An die verwittwete Madame R* ldt nach Freyenwalde nachgeschrieben

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Anna Luise Karsch: An die verwittwete Madame R* ldt nach Freyenwalde nachgeschrieben (1792)

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Ach, es regnet unaufhörlich,
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Und es hat die Nacht gestürmt —
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Manchen Wandrer fromm und ehrlich
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Hat kein Regenschirm beschirmt
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Auf der offnen Post nach Preußen,
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Oder wie in unsrer Welt
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All die Länder mögen heißen,
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Wo es naß vom Himmel fällt.
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Ach, es ist doch Jammerschade,
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Wenn der kalte Wolkenwind
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Kranken ärgert, die zum Bade
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Hoffnungsvoll gereiset sind,
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Und nach Aeskulaps Gesetzen
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Ihre schwache Nerven nun
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Nicht mit Wasser dürfen netzen;
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Denn das möchte Schaden thun,
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Möchte noch die Gicht vermehren;
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Darum läßt der Kranke gern
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Sich von einem Arzt belehren,
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Wie von seines Willens Herrn —

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Liebe Freundin, du bist endlich,
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Gott sey Dank, nun hingereist,
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Weil man da so still und ländlich
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Unter viel Gesellschaft speist;
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Menschen kennen lernt im Gange
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Unter Bäumen hoch und breit,
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Und mit Ihnen sondern Zwange
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Sich der schönen Gegend freut,
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Die du mir so schön beschrieben
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Und nun nicht genießen wirst.
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Keine Wolke wird vertrieben,
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Wäre gleich der erste Fürst
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Auf der ganzen weiten Erde
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Friedrich Maximus allda,
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Spräch er, wie ein Gott, es werde
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Licht am Himmel fern nnd nah —
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Würd es dennoch düster bleiben
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Und er müßte sich im Schach
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Langer Weile Druck vertreiben
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Unterm Badezimmer-Dach,
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Oder ließe vom gelehrten
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Marquis Luchesini sich
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Lesen, was die Römer hörten,
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Wenn ihr Redner königlich
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Ueber sie zu herrschen wußte,
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Daß vor seiner Stimme Ton
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Ihre Seele zittern mußte,
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Oder schmelzen, oder schon
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Wieder lieben, wen sie haßte.

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Freundin! findet irgendwo
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Sich in einem Badegaste
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Unter Euch ein Cicero,
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Wie der große Mann gewesen,
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Den ein Römer umgebracht,
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Dann braucht keiner vorzulesen,
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Was ein Cäsar hat gedacht
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Und gethan und ausgerichtet,
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Oder was Horazius
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Künstlich noch dazu gedichtet
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Für den Kayserhuldgenuß —
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Dieser Cicero, der deutsche,
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Machte, daß kein Badegast
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Traurig wäre beim Gepeitsche
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Kalten Windes, der die Last
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Armer müder Wandersleute
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Schwerer macht, als sie schon ist —
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Cicero verkürzt mir heute
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Da Du nicht vorhanden bist,
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Dieses trüben Tages Länge,
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Giebt mir einen Abendschmaus;
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Denn wenn’s sieben schlägt, dann gänge
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Ich vermuthlich in Dein Haus
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Unter einem Leinwanddache;
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Krebse schmaust’ ich da mit Dir.
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Nun bleib ich daheim und mache
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Ein Gedankenschmäuschen mir.
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„cicero, sprech ich beim Lesen,
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„eicero, du warst beglückt,
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„wärst beglückter noch gewesen,
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„hätte dich ein Weib bestrickt,
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„die sich für dein Herz geschickt —

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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