An die Sonne bei dem Leichenbegängnisse Friedrichs des Größten

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Anna Luise Karsch: An die Sonne bei dem Leichenbegängnisse Friedrichs des Größten (1792)

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Geliebte Fürstin der Natur,
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O Sonne! hülle dich in Schleyerwölkchen nur,
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Und nicht in eine schwere finstre Wolke,
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Du schöne Himmelsmajestät!
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Bleib freundlich diesem Trauervolke.
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Sieh, dieser Zug, der langsam geht,
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Der Königliche Leichenwagen,
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Bedeutet mehr, als je dein Blick gesehn,
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Wenn Weltbeherrscher fortgetragen
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In Grüfte wurden, wo kein Klagen,
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Kein Opferbringen, und kein Flehn
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Den Hingetragnen weckt, wo düster die Verwesung
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Auf ewig kaltem Throne sitzt,
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Wenn Jahr an Jahr zur Neugenesung
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Dein milder Frühlingsstrahl erhitzt
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Die winterkrank gewesne Erde,
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Daß Baum und Pflanze wieder blühn,
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Und Berg und Thal bekleidet werde
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Mit wiederfrischem Jugendgrün:
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Nur Gras und Blumen kannst du wecken
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Und Wurm und Schwalben, die ihr Haupt,
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Ihr leblos Haupt, im Sumpf verstecken;
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Mehr ist dir nicht erlaubt —

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Die Könige, die dir geglichen
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An Größe, Mildigkeit und Macht,
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Und so wie Laub und Gras verblichen,
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Die werden nicht hervorgebracht
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Aus ihren Gräbern, wenn die Schwalbe
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Durch deine Würkung wieder lebt,
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Und bäte dich darum die halbe
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Verwayßte Welt, die mit begräbt
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Ihr blühend Glück, und Stolz, und Wonne,
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Du bist ohnmächtig ihrem Ruf —
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Du siehst nicht mehr als Morgensonne
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Den Früherwachten, der schon in Gedanken schuf,
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Was Millionen Menschen nützte,
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Wenn deinem Glanz die Lerch entgegen sang —
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Du siehst nicht mehr den Helden, der uns schützte,
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Der mit viel Feinden für uns rang.
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Du wirst in Seiner Hand nicht mehr Sein Schwerdt
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vergülden,
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Er gab es Seinem Folgefürst,
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Den du dereinst in Schlachtgefilden
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Zu Heldenkampf auch wecken wirst,
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Wenn gegen uns ein Feind sich hübe
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Vom Waffenlager fürchterlich —
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Ihn wird auch Landesvaterliebe
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Nicht ruhen lassen, wenn du dich
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Schon zeigst im rosenfarbnen Schleyer:
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Dieß ist Sein Vorsatz königlich —

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Er weint, Sein Vorbild war so groß, so lieb, so
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theuer,
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Und ach, du selber trübest ja
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Dein Antlitz bei der Leichenfeyer,
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Weils Seine Thränen fließen sah —
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Zeuch Wasser aus der Spree und aus der Hafelwelle,
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Und aus der Ostsee, wenn du willst;
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Noch weilt Er auf der Grabesschwelle,
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Und segnet Friedrichs Schlummerstelle,
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Indeß du dich in Trauer hüllst;
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Noch tönt bei heiligen Gebeinen
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Der Todtensang zu dir empor —
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Laß eher nicht den Himmel weinen,
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Bis Saytenspiel und Sängerchor
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Genug geklagt, bis Alles schweiget
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Und Alles aus dem Tempel wich,
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Und nur ein stilles Ach noch steiget
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Weit über dich —

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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