiglich
119
Der Weisheit Unterricht genießen —
120
Denn ohne Prahlerei im Glück,
121
Und ohne Zittern, ohne Zagen,
122
Beim widerwärtigen Geschick,
123
Bei trüben Kummertagen
124
Bleibt dieses Edlen Weibes Geist
125
Gleich stark um alles zu ertragen;
126
Und wenns die Scheelsucht bitterlich verdreußt,
127
So darf, so will, so muß ichs dennoch sagen:
128
In dieses Weibes Herz verläugnete sich nie
129
Die thätigste Philosophie! —

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.